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StartseiteKalenderblattKirche als gütige Mutter15.05.2006

Kirche als gütige Mutter

1961 veröffentlichte Papst Johannes XXIII. eine wegweisende Enzyklika

Vor 45 Jahren führte Papst Johannes XXIII. mit seiner Sozialenzyklika "Mater et magistra" die katholische Kirche auf Neuland. Erstmals bezog ein Papst die Völker außerhalb Europas in die soziale Frage ein und gab der Weltengemeinschaft Verantwortung für die notleidenden Menschen.

Von Peter Hertel

Papst Johannes XXIII. (AP Archiv)
Papst Johannes XXIII. (AP Archiv)

Papst Johannes XXIII. kündigt auf dem vatikanischen Petersplatz vor 100.000 katholischen Arbeitern seine Sozialenzyklika "Mater et magistra" an: Die Enzyklika ist fertig. Das päpstliche Rundschreiben wird am 15. Mai 1961 veröffentlicht.

"1. Mutter und Lehrerin der Völker ist die katholische Kirche."

Mutter und Lehrerin, lateinisch: Mater et magistra. Mit diesen drei Worten will Johannes XXIII. gleich zu Beginn klar machen: Die katholische Kirche präsentiert sich als gütige Mutter, die sich vor allem um ihre schwachen und unterdrückten Kinder kümmert. Jahrhundertelang war sie eine Stütze der Herren und der Mächtigen, der Starken und der Reichen gewesen. Nun begab sich zum ersten Mal ein Papst auf die andere Seite. Der Oberhirt der Kirche macht sich gewissermaßen die Leiden, Klagen, Bestrebungen der unteren Schichten und der Unterdrückten zu eigen. Er tritt auf als ihr Anwalt, als Schützer ihrer Rechte.

Mit einer Sozialenzyklika hatten für diesen Tag viele gerechnet. Am 15. Mai 1891 hatte Papst Leo XIII. die erste katholische Sozialbotschaft veröffentlicht. Sie war spät gekommen, das Papsttum hatte lange gewartet, ehe es sich zur so genannten sozialen Frage äußerte. Leos Schreiben "Rerum novarum" hatte sich mit den neuen gesellschaftspolitischen Verhältnissen beschäftigt. Jener Papst sah das Übel unter anderem im gesellschaftlichen Fortschritt und in den "arglistigen" Führern der "sozialistischen Arbeiterbewegung". 40 Jahre danach - quadragesimo anno - war dann die zweite Sozialenzyklika erschienen, wieder am 15. Mai. Herausgebracht hat sie Papst Pius XI., der unter anderem die ungerechte Verteilung der Güter anprangerte:

"Die Erdengüter, die in so reicher Fülle erzeugt werden, sind nicht richtig verteilt und den verschiedenen gesellschaftlichen Klassen nicht entsprechend zugute gekommen."

Auch Pius XI. hatte Probleme, sich auf die neue Zeit einzustellen, zum Beispiel empfahl er den alten Ständestaat. Erst Johannes XXIII., der reformfreudige Papst des Zweiten Vatikanischen Konzils, bejahte die gesellschaftlichen Umwälzungen als Gottesgeschenk. Dabei knüpfte er durchaus an die beiden Sozialenzykliken seiner Vorgänger an, gleich ihnen hob er das Recht auf Privateigentum hervor. Aber er verzichtete darauf, ein Lehrsystem zu errichten. Angstfrei, locker argumentierend, setzte er vielmehr Vertrauen in seine Adressaten, nahm optimistisch die Realität in den Blick, etwa die neuen Möglichkeiten der Atomkraft, den Vorstoß in den Weltraum und die betriebliche Mitbestimmung, für die er sich vehement einsetzte.

Herausragend war, dass erstmalig ein Papst die notleidenden Völker außerhalb Europas in die so genannte soziale Frage einbezog:

"Uns alle gemeinsam trifft die Verantwortung für die Völker, die an Unterernährung leiden. Gerechtigkeit und Menschlichkeit fordern, dass die Überschussländer den Mangelgebieten zu Hilfe kommen."

Mit dieser Perspektive hat Johannes XXIII. die katholische Kirche auf soziales Neuland geführt, auf dem sie unter Papst Paul VI. und Papst Johannes Paul II. beherzt weiterging. Seit "Mater et magistra" hat sie sich energisch in den politischen Streit um soziale Gerechtigkeit, Armut und Unterdrückung eingemischt und den Mächtigen ins Gewissen geredet. Die zentrale Forderung für das Zusammenleben der Völker, die schon Johannes XXIII. erhoben hat, wurde von den reichen, starken Ländern bis heute jedoch kaum befolgt:

"Die wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder, die den schwächeren helfen wollen, müssen sich ganz besonders davor hüten, auf deren politische Verhältnisse eigennützig Einfluss zu nehmen, um ihre Herrschaftsansprüche durchzusetzen. Wer dies anstrebt, richtet letztlich eine neue Form von Kolonialherrschaft auf. Sie stellt unter einem heuchlerischen Deckmantel die frühere, überholte Abhängigkeit wieder her. Das bedroht den Weltfrieden."

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