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Korngolds "Die stumme Serenade""Wir haben uns entschlossen, es Operette zu nennen"

Eine zündende Komödie mit hitverdächtigen Musiknummern und raffinierter Instrumentierung: "Die stumme Serenade" hatte Erich Wolfgang Korngold eigentlich für den Broadway geplant. Doch sie kam 1954 in Dortmund heraus - und verschwand danach von der Bühne. Erst 2007 wurde das Werk wiederentdeckt und ist nun in Coburg zu sehen.

Von Bernhard Doppler | 27.02.2017

Das Landestheater Coburg.
"Die stumme Serenade" blieb ein halbes Jahrhundert vergessen. (picture alliance / dpa - Klaus Nowottnick)
Eine Bombe unter dem Bett des Ministerpräsident Lugarini, Umsturz in Neapel! Doch die unfähige Presse, schimpft der Ministerpräsident, berichtet davon gar nichts. Hingegen meldet sie ärgerlicherweise auf den Titelseiten, dass ein Mann ins Schlafzimmer der Schauspielerin Silvia Lombardi, der Geliebten des Ministerpräsidenten, eingestiegen ist. Auf beides steht in Neapel die Todesstrafe. Erich Wolfgang Korngolds "Die stumme Serenade": Zu welchem Genre zählt dieses Werk? Tobias Materna hat es inszeniert:
"Das ist die große Frage. Was ist es. Es ist etwas Einzigartiges. Und deshalb ist es so schwer, es in eine Schublade zu packen. Also auf dem Stücktitel steht "Komödie. Musik Erich Wolfgang Korngold" und es hat Anklänge von Musical manchmal, es hat diese schwärmerischen Melodien von Korngold, die aber wirklich auch an Opern erinnern, es hat viel Operettenwitz in Dialogen und es hat über längere Strecken Schauspielpassagen, die an Arnold & Bach erinnern. Es ist eine spannende Mischung. Wir haben uns entschlossen, es Operette zu nennen."
Raffiniert intime Orchestrierung
Aus dem Orchestergraben hört man zunächst nur ein Klavier. Die musikalische Besetzung ist klein. Dazu Dirigent Roland Fister, selbst Komponist einer Musical-Oper.
"Das ist zunächst überraschend. Weil wenn man die Noten aufschlägt, stellt man fest, das ist eigentlich ein typischer Korngold. Es gibt diese sehr großen spätromantischen Balladen mit einer großen Klangfülle. Wo man zuerst denkt, das wird für ein Orchester wie tote Stadt mit 80, 90 Mann komponiert sein. Und dann stellt man fest: Es ist eigentlich für so ein kleines Salonorchester, bestehend aus zwei Klavieren, drei Streichern, zwei Holzbläsern und einem Schlagzeuger und einer Ferntrompete hinter der Bühne. Und das war es. Das ist genau das Spannende. Dadurch kriegt es nämlich so eine Skurrilität und auch Intimität in der Orchestrierung, die natürlich auch wieder passt, weil das Stück letztendlich ja ein Kammerschauspiel ist, kann man sagen."
1951 wurde Korngolds Operette zunächst von Radio Wien ausgestrahlt, drei Jahre später fand die szensiche Uraufführung in Dortmund statt, dann blieb "Die stille Serenade" ein halbes Jahrhundert vergessen. Konzipiert und zum Teil komponiert wurde sie aber bereits in den 40er-Jahren, im amerikanischen Exil Korngolds.
"Ich bin in meiner Inszenierung so weit gegangen, dass wir die 40er-Jahre nicht nur zitieren, sondern sogar direkt mitnehmen. Wir drehen einen Film in einem Studio und in dem Studio steht das Set für einen Film, der heißt "Die Stumme Serenade". Wir wohnen sozusagen dem Dreh der "stummen Serenade" bei. Das ist so unser Kniff, um diese Zeit mitzunehmen, in der gerade von Korngold diese Hollywood-Musik erst erfunden wurde. Und die Texte, ich bin ein großer Fan von Lubitsch, Wilder – da sind auch viele Parallelen zu erkennen. Das alles hat uns inspiriert, die 30er- und 40er-Jahre mitzunehmen."
Großes Land und 'böse' Presse
Was dabei im Landestheater gut funktioniert, ist die Verbindung von Schauspiel und Musiktheater. Denn den Sängern werden längere Sprechszenen – gewissermaßen in Nahaufnahme - und vielen Pointen abverlangt. "Die stille Serenade" ein großes Theatervergnügen also. Einfallsreiche Kostüme gehören dazu (Jan Hendrik Neidert und Lorenza Diaz Stephens), schließlich ist der Held Leiter eines Modesalons. Anna Gütter und Solomón Zulic de Canto, die Schauspieldiva und der Modeschneider – große Diva und strahlender Liebhaber. Faszinierend aber auch eine fast stumme Rolle, die immer besorgte, erstaunte, wohl auch alkoholisierte Kammerfrau der Diva (Kerstin Hänel). Und natürlich der Ministerpräsident als Diktator (Niklaus Köhler), der Neapel wieder groß machen will und die Presse und seinen Sicherheitsminister beschuldigt, wirkt äußerst aktuell, auch wenn das Libretto 70 Jahre alt ist. In den 50er-Jahren – bei der Uraufführung wusste man es wenig zu schätzen.
"Es passte nicht in die Zeit, in eine Realitätsflucht, die gleichzeitig mit einer gewissen Anarchie und Kritik verbunden war. Ich glaube eine gewisse Realitätsflucht, so was man da so kennt vom "Weißen Rössl" und 50er-Jahre Schmonzette, das ging, aber verbunden mit einem gewissen Biss und einer politischen Uncorrectness. Ich glaube, dass das die Leute nicht so angesprochen hat, dass sie das nicht so wollten. Ähnlich wie man das ja auch von Filmen kennt. Billy Wilders "Eins zwei drei" oder "Sein oder Nichtsein" kamen ja in der Zeit vor allem in Deutschland überhaupt nicht. Und dass jetzt die Zeit reif ist und dass die Leute offen dafür sind, könnte ich mir gut vorstellen. So Filme wie "Lalala-Land", die plötzlich Publikum finden, was man sich vor 20 Jahren gar nicht vorstellen konnte, ein Revival dieser Musical-Filme ."
Überzeugendes Unterhaltungstheater
Und musikalisch? 1950 eine Sackgasse? Operette einerseits, ein Genre, das seit dem Nationalsozialismus, aber auch durch den Film zu Ende schien. Musical andererseits, das in den 50er-Jahren in Deutschland noch gar nicht angekommen war. Kabarettmusik einerseits, vor allem in der Instrumentierung, aber doch auch großes Schwelgen in Gefühlen wie in der Oper und Filmmusik. War die "Stumme Serenade" vielleicht sogar ein Formexperiment, bei dem Korngold seine Entwicklung in Amerika in Film und Musical mit der Operette verbinden und aus dem Exil nach Europa zurückbringen wollte? Oder war die "Stumme Serenade" doch vor allem Nostalgie? Nostalgie vor allem für die Schlagerkultur im Europa der 30er-Jahre. Im Landestheater Coburg jedenfalls wirkte die "Stumme Serenade" frisch und äußerst lebendig, sehr überzeugend als Form des musikalischen Unterhaltungstheaters.