Dienstag, 27. September 2022

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Lebensversicherer unter Druck

Vielen Kunden haben sie Zinsen von vier Prozent und mehr versprochen. Doch an den Finanzmärkten können sie diese selbst kaum erzielen. Das historisch niedrige Zinsniveau setzt den Lebensversicherern zu, auch wenn der Verband das Problem auf dem Branchentreff in Berlin herunterspielte.

Von Anja Nehls | 14.11.2012

    Der Deutschen Versicherungswirtschaft geht es gut. Die Beitragseinnahmen stiegen im vergangenen Jahr um 1,5 Prozent auf über 180 Milliarden Euro. Sorgen machen den Versicherungen nur die zurzeit in Europa niedrigen Zinsen. Kurz und mittelfristig können zum Beispiel die Lebensversicherer ihre gegenüber den Kunden gegeben Garantien aber noch erfüllen. Bereits im vergangenen Jahr sind deshalb zusätzliche Rücklagen und Reserven angelegt worden. Die Zinszusatzreserve, die angelegt wurde um die Auswirkungen der niedrigen Zinsen abzufangen, wird in diesem Jahr rund fünf Milliarden Euro betragen. Sie soll aus dem laufenden Ergebnis finanziert werden, sagt Rolf Peter Hoenen, der Präsident des Gesamtverbandes der deutschen Versicherer:

    "Die Risiken und die Nebenwirkungen der Medizin, die zur Stützung von Banken und Staaten seit Ausbruch der Bankenkrise eingesetzt werden, sind schon lange bei den Sparern angekommen und belasten inzwischen auch die Lebensversicherungskunden in Deutschland sehr deutlich."

    Die Lebensversicherer können vermutlich in diesem Jahr vier Prozent Verzinsung auf ihre Kapitalanlagen erwirtschaften. Investiert wird nun verstärkt in Anlagen, die vom Finanzmarkt unabhängiger sind, wie zum Beispiel Immobilien, europäische Pfandbriefe und Unternehmensanleihen.
    Für die Kunden steht als private Altersvorsorge mehr und die klassische Lebensversicherung im Vordergrund. Der Absatz von Riester Verträgen ist in diesem Jahr um über 30 Prozent gesunken.

    Folgen für die Verbraucher wird auch die vom europäischen Gerichtshof geforderte Abschaffung von unterschiedlichen Tarifen von Männer und Frauen haben. Unter anderem in der Lebensversicherung, Rentenversicherung, Invaliditätsversicherung oder Krankenversicherung kann sich der Preis des Versicherungsschutzes um bis zu 30 Prozent nach oben oder unten ändern, sagt Reinhold Schulte vom Verband der privaten Krankenversicherungen:

    "Die Frauen leben halt eben länger und insofern werden die Tarife in der privaten Krankenversicherung eben ab dem 21.12. sprich ab 1. Januar unterschiedlich angepasst werden, für Männer wird es durchschnittlich sicherlich teurer, als für die Frauen. das Ganze betrifft in der Krankenversicherung nur das Neugeschäft auf den bestand hat das keinen Einfluss. Da gelten natürlich die Bisex Tarife auch über den 21.12. hinaus weiter."

    Auf mehr Transparenz dürfen die Verbraucher beim Abschluss ihrer Versicherungsverträge zumindest teilweise hoffen. An einer anbieterübergreifenden Gesamtkostenquote wird gearbeitet. Die Vermittlerprovision wie von der Europäischen Kommission wollen die Versicherer allerdings nicht offenlegen, sagt Rolf Peter Hoenen

    "Provisionen sind ja gerade nur ein Teil der gesamt kosten und sie variieren in den unterschiedlichen Vertriebswegen und Ausgestaltungen. Für den Kunden relevant und damit wichtig sind die einkalkulierten Gesamtkosten und die weisen wir seit 2008 aus."

    Das kräftigste Plus an Einnahmen seit 1994 erzielten für die deutsche Versicherungswirtschaft die Schadens und Unfallversicherungen. Allerdings müssen hier die Versicherungen auch das meisten Geld ausgeben. In der Kraftfahrtversicherung gibt es seit 2008 schon ununterbrochen rote Zahlen. Ähnlich ist das in Sachversicherung, da stiegen die Ausgaben der Versicherer um fast zehn Prozent. Grund ist die kurze heftige Frostphase Anfang des Jahres in der Wohngebäudeversicherung und die stark gestiegene Zahl an Wohnungseinbrüche für die Hausratversicherung.