Archiv


Kölns Oper ist wieder da!

Die Kölner Oper ist bekannt für ihre ungewöhnlichen und oft auch irritierenden Inszenierungen klassischer Stücke. Nun beschließt der Regisseur Uwe Eric Laufenberg mit einer modernen Fassung von Mozarts "Don Giovanni" seine erste Saison als Intendant.

Von Christoph Schmitz |
    Mit den Dorftrotteln glaubt es Don Giovanni machen zu können. Er platzt ins Hochzeitsfest der Bauern hinein, lässt den beschränkten Bräutigam Masetto entfernen und wickelt die Braut Zerlina um den Finger, denn als Adeliger und genialer Verführer scheint er leichtes Spiel zu haben.

    Regisseur Uwe Eric Laufenberg hatte für seine Aktualisierung einen treffenden Einfall. Die soziale Unterschicht bilden bei ihm Migranten in den Wohnsilos unserer Vorstädte, muslimische Einwanderer aus Anatolien mit Kopftuch und archaischer Familienhierarchie. Wenn Zerlina von ihrem Don-Giovanni-Abenteuer zurückkommt, wird sie von Masetto zuerst einmal verprügelt und singt dann unterwürfig und blutüberströmt ihr "Batti, batti",

    Schlage, schlage guter Masetto, deine arme Zerlina. Ich will still stehen wie ein Lämmchen und es entgegennehmen.

    Laufenberg bietet eine ganze Reihe guter Regieeinfälle. So lebt Don Giovanni in einem Luxusapartment, die Umgebung wird von Kameras überwacht, deren Bilder er auf die weiße Wand projiziert; seine Verführungsrhetorik bringt er nicht als Ständchen vor geschlossenen Fenstern dar, sondern säuselt sie ins iphone, und auf demselben Gerät zeigt sein Diener Leporello der versetzten Donna Elvira die Namensdatei der Geliebten Don Giovannis samt Fotos, die ebenfalls plus Navi-Straßenkarten großformatig auf die Schlafzimmerwand gebeamt werden. Und zum Festgelage des westlichen Verführers maskieren sich seine Verfolger mit schwarzen Ganzkörperschleiern und lässt ein Teil der fröhlichen Migranten unter Don Giovannis Libertinage-Ruf "Viva la Libertà!" alle Hüllen fallen und stürzt sich in eine pornoreife Sexparty. Schauspielerisch und vor allem gesanglich gelingt das alles auf höchstem Niveau!

    Die Leipzigerin Simone Kermes als Dona Anna, der Dortmunder Mirko Roschkowski als Don Ottavio, die Schwedin Maria Bengtsson als Donna Elvira, aus Russland Nikolai Didenko als Komtur, Mikhail Petrenko als Leporello, der Brite Christopher Maltman als Don Giovanni und Wolf Matthias Friedrich in der Rolle des Masetto und Claudia Rohrbach in der der Zerlina – sie müssen alle genannt werden mit ihrer ausdrucksstarken, charaktervollen und kultivierten Gesangsleistung. Auch Markus Stenz am Pult lässt einen kraftvollen und prägnanten "Don Giovanni" erklingen, auch wenn es bei den großen Ensembles hin und wieder etwas wackelt.

    So markant das Gürzenich-Orchester spielt, so deutlich das soziale Milieu von Zerlina und Masetto verortet wird, so unklar bleibt gesellschaftlich und psychologisch Laufenbergs Titelheld. Wer ist dieser Don Giovanni? Ein Strippenzieher im organisierten Verbrechen? Ein schwerreicher Privatier? Ein zynischer Unternehmer? Woher kommt seine Energie, da er doch immer so locker auftritt? Ein Getriebener ist er jedenfalls nicht, ein diabolischer Menschenverhexer auch nicht, weswegen in diesem musikalischen Gefühlskraftwerk Mozarts auf der Bühne eine Leerstelle bleibt. Auch für Don Giovannis Höllenfahrt am Ende ist der Regie außer einem Herzinfarkt und einem unspektakulären Verschwinden im Bühnendunkel nichts eingefallen.

    So hinterlässt die letzte Produktion von Uwe Eric Laufenbergs erstem Jahr als Kölner Opernintendant einen zwiespältigen Eindruck. Dennoch hat er in den zwölf Monaten seiner Regentschaft ein ehemals berühmtes Haus aus seiner langjährigen Bedeutungslosigkeit gerettet. Mit seinen "Meistersingern" war ihm ein vielbeachteter Auftakt gelungen, mit "Orfeo", "Traviata", "Voix Humaine" und "Love and other Demons" glückten Klassiker und Neues plus phantasievoller Kinderoper und interessanten Begleitprogrammen und das trotz heftiger kulturpolitischer Diskussionen um die dringende und geplante Sanierung einer maroden Immobilie. Das Kölner Musiktheater ist wieder da, auch wenn es weiter in einer Bruchbude und ab nächster Spielzeit zusätzlich in Ausweichquartieren spielen muss.