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StartseiteDie neue PlatteErik Satie neu interpretiert12.06.2016

KlavierwerkeErik Satie neu interpretiert

Mit seinen Klavierwerken setzte Erik Satie sich bewusst vom spätromantischen Virtuosentum der Tastenlöwen ab. Manche von ihnen sind geradezu provokant einfach gehalten. Zu seinem 150. Geburtstag haben die Pianistinnen Olga Scheps und Tamar Halperin Saties Klavierwerke neu unter die Lupe genommen.

Ein Porträt des französischen Komponisten Erik Satie (1866-1925) (imago / Leemage)
Der französische Komponist Erik Satie (1866-1925) (imago / Leemage)
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Sie war zu Saties Lebzeiten seine wohl populärste Komposition: das Chanson "Je te veux" für Singstimme und Klavier, das für die Diseuse Paulette Darty entstand und 1903 im Druck erschien. Später gab Satie das Stück noch in verschiedenen anderen Arrangements heraus. Dieser Walzer spiegelt zwar geradezu typisch das leicht anrüchig-frivole Leben im Pariser Stadtteil Montmartre wider, in dem der Komponist zeitweilig lebte und als Pianist am legendären Cabaret "Chat noir" arbeitete. Sein eigentliches Klavierwerk ist davon jedoch weit entfernt.

Gegen die Konventionen

Satie, am 17. Mai 1866 in Honfleur geboren, widersetzte sich regelmäßig Konventionen: Beispielsweise flog der hochbegabte Jugendliche wegen fehlender Motivation von Pariser Konservatorium. Mit 18 Jahren schrieb er seine erste Komposition; drei Jahre später entstanden die "Trois Sarabandes", in denen Saties so typischer Kompositionsstil bereits weitgehend ausgeprägt ist. Die Sarabande Nr. 2 widmete er seinem jüngeren Kollegen Maurice Ravel.

Sie hat Olga Scheps auf ihrem Album neben den bekannten "Gymnopédies" und den "Gnossiennes" ebenso eingespielt wie Saties eher wenig bekannte "Fünf Grimassen für 'Ein Sommernachtstraum' von Shakespeare". Diese aphoristisch kurzen Stücke waren 1915 als Teil eines musikalischen Gemeinschaftsprojektes gedacht, an dem auch Ravel und Igor Strawinsky mitwirken sollten.

Als daraus nichts wurde, verstaute Satie die Noten in seiner Wohnung, wo kurz nach dessen Tod am 1. Juli 1925 Darius Milhaud sie dort wieder entdeckte; er erstellte von den 'Grimassen' für Orchester eine Klavierversion. Deren frechen Witz zeichnet Olga Scheps mit hörbarer interpretatorischer Freude nach.

Unterschiedliche Interpretationsansätze

Während die in Köln lebende russische Pianistin mit feinsinnig nuanciertem Spiel dem exzentrischen Komponisten nachspürt, stellt ihre israelische Kollegin Tamar Halperin sich die Frage, wie Saties Musik klänge, wenn er sie heute komponieren würde. Damit wird bereits angedeutet, dass sie sich nicht nur auf das Klavier als Tasteninstrument beschränkt: In Tamar Halperins Einspielung kommen auch Cembalo, Hammond-Orgel oder Wurlitzer-Piano sowie die Computertechnik zum Einsatz, die den Stücken einen zum Teil völlig anderen Charakter verleihen. Saties "Gnossienne Nr. 6" beispielsweise ist auf beiden Einspielungen vertreten und klingt bei Olga Scheps ganz anders als bei Tamar Halperin.

Wegbereiter für Neue Musik

Für die israelische Pianistin kann der Einfluss Erik Saties auf die Entwicklung der Neuen Musik kaum überschätzt werden; dazu schreibt sie im Booklet der CD:

"Als einer der ersten Komponisten hat er die Grenzen zwischen "klassischer Kunstmusik" und nicht klassischen, populären Stilrichtungen verwischt. Auch war er einer der Ersten, der Strömungen wie den Minimalismus, Miniaturismus, Dadaismus, Nonsens, Surrealismus, extreme Repetition, Immobilität und neo-griechische Stile in die Musik einführte."

Wie Olga Scheps hat auch Tamar Halperin Saties "Gnossiennes" und "Gymnopédies" eingespielt; dazu kommen noch Sätze aus den sogenannten "Drei Stücken in Form einer Birne" oder den "Danses de travers". Allerdings sind sie hier nicht zyklisch angeordnet, sondern sehr individuell untereinander arrangiert.

Phonometriker statt Musiker

Darüber hinaus versah Tamar Halperin jedes Stück mit einem persönlichen Titel, der aus ihrer Auseinandersetzung mit der Musik entstand und dessen Findung ausführlich im Booklet erläutert ist. Beispielsweise erinnerte sie "En plus" aus den "Drei Stücken in Form einer Birne" an den französischen Dichter Henri Michaux. Und die berühmte "Gymnopédie Nr. 3" ist mit "Phonométrique" überschrieben, weil Satie sich oft nicht als Musiker, sondern in erster Linie als Phonometriker bezeichnete.

Zweimal fast dieselben Stücke, gespielt von zwei Pianistinnen – und doch sind es zwei ganz unterschiedliche Erkundungen von Saties Klavierwerken. Beide finde ich spannend und sehr hörenswert.

CD-Infos:
Erik Satie, Klavierwerke mit Olga Scheps (Sony Music 889853054022) und Erik Satie, Klavierwerke mit Tamar Halperin (Edel Classics 0300759NM)

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