Archiv

Kunstaktion von Ai Weiwei in BerlinSchwimmwesten von Flüchtlingen

Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat die Säulen des Konzerthauses am Gendarmenmarkt mit Schwimmwesten verkleidet, die von Flüchtlingen stammen sollen. Die Außeninstallation findet zur Zeit der Berlinale statt, wodurch der inzwischen in Berlin lebende Künstler viel Aufsehen erregt hat.

Von Carsten Probst | 15.02.2016

Arbeiter befestigen am 13.02.2016 am Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin zahlreiche Rettungswesten. Der chinesische Künstler Ai Weiwei will mit der Kunstinstallation an das Schicksal der vielen Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Europa ertrunken sind, erinnern. Die Rettungswesten hatte er dazu von der griechischen Insel Lesbos bekommen
Der chinesische Künstler Ai Weiwei will mit der Kunstinstallation an das Schicksal der vielen Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Europa ertrunken sind, erinnern. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Als sich Ai WeiWei vor zwei Wochen am Strand der Insel Lesbos in der Pose des kleinen ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi ablichten ließ, dessen Bild Anfang September um die Welt ging, da waren die Reaktionen gespalten. Die einen lobten Ai dafür, dass er sich als prominenter Künstler dieses Themas annehme und auch vor Menschenrechtsfragen im Westen nicht die Augen verschließe. Die anderen empfanden die Aktion als mindestens zynisch und brandmarkten sie als reine Egoshow eines Künstlers, der in den Monaten zuvor wegen seiner plötzlich milderen Haltung gegenüber dem chinesischen Regime viel öffentliche Kritik auch von früheren Weggefährten und Unterstützern hatte einstecken müssen.
Wie dem auch sei: Ai Weiwei hat ein neues Thema gefunden - die Menschenrechtsfrage in der westlichen Welt. Seiner Aktion am Konzerthaus auf dem Berliner Gendarmenmarkt gingen zwar schon einige andere zum Flüchtlingsthema voraus – aber zum Beispiel auch seine populäre Aktion mit Legosteinen im Herbst vergangenen Jahres, mit denen er in Melbourne die Gesichter australischer Bürgerrechtsaktivisten nachbildete.
Darauf mit dem stereotypen Hinweis zu reagieren, Ai sei eigentlich nur ein gewiefter Geschäftsmann, der ein doppeltes Spiel spiele, ist einfach. Das Problem an Ai Weiwei war nie seine Kunst, von deren Originalität im Einzelnen jeder selbstverständlich halten kann, was er will. Das Problem an Ai Weiwei war und ist immer ein gewisser Teil seines mitunter prominenten Unterstützerkreises. Dazu gehören etwa gewisse westliche Kulturinstitutionen, die bislang nicht durch besonderes politisches Engagement in Sachen Bürgerrechte oder auch gegen das Leiden tausender chinesischer Dissidenten aufgefallen wären; die aber trotzdem überdimensionale Solidaritätsplakate an ihre Pforten hingen, um damit gegen Ais Inhaftierung in China zu protestieren.
Dazu gehören auch Politiker, die bei ihren China-Besuchen für das Protokoll auch ein paar obligatorische Sätze zur Menschenrechtslage fallen lassen und sich als Ai-Wei-Wei-Bewunderer geben, bevor sie das nächste Wirtschafts- oder Kulturabkommen unterzeichnen. Ai Weiweis prominente Subversion war für manche immer schon ein guter Anlass, sich mit seiner Hilfe selbst zu vermarkten. Ihm vorzuwerfen, dass er sich für Imagekampagnen des westlichen Kulturbetriebs einspannen lässt, blendet aus, dass dies nun einmal das gängige künstlerische Geschäftsmodell im Westen ist. So what!
Seit er nach seiner Freilassung in China im Westen weilt, wird in Interviews und seinen Arbeiten deutlich, dass Ai Weiwei seine Situation und seine Glaubwürdigkeit neu beurteilt. Dass er sich jetzt den Westen und dessen oft reichlich bigottes Menschenrechtsverständnis vornimmt, könnte durchaus damit zu tun haben, dass er es satthat, einseitig instrumentalisiert zu werden. Er will raus aus der Dissidentenrolle, die ihn beständig zur Opferikone macht, dessen Geschichte sich leicht als Deckmantel für kulturpolitische Spielchen verwenden lässt. Er möchte sich emanzipieren und als international politischer Künstler wahrgenommen werden, nicht als Selfmademan.
Die Zeit der großen Ai-Wei-Wei-Solidaritätsplakate dürfte damit wenigstens vorüber sein. Das könnte der Marktpräsenz des Künstlers durchaus schaden, seiner Glaubwürdigkeit hingegen enorm zugutekommen.