
Am Ende war es ein Meer aus Tränen. Glücklich ist niemand nach diesem Tag an der olympischen Bob-und-Rodelbahn in Cortina d'Ampezzo. Es sind Tränen der Wut, der Enttäuschung, der Verzweiflung, der Hilflosigkeit, nachdem der ukrainische Skeletoni Wladislaw Heraskewytsch kurz vor dem Start des Wettbewerbs ausgeschlossen wurde.
Die Bilder von 20 im Krieg getöteten Sportlern auf seinem Helm – zu viel für das Internationale Olympische Komitee. Der Wettkampf sei nicht der richtige Ort für das Gedenken und die Trauer. Immer wieder betonte das IOC, es gehe nur um den Ort, die knappe Minute im Eiskanal, nicht um die Botschaft an sich.
Für eine faire Lösung bewegte man sich sogar ein gutes Stück weit. Man gestand dem Ukrainer zu, im Rennen statt des Helms eine schwarze Armbinde, einen Trauerflor zu tragen und direkt nach Zieldurchfahrt bei den TV-Interviews seinen Helm wieder in die Kameras zu halten.
Die IOC-Präsidentin verzweifelt über ihre eigene Entscheidung
Von außen betrachtet wirken die IOC-Vorschläge vielleicht lächerlich kurz, mit Blick auf die olympische Geschichte sind sie aber durchaus bemerkenswert. Das reichte Heraskewytsch nicht, er beharrte auf seinem Helm. Am Ende war kein Kompromiss zu finden, die Spiele für den ukrainischen Fahnenträger zu Ende. Das brachte dann auch IOC-Präsidentin Kirsty Coventry zum Weinen, verzweifelt über ihre eigene Entscheidung.
Ganz anders der Sportler. In den Interviews danach betonte er weiter mit fester Stimme, er werde seine Freunde nicht verraten, er werde nicht klein beigeben. Für viele macht ihn das zu einem Helden. Stolz sei er, schrieb beispielsweise Staatspräsident Selenskyj, über den Mut des Skeletonis.
Die Erzählung von unpolitischen Spielen funktioniert nicht mehr
Dem IOC wird wieder einmal zum Verhängnis, dass die uralte Erzählung von den unpolitischen Spielen im 21. Jahrhundert endgültig nicht mehr funktioniert. Alles ist politisch, auch der Versuch, es nicht zu sein. Die reinen Wettbewerbe und Siegerehrung aber von all diesen Botschaften, seien sie noch so richtig und wichtig freizuhalten, ist allerdings nicht nur ein berechtigtes Interesse, sondern auch vernünftig vom IOC.
Bildern von Opfern der Hamas, der israelischen Armee oder aus anderen Kriegen, dieses Tor zu öffnen, würde den sportlichen Wettkampf am Ende im schlimmsten Fall zerstören. Man wird in der Zukunft vielleicht noch bessere Orte und Möglichkeiten für diese Botschaften auch am Rande der Spiele schaffen müssen.
Die Botschaft ist lauter als jede gewonnene Medaille
Wladislaw Heraskewytsch wird sich gut überlegt haben, warum er den ausgestreckten Arm des IOC heute ausgeschlagen hat und auch, ob es klug war. In jedem Fall schreibt er mit dieser sturen Beharrlichkeit olympische Geschichte, steht vielleicht bald schon in einer Reihe mit den Black-Power-Protesten vor knapp 60 Jahren, als Tommie Smith und John Carlos bei der Siegerehrung ihre Faust erhoben hatten.
Die Tränen dieses Tages werden in jedem Rückblick auf die Winterspiele 2026 zu sehen sein und machen damit die Botschaft des Sportlers so laut wie keine Medaille, die er sonst hätte gewinnen wollen. Das Leid durch die russische Invasion ist heute so präsent wie an keinem anderen Tag bei den Winterspielen. Es ist kein Tag, an dem man klar und eindeutig die Fragen nach Verantwortung oder gar Schuld für diese Situation beantworten kann. Es ist ein Tag der Verlierer, ein Tag der Tränen.









