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Kommentar
Der DOSB in der Warteschleife

Das politische Deutschland steckt nach den geplatzten Sondierungsgesprächen in der Warteschlange. Der Sport könnte dieses Vakuum für sich nutzen und sich profilieren. Doch der DOSB ergreift diese Chance kurz vor der eigenen Mitgliederversammlung nicht.

Von Bianka Schreiber-Rietig | 26.11.2017
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    DOSB-Chef Alfons Hörmann bei der Bilanz der Sportministerkonferenz. (dpa / picture alliance / Caroline Seidel)
    Gedrängel in der Warteschleife. Weil sich das mit der Regierungsbildung noch etwas ziehen könnte, steht nun auch der Deutsche Olympische Sportbund mit der gesamten Republik in der Warteschlange. Und wartet worauf?
    Auf einen neuen Minister oder eine Ministerin, die den Sportfunktionären das Leben leichter macht. Sprich: Jeden Wunsch von den Augen ablesen, sich beim Geldverteilen nicht so störrisch anstellen und nicht darauf beharren, dass Vereinbarungen eingehalten werden.
    Auf einen Sportausschuss, der widerspruchs- und vorbehaltlos alle Anliegen positiv bewertet und abnickt. Auf Haushälter, die mal einfach auf Zuruf ein Sümmchen locker machen, weil der Sport gerade wieder Kohle braucht. Auf Politiker, die nicht ständig am nationalen und internationalen Sport und seinen Auswüchsen herumnörgeln wie zuletzt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
    Thomas de Maiziere (Innenminister), Kristina Vogel (Bahnrad, Einzelsprint Gold und Teamlsprint Bronze), Alfons Hörmann (Präsident DOSB) auf der Willkommensfeier in Frankfurt nach den Olympischen Spielen
    Thomas de Maiziere (Innenminister), Kristina Vogel (Bahnrad, Einzelsprint Gold und Teamlsprint Bronze), Alfons Hörmann (Präsident DOSB) auf der Willkommensfeier in Frankfurt nach den Olympischen Spielen (imago sportfotodienst)
    Träumen dürfen auch deutsche Sportfunktionäre. Schließlich sind sie Jahrzehnte lang von der Politik verwöhnt und gehätschelt worden. Ohne groß zu hinterfragen, wurde alles gewährt, was auf der Wunschliste des Sports stand. Kumpelhaft war der Umgang zwischen Sportführern und Ministern, die sich gerne neben edelmetallverzierten Athleten ablichten ließen. Endlich mal kein trister politischer Alltag.
    Die Idylle ist dahin. Spätestens seit sich Politik und Sport darauf einließen, eine Leistungssportreform zu kreieren, ist die gute Laune im Keller. Das Ansehen der Sportprotagonisten im DOSB-Führungskader bei der Politik ist im Eimer. Überzogene Forderungen und diverse skurrile Auftritte haben ebenso dazu beigetragen, wie die stets wachsende Erwartungs- und Anspruchshaltung des Sports an die Politik.
    Arbeit der DOSB-Oberen nicht medaillenverdächtig
    Dass Funktionäre sich und ihr Sujet Sport überschätzen, das sie immer noch für einen konkurrenzlosen Selbstläufer halten, wird besonders deutlich an der Neustrukturierung des Leistungssports und der Spitzensportförderung. Wer Leistung stets von anderen fordert – nämlich Politikern, Athleten, Trainern und Mitgliedsorganisationen -, muss sich auch an seiner eigenen Leistung messen lassen. Und die Arbeit der DOSB-Oberen ist ganz und gar nicht medaillenverdächtig.
    Seit dem Umsetzungs-Beschluss von Magdeburg ist viel geschehen, aber wenig passiert: Chaos, Unsicherheit und vor allem Streit sind die Begleitmusik der Reform, die ja mal ein Jahrhundertwerk werden sollte. Die Beziehung vor allem zwischen dem DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann und der Abteilung Sport beim Bundesinnenministerium ist wohl nicht mehr zu kitten.
    Der Sport hat politische Verantwortung
    Und auch wenn der DOSB-Boss hoffen mag, dass ein neuer ministerieller Männerfreund im Ministerium Platz nimmt: Ändern wird das nicht viel – es sei denn, auch der DOSB wechselt seinen verhandelnden Spielführer aus. Und alles auf Anfang! Politische Verantwortung hat auch der Sport, vor allem, wenn er immer noch auf seine Autonomie pocht.
    Insofern ist der Standby-Modus nun die Gelegenheit, sich im DOSB mal zu sortieren. Und zu besinnen. Da reicht es allerdings nicht, nur ein Leitbild voller Phrasen zu formulieren, sondern endlich mal den Berg der oft hausgemachten Probleme seriös abzuarbeiten. Das gilt nicht nur im Zusammenhang mit der Reform.
    Sportminister de Maizière, DOSB-Präsident Hörmann und Hamburgs Erster Bürgermeister Scholz
    Sportminister de Maizière, DOSB-Präsident Hörmann und Hamburgs Erster Bürgermeister Scholz in Hannover (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
    Wenn ausgerechnet eine Organisation, die für Bewegung steht und diese propagiert, bei ihrer Kernarbeit, dem Breitensport, fast zum Stillstand kommt, dann ist das politisches Versagen. Und zwar das Versagen der Sportfunktionäre. Wo wurde in den letzten Jahren vehement und nachhaltig von Hörmann zu gesellschaftspolitischen Themen Stellung genommen? Die Stimme des Sports ist da in der Versenkung verschwunden.
    Kein Spitzensport ohne Breitensport
    Zur Erinnerung: Es gibt keinen Spitzensport ohne Breitensport: Doch wann hielt Hörmann ein flammendes Plädoyer für einen besseren Schulsport oder für Vereine und deren Arbeit im Nachwuchsbereich? Oder für die unerlässliche Arbeit des Ehrenamts?
    Das Hörmannsche Geschäftsmodell Spitzensport steuert mit dieser Einstellung - mittelfristig gesehen - in die Insolvenz. Und als Ausrede für eine gescheiterte Reform und verkorkste Verbandspolitik fällt die politische Hängepartie jedenfalls flach. Dafür tragen Präsident, Präsidium und der scheidende Vorstandsvorsitzende Verantwortung.
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