Sonntag, 25. September 2022

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Kritik an "Germany's Next Topmodel"
"Der Model-Job wird da total glorifiziert"

Unter dem Hashtag #NotHeidisGirl positionieren sich jugendliche Mädchen gegen den Model-Contest von Heidi Klum. In der Show werde der Model-Job glorifiziert und Teilnehmerinnen würden öffentlich stark kritisiert, sagte Grünen-Politikerin Beate Walter-Rosenheimer im Dlf. Dass Jugendliche sich dagegen zur Wehr setzten, sei mutig.

Beate Walter-Rosenheimer im Gespräch mit Christoph Heinemann | 16.02.2018

    Germany's Next Topmodel 2017 - Finale am 25.05.2017 in der König-Pilsener-Arena in Oberhausen
    Als normales Mädchen hingehen und ein berühmtes Model werden - das sei einer der Reize einer Casting-Show wie "Germanys next Topmodel", sagte Jugendpolitikerin Beate Walter-Rosenheimer im Dlf (dpa / Revierfoto)
    Christoph Heinemann: Jugendliche aus Hamburg haben die Nase voll von Heidi Klums Fernseh-Show "Germany’s next Topmodel". Sie haben ein Lied einstudiert: "Not Heidis Girl", nicht Heidis Mädchen. Mehr als 200.000 Menschen haben das Video geklickt. Medienkritik der anderen Art.
    Heinemann: Ein Eindruck von "Not Heidis Girl". – Am Telefon ist jetzt Beate Walter-Rosenheimer, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, jugendpolitische Sprecherin der Fraktion, und sie war in der vergangenen Legislaturperiode seit Januar 2017 Vorsitzende der Kinderkommission des Deutschen Bundestages. Guten Morgen!
    Beate Walter-Rosenheimer: Guten Morgen aus Bayern.
    Heinemann: Frau Walter-Rosenheimer, was sagen Sie zu "Not Heidis Girl"?
    Walter-Rosenheimer: Ich finde das eine coole Sache. Ich musste gerade wieder wirklich schmunzeln, als ich den Song gehört habe. Ich finde es sehr beeindruckend, dass junge Menschen sich so differenziert Gedanken machen und sich auch gegen den Mainstream abgrenzen. Das ist ja durchaus auch mutig.
    Heinemann: Inwiefern?
    Walter-Rosenheimer: Weil das ja was ist, was in ist. Ganz viele in dieser Altersgruppe schauen das jede Woche an, die fiebern darauf hin. Und dann zu sagen, nee, ich finde das doof, ich finde das Scheiße, ich wehre mich dagegen, ich finde, wir werden da verblödet oder sonst was, das finde ich mutig.
    Als normales Mädchen hingehen und ein berühmtes Model werden
    Heinemann: Wir wirkt "Germany’s next Topmodel" auf jugendliche Mädchen?
    Walter-Rosenheimer: Ich denke, das ist eine Glitzerwelt, die irgendwie magisch wirkt. Das ist ja eine Scheinwelt, das ist irgendwie anziehend, spannend. Ich glaube schon, dass das vielen jungen Leuten, die das anschauen, schon bewusst ist, und trotzdem hat es so eine Anziehungskraft, glaube ich.
    Heinemann: Wieso konnte das so erfolgreich werden?
    Walter-Rosenheimer: Ja, das frage ich mich bei vielen Formaten, die es da gibt, von "Dschungelcamp", so nach dem Motto, da gibt es, glaube ich, ein Buch "Bohlst Du noch oder klumst Du schon? Der Siegeszug des Banalen". Das ist vielleicht der Wunsch, selbst auch in einer Gesellschaft wie unserer was Besonderes zu sein. Den Siegeszug von jemand anderem beobachten, das, glaube ich, ist der Reiz daran, wie ich da hingehe als normales Mädchen und dann werde ich ein ganz berühmtes Model. Ich glaube, das hat einen Reiz.
    "Ein Alter, wo die Gleichaltrigen total wichtig sind"
    Heinemann: Die Jugendlichen, die dieses Lied singen, sind zwischen 11 und 15 Jahren alt. Was sagt das aus, wenn so junge Menschen von sich aus entscheiden, Heidi Klum und ihre Kandidatinnen sind nicht unsere Vorbilder?
    Walter-Rosenheimer: Ich finde das wie gesagt total toll. Ich finde es mutig und es zeigt ja, dass diese jungen Menschen sehr stark reflektieren. Das ist ja ein Alter, 11, 12, 13, 14, wo die Gleichaltrigen total wichtig sind, die sogenannte Peer Group, wie wir als Psychologen sagen, und wo es auch wichtig ist, zu diesen Idealen, die die anderen haben, zu diesen ganzen Strömungen, zu dieser Gruppe zu gehören, dazuzugehören. Deswegen finde ich es sehr reflektiert zu sagen, okay, wir schauen uns das an, wir denken darüber nach, wir beurteilen das und wir grenzen uns auch davon ab. Das finde ich total super. Das zeigt schon, dass sie sich damit auseinandergesetzt haben und nicht einfach diesem Trend hinterherlaufen.
    Heinemann: Was können gleichaltrige Jungs von diesen Mädels lernen?
    Walter-Rosenheimer: Jungs können von Mädchen immer was lernen.
    "Das ist gut, wenn man einfach an diesen Stereotypen rüttelt"
    Heinemann: Danke schön!
    Walter-Rosenheimer: Das war nur Spaß. – Nein, ich denke im Ernst, man kann schon über Geschlechterstereotypen was lernen, dass man die in Frage stellen kann, weil ich glaube, das kommt auch Jungs zugute, denn die leiden darunter ja natürlich oft auch. Warum sollen Mädchen schön sein und Jungs schlau? Warum dürfen Mädchen immer noch auch 2018 Gefühle zeigen und Jungs sollen immer eher tough bleiben? Ich denke, da hat sich eigentlich viel verändert, was Männer und Frauen und deren Gleichstellung angeht, aber es gibt noch viele Klischees. Und wenn wir jetzt schauen: Deutsche Mädchen haben mittlerweile die besseren Schulabschlüsse. Die Jungs bleiben in der Schule oft zurück. Also es ist auch im Interesse der Jungen, dass man da hinschaut und das differenziert anschaut. Ich glaube, das ist gut, wenn man einfach an diesen Stereotypen rüttelt.
    "Der Model-Job wird da total glorifiziert"
    Heinemann: Differenziert anschauen – noch mal kurz zur Sendung. Anhängerinnen oder Anhänger führen ja an, bei der Kür der Kandidatinnen spielten eben nicht nur äußerliche Merkmale eine Rolle. Ausdrucksweise, Charakter, das gehörte auch zu den Erfolgskriterien. Kann man die Sendung auch so sehen?
    Walter-Rosenheimer: Ich denke mal, die jungen Frauen, die da hingehen und sich bewerben, die haben natürlich auch viele Stärken. Die haben auch viele verschiedene Charaktereigenschaften. Die sind sicher nicht nur gut aussehend. Das fände ich jetzt auch gemein, das so abzustempeln, zu sagen, die gehen dahin und da geht es nur ums Aussehen. Mit Sicherheit geht es auch darum, man kann es vielleicht auch künstlerisch sehen, wie kann ich mich ausdrücken, wie kann ich mich auf den Fotos zeigen, künstlerische Aspekte sehen. Und natürlich brauchen diese Frauen bestimmte innere Stärken und auch Vorstellungen, Disziplin, was weiß ich, viele Eigenschaften, um so einen Beruf machen zu können. Aber nichts desto trotz, denke ich, wird der Model-Job da total glorifiziert, und was mir missfällt ist, dass diese Frauen dort öffentlich so stark kritisiert werden. Ich denke, wenn jetzt ein "normales 14jähriges Mädchen" da zusieht und sie sieht die super schlanke, super gestylte Frau, die dann immer noch dauernd kritisiert wird und nicht gut genug ist, das löst ja schon was aus.
    Heinemann: Vor allen Dingen können die Effekte ja auch schädlich sein. – Frau Walter-Rosenheimer, Sie sind selbst Mutter von fünf Kindern.
    Walter-Rosenheimer: Ja.
    Heinemann: Was raten Sie Eltern, deren Kinder diese Sendung sehen und nun den eigenen Körper mit allen Mitteln auf Model-Maß bringen wollen?
    Rückhalt der Eltern sei wichtig für die Jugendlichen
    Walter-Rosenheimer: Ja, das ist sehr schwierig. Ich bin immer ein Fan davon: Ich denke, das entscheidet sich natürlich nicht erst in der Teeny-Zeit. Ich glaube, dass eine Fernsehsendung allein jetzt nicht diesen Einfluss hat, dass das Kind dann wirklich in eine total krankhafte Richtung geht. Aber natürlich sind diese Ideale, dieser Druck in der Gesellschaft – das beschreiben ja auch die jungen Menschen, die dieses Lied geschrieben haben -, der ist natürlich enorm hoch. Und ich glaube, es kommt sehr darauf an, welchen Kontakt die Kinder haben, welchen Rückhalt sie in dieser, wir sagen in der Psychologie, vulnerablen Zeit des erwachsen Werdens, in einer anfälligen Zeit auch haben. Kann ich die Sendung auch mal mit ihnen anschauen? Das wollen sie mit 14 wahrscheinlich nicht mehr, mit 11 vielleicht schon noch. Kann man darüber reden mit den Eltern, mit anderen Bezugspersonen, auch mit den Freunden? Gibt es eine Auseinandersetzung auch damit, eine kritische, und eben nicht nur das Absorbieren? Meine Töchter haben das auch angeschaut, oder vielleicht schauen sie es auch noch, und da kam auch bei der einen oder anderen auf, könnte man ein Model werden. So was würde ich als Mutter nicht unterstützen und ich finde, man muss da auch versuchen, jetzt nicht so dagegen vorgehen und das runtermachen, aber die brauchen schon einen Rückhalt. Ich glaube, das ist das Wesentliche.
    Heinemann: Haben Sie die Sendung mit Ihren Töchtern gemeinsam geschaut?
    Walter-Rosenheimer: Ja. Aber ich habe sie ihnen verdorben mit meinen Kommentaren.
    Heinemann: Und haben sie sich die Sendung verderben lassen von der Mutter?
    Walter-Rosenheimer: Meine Kinder sind schon so, dass sie das auch in Frage stellen. Die sagen dann schon, das ist eine Glitzerwelt, eine Scheinwelt, wir finden es aber trotzdem lustig, als sie dann in dem Alter waren. Sie sind jetzt ein bisschen älter. Ich glaube, die meisten, die das anschauen, können schon zwischen dieser Scheinwelt, Glitzerwelt und der Wirklichkeit unterscheiden. Es ist einfach total hip, sich zu treffen, das anzuschauen.
    Heinemann: Hauptsache man spricht darüber mit den Kindern?
    Walter-Rosenheimer: Ja, genau! Man ist dann Teil der Leute, die darüber sprechen. Da wird in der Schule dann drüber geredet und dann will man es auch gesehen haben.
    Heinemann: Frau Walter-Rosenheimer, wenn Sie die späten 70er-Jahre mit der Lage heutiger 15 Jähriger vergleichen, was hat sich seit Ihrer Jugend verändert?
    Walter-Rosenheimer: Es hat sich alleine natürlich durch die ganze Digitalisierung viel verändert. Wir waren ja weniger erreichbar. Ich bin noch gegangen, habe mir eine Schallplatte gekauft, wir sind in irgendein Konzert, wir sind auch dann später in Discos. Aber dieses ständig über die Social Media, diese Überflutung eigentlich mit dem, was in ist, was man sein soll, das gab es ja gar nicht.
    Heinemann: Haben sich Mädchen denn damals auch gefühlten Zwängen unterworfen?
    Walter-Rosenheimer: Ja, ich glaube schon.
    Heinemann: In der Sache hat sich so viel gar nicht geändert?
    Walter-Rosenheimer: Ich glaube, der Druck auf Mädchen war immer hoch, gut auszusehen. Ich kann jetzt nicht behaupten, bei mir in der Klasse, als wir dann 16 waren, da waren auch immer Diäten Thema, wie siehst Du aus. Diese Fokussierung, Frauen sollen schön sein, sollen auch einer Norm entsprechen, die gab es natürlich auch schon.
    "Zuschauen, wie jemand anders fertig gemacht wird oder aufsteigt"
    Heinemann: Sie haben es eben schon kurz angesprochen. Es gibt die Singwettbewerbe, das Dschungelcamp, jetzt die Klum-Sendung. Was reizt eigentlich auf der einen Seite die Kandidatinnen und Kandidaten, auf der anderen Seite die Zuschauer an dieser Art der Zurschaustellung?
    Walter-Rosenheimer: Ja, das ist wirklich das, wie Sie schon gesagt haben. Ich glaube, eines ist natürlich: Es sind Themen, über die gesprochen wird, egal ob jetzt in der Arbeit oder in der Schule, und man kann zuschauen, wie jemand anders manchmal fertig gemacht wird oder irgendwie aufsteigt. Man kann passiv daneben sitzen und kann sich fragen, wie man sich selbst verhalten würde, oder ob man so was überhaupt tun würde. Da lässt man andere quasi was machen und schaut passiv zu, und da weidet man sich vielleicht auch in gewisser Weise dran. Das ist so eine uralte quasi soziale Natur, wenn man es psychologisch sehen will, eigentlich.
    Heinemann: Könnte man eine solche Sendung vielleicht auch so entwickeln, dass sie für junge Menschen, für die Entwicklung junger Menschen förderlich ist, dass sie ihnen hilft?
    Walter-Rosenheimer: Dann, glaube ich, könnte es aber kein Model-Contest sein. Man kann sicher Formate entwerfen, da bin ich mir ganz sicher, wo man Stärken von Jugendlichen in den Vordergrund stellt und Beispiele für Jugendliche bringt, die ihren Weg gehen und sich finden, was ja das Thema ist eigentlich in dem Alter. Ich glaube aber, mit solchen Formaten, wo es um Aussehen geht oder durch irgendwas Besonderes hervorstechen, eher nicht.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.