Friedbert Meurer: Die Europameisterschaft findet wie gehört in der Ukraine und in Polen statt, so jedenfalls der Plan. Für ein Land wäre das Ganze vielleicht ein bisschen viel gewesen. Und in Polen ist man in der Tat verwundert, dass diese Debatte jetzt in Deutschland ausgebrochen ist. Man fragt sich, warum jetzt, so ganz kurz vor dem Anpfiff die Boykottdrohungen, die es vor allen Dingen in Deutschland gibt.
In Warschau bin ich jetzt verbunden mit dem polnischen Publizisten Adam Krzeminski. Guten Tag, Herr Krzeminski.
Adam Krzeminski: Guten Tag!
Meurer: Boykottdrohungen gegen ein Sportgroßereignis. Wir erinnern uns hier ein bisschen an den letzten Boykott 1980 gegen Olympia in Moskau. Spüren Sie wieder so was wie einen Hauch von Kaltem Krieg?
Krzeminski: Ach ich glaube nicht. Das ist klar, dass es zu keinem Boykott der Europameisterschaften kommt. Es ist eine Debatte, eine politische, die durchaus berechtigt ist. Eine faktische, ob der Ukraine das Recht entzogen werden sollte, das sind alles mediale Einbildungen. Ich glaube, man muss über die Politik in der Ukraine sprechen, man muss auch darüber sprechen, wie man die Demokratie dort unterstützt, wie die Politiker sich verhalten sollten, ob sie dort hinfahren sollten oder nicht. Aber ein Boykott der Europameisterschaften in der Ukraine, das ist unvorstellbar. Was ärgerlich ist für die Polen, dass man sozusagen wiederum über die Köpfe der Polen über die Europameisterschaft spricht, wobei die beiden Länder, nicht nur die Ukraine, sondern auch Polen Veranstalter sind.
Meurer: Es geht ja in der Hauptsache im Moment um die Idee eines politischen Boykotts. Was sagen Sie dazu, dass die Bundeskanzlerin überlegt, nicht nach Kiew zu fliegen?
Krzeminski: Es ist verständlich. Es ist verständlich und ich glaube, auch die polnischen Politiker werden sich überlegen, ob sie hinfahren. Aber man muss durchaus die beiden Denklinien sehen, das heißt die politische Demonstration einer Solidarität mit Julia Timoschenko und der Opposition, die tatsächlich in Bedrängnis ist, und auf der anderen Seite es ist nicht der Fall wie, sagen wir mal, damals 1980 nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan, als die westlichen Länder weitgehend die Olympiaspiele in Moskau boykottiert hatten. Übrigens vier Jahre später gab es dasselbe im Hinblick auf Atlanta, Olympiaspiele in den Vereinigten Staaten. Es hat politisch nichts gebracht, es war nur eine Demonstration. Man muss schon sehen, auch wenn es unbequem ist und man ist moralisch nicht ganz sicher, dass man die Politik beiseitelegt, aber es war auch unter den alten Griechen so, dass die Olympiaspiele abgehalten wurden auch während der Kriege.
Meurer: Aber kann man das, die Politik zur Seite legen?
Krzeminski: Politik nicht als eine Demonstration, aber man darf mit dem Boykott nicht allzu weit gehen in dem Sinne. Übrigens auch die Opposition in der Ukraine sagt, dass sie auf keinen Fall für den Boykott der Spiele ist, aber man erwartet auch eine Solidarität mit der Opposition und mit Julia Timoschenko, und das ist zu machen.
Meurer: Wie sehen Sie denn die Rolle überhaupt von Julia Timoschenko in der Ukraine? Ist sie eine Freiheitsheldin?
Krzeminski: Ob sie eine Heldin ist? Auf jeden Fall ich glaube schon, dass der jetzige Staatspräsident Janukowitsch in einer schwierigen Situation ist, denn er hat jetzt nicht nur die EU gegen sich, er hat die Vereinigten Staaten, aber auch Russland, denn der Fall, der Julia Timoschenko vor das Gericht gebracht hat, ist doch ein angeblich falsch ausgehandelter Vertrag mit der Gazprom. Dasselbe übrigens kann man auch irgendwann mal Janukowitsch vorwerfen, dass er nicht bei den Verhandlungen um die Verlängerung der Bleiberechte für die russische Flotte in Sewastopol sehr nachlässig gewesen war.
Meurer: Wieso fällt es Janukowitsch so schwer, ein humanitäres Zeichen zu setzen und zu sagen, Timoschenko darf ausreisen und in Berlin behandelt werden?
Krzeminski: Ich kann mir einerseits vorstellen, es ist eine Sucht, sich zu rächen für die orangene Revolution. Auf der anderen Seite: Es ist ein Zeichen der Schwäche. Er weiß, dass er mit dem Prozess eigentlich ein Eigentor geschossen hat. Julia Timoschenko ist populärer und die Opposition ist heute stärker als vor dem Prozess. Also es ist tatsächlich eine sehr autoritäre Tradition, wie sie in diesem Teil Europas zum Vorschein kommt. Das ist Lukaschenko, das ist Janukowitsch. Übrigens dasselbe hat auch der noch amtierende russische Staatspräsident gesagt, dass diese Tradition, die autoritäre Tradition, antidemokratische Tradition, virulent sei in Osteuropa, also in Russland auch, und deswegen warnt er Janukowitsch vor den Folgen dieser seiner Maßnahmen.
Meurer: Noch mal kurz, Herr Krzeminski, zu den Boykottdrohungen. In dem Beitrag eben von Henryk Jarczyk haben wir gehört, dass in Polen daran erinnert wird, deutsche Unternehmen haben viel Geld verdient mit Geschäften in der Ukraine, auch jetzt gerade vor der Europameisterschaft. Hält man die Deutschen für doppelzüngig in Polen?
Krzeminski: Ach das kommt immer wieder vor, gerade bei den nationalkonservativen Medien. Aber ich glaube, es ist was anderes auch im Spiel. Die Vergabe der Europameisterschaft an Polen und die Ukraine, das war damals eine Geste nach der orangenen Revolution und nach der Rolle des damaligen polnischen Staatspräsidenten bei der Schlichtung des Konflikts. Und es gab große Widerstände in den gestandenen Fußballnationen und -staaten wie Italien, wie Österreich, auch in Deutschland, dass die Vergabe zu voreilig und falsch gewesen wäre, weil …
Meurer: Und die Polen? Was dachten die Polen?
Krzeminski: Die Polen dachten erstens, wir müssen tatsächlich die Infrastruktur modernisieren. Das ist für Polen ein Vehikel zu einer Modernisierung und man merkte schon, dass man schäl angeguckt wurde. Das gilt nicht nur für Deutschland, das war …
Meurer: Wieso schäl?
Krzeminski: Schäl, weil auch Italien die Europameisterschaft austragen wollte. Das heißt, Polen und die Ukraine hatten damals starke Konkurrenz in Westeuropa.
Meurer: Die Idee, zusammen mit der Ukraine die Spiele zu veranstalten, finden Sie noch gut?
Krzeminski: Damals ist sie eine exzellente Idee gewesen. Heute finde ich sie auch gut, weil es nach wie vor die Ukraine an den Westen irgendwie nicht bindet, aber zumindest die Verbindung, die Kontakte aufrecht erhält, und die Ukraine braucht das auch. Die Opposition betont das immer wieder. Also ich bin nach wie vor dafür, dass die Entscheidung von Platini richtig gewesen ist.
Meurer: Die Fußball-Europameisterschaft soll in gut einem Monat beginnen. Das war der polnische Publizist Adam Krzeminski bei uns im Deutschlandfunk. Schönen Dank und auf Wiederhören.
Krzeminski: Vielen Dank! Danke!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
In Warschau bin ich jetzt verbunden mit dem polnischen Publizisten Adam Krzeminski. Guten Tag, Herr Krzeminski.
Adam Krzeminski: Guten Tag!
Meurer: Boykottdrohungen gegen ein Sportgroßereignis. Wir erinnern uns hier ein bisschen an den letzten Boykott 1980 gegen Olympia in Moskau. Spüren Sie wieder so was wie einen Hauch von Kaltem Krieg?
Krzeminski: Ach ich glaube nicht. Das ist klar, dass es zu keinem Boykott der Europameisterschaften kommt. Es ist eine Debatte, eine politische, die durchaus berechtigt ist. Eine faktische, ob der Ukraine das Recht entzogen werden sollte, das sind alles mediale Einbildungen. Ich glaube, man muss über die Politik in der Ukraine sprechen, man muss auch darüber sprechen, wie man die Demokratie dort unterstützt, wie die Politiker sich verhalten sollten, ob sie dort hinfahren sollten oder nicht. Aber ein Boykott der Europameisterschaften in der Ukraine, das ist unvorstellbar. Was ärgerlich ist für die Polen, dass man sozusagen wiederum über die Köpfe der Polen über die Europameisterschaft spricht, wobei die beiden Länder, nicht nur die Ukraine, sondern auch Polen Veranstalter sind.
Meurer: Es geht ja in der Hauptsache im Moment um die Idee eines politischen Boykotts. Was sagen Sie dazu, dass die Bundeskanzlerin überlegt, nicht nach Kiew zu fliegen?
Krzeminski: Es ist verständlich. Es ist verständlich und ich glaube, auch die polnischen Politiker werden sich überlegen, ob sie hinfahren. Aber man muss durchaus die beiden Denklinien sehen, das heißt die politische Demonstration einer Solidarität mit Julia Timoschenko und der Opposition, die tatsächlich in Bedrängnis ist, und auf der anderen Seite es ist nicht der Fall wie, sagen wir mal, damals 1980 nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan, als die westlichen Länder weitgehend die Olympiaspiele in Moskau boykottiert hatten. Übrigens vier Jahre später gab es dasselbe im Hinblick auf Atlanta, Olympiaspiele in den Vereinigten Staaten. Es hat politisch nichts gebracht, es war nur eine Demonstration. Man muss schon sehen, auch wenn es unbequem ist und man ist moralisch nicht ganz sicher, dass man die Politik beiseitelegt, aber es war auch unter den alten Griechen so, dass die Olympiaspiele abgehalten wurden auch während der Kriege.
Meurer: Aber kann man das, die Politik zur Seite legen?
Krzeminski: Politik nicht als eine Demonstration, aber man darf mit dem Boykott nicht allzu weit gehen in dem Sinne. Übrigens auch die Opposition in der Ukraine sagt, dass sie auf keinen Fall für den Boykott der Spiele ist, aber man erwartet auch eine Solidarität mit der Opposition und mit Julia Timoschenko, und das ist zu machen.
Meurer: Wie sehen Sie denn die Rolle überhaupt von Julia Timoschenko in der Ukraine? Ist sie eine Freiheitsheldin?
Krzeminski: Ob sie eine Heldin ist? Auf jeden Fall ich glaube schon, dass der jetzige Staatspräsident Janukowitsch in einer schwierigen Situation ist, denn er hat jetzt nicht nur die EU gegen sich, er hat die Vereinigten Staaten, aber auch Russland, denn der Fall, der Julia Timoschenko vor das Gericht gebracht hat, ist doch ein angeblich falsch ausgehandelter Vertrag mit der Gazprom. Dasselbe übrigens kann man auch irgendwann mal Janukowitsch vorwerfen, dass er nicht bei den Verhandlungen um die Verlängerung der Bleiberechte für die russische Flotte in Sewastopol sehr nachlässig gewesen war.
Meurer: Wieso fällt es Janukowitsch so schwer, ein humanitäres Zeichen zu setzen und zu sagen, Timoschenko darf ausreisen und in Berlin behandelt werden?
Krzeminski: Ich kann mir einerseits vorstellen, es ist eine Sucht, sich zu rächen für die orangene Revolution. Auf der anderen Seite: Es ist ein Zeichen der Schwäche. Er weiß, dass er mit dem Prozess eigentlich ein Eigentor geschossen hat. Julia Timoschenko ist populärer und die Opposition ist heute stärker als vor dem Prozess. Also es ist tatsächlich eine sehr autoritäre Tradition, wie sie in diesem Teil Europas zum Vorschein kommt. Das ist Lukaschenko, das ist Janukowitsch. Übrigens dasselbe hat auch der noch amtierende russische Staatspräsident gesagt, dass diese Tradition, die autoritäre Tradition, antidemokratische Tradition, virulent sei in Osteuropa, also in Russland auch, und deswegen warnt er Janukowitsch vor den Folgen dieser seiner Maßnahmen.
Meurer: Noch mal kurz, Herr Krzeminski, zu den Boykottdrohungen. In dem Beitrag eben von Henryk Jarczyk haben wir gehört, dass in Polen daran erinnert wird, deutsche Unternehmen haben viel Geld verdient mit Geschäften in der Ukraine, auch jetzt gerade vor der Europameisterschaft. Hält man die Deutschen für doppelzüngig in Polen?
Krzeminski: Ach das kommt immer wieder vor, gerade bei den nationalkonservativen Medien. Aber ich glaube, es ist was anderes auch im Spiel. Die Vergabe der Europameisterschaft an Polen und die Ukraine, das war damals eine Geste nach der orangenen Revolution und nach der Rolle des damaligen polnischen Staatspräsidenten bei der Schlichtung des Konflikts. Und es gab große Widerstände in den gestandenen Fußballnationen und -staaten wie Italien, wie Österreich, auch in Deutschland, dass die Vergabe zu voreilig und falsch gewesen wäre, weil …
Meurer: Und die Polen? Was dachten die Polen?
Krzeminski: Die Polen dachten erstens, wir müssen tatsächlich die Infrastruktur modernisieren. Das ist für Polen ein Vehikel zu einer Modernisierung und man merkte schon, dass man schäl angeguckt wurde. Das gilt nicht nur für Deutschland, das war …
Meurer: Wieso schäl?
Krzeminski: Schäl, weil auch Italien die Europameisterschaft austragen wollte. Das heißt, Polen und die Ukraine hatten damals starke Konkurrenz in Westeuropa.
Meurer: Die Idee, zusammen mit der Ukraine die Spiele zu veranstalten, finden Sie noch gut?
Krzeminski: Damals ist sie eine exzellente Idee gewesen. Heute finde ich sie auch gut, weil es nach wie vor die Ukraine an den Westen irgendwie nicht bindet, aber zumindest die Verbindung, die Kontakte aufrecht erhält, und die Ukraine braucht das auch. Die Opposition betont das immer wieder. Also ich bin nach wie vor dafür, dass die Entscheidung von Platini richtig gewesen ist.
Meurer: Die Fußball-Europameisterschaft soll in gut einem Monat beginnen. Das war der polnische Publizist Adam Krzeminski bei uns im Deutschlandfunk. Schönen Dank und auf Wiederhören.
Krzeminski: Vielen Dank! Danke!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
