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StartseiteKultur heuteSprache verbindet, Sprache trennt03.04.2019

Literarische Denkfabrik auf Burg HülshoffSprache verbindet, Sprache trennt

Nachdenken über Bedingungen von Zugehörigkeit und über die Rolle der Literatur. Das hat sich eine Tagung am Geburtstort der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff vorgenommen. Für sie als schreibende Frau sei diese Frage immer besonders virulent gewesen, meint der künstlerische Leiter Jörg Albrecht.

Jörg Albrecht im Gespräch mit Änne Seidel

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Die Wasserburg "Burg Hülshoff" in Havixbeck (Nordrhein-Westfalen) (dpa/picture alliance/Horst Ossinger)
Die Tagung "To belong or not to belong?" fand auf Burg Hülshoff statt (dpa/picture alliance/Horst Ossinger)
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Änne Seidel: "Wer fremde Sprache nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen." Davon war Johann Wolfgang von Goethe überzeugt und er wusste wohl, wovon er sprach, denn er lernte gleich mehrere Fremdsprachen: Latein, Griechisch, Französisch, Englisch, Italienisch standen da mindestens auf seiner Liste, und ganz offensichtlich hat ihm der Abgleich mit diesen anderen Sprachen auch dabei geholfen, die eigene Sprache, das Deutsche, besser zu durchdringen. Für Goethe waren Sprachbarrieren also kein Problem und da war es für einen wie ihn natürlich leicht, Sprache als etwas zu sehen, das Menschen verbindet, einander näher bringt. Dass Sprache aber auch trennen kann, das wissen all die, die in einem Land leben, in dessen Sprache sie sich nicht zu Hause fühlen, geflüchtete Schriftsteller etwa, die hier in Deutschland versuchen, weiter zu schreiben. Sprache verbindet, Sprache trennt – über genau diesen Widerspruch soll in den kommenden Tagen auf der Burg Hülshoff in Havixbeck bei Münster nachgedacht werden. Dort entsteht gerade ein neues Zentrum für Literatur, und das hat jetzt zu einer mehrtägigen Denkfabrik eingeladen. Jörg Albrecht ist künstlerischer Leiter auf Burg Hülshoff, wenn Sie sich heute so umgucken in unserer Gesellschaft, haben Sie den Eindruck, dass Sprache im Alltag zurzeit eher etwas Verbindendes ist, oder doch eher etwas, das die Menschen voneinander trennt?

Jörg Albrecht: Wie immer würde ich sagen, es gibt beides. Aber wenn ich mir den medialen Diskurs anschaue, dann hat sich das über die vergangenen fünf Jahre schon ganz schön aufgeheizt und es haben sich Fronten und Gegensätze gebildet und eher Mauern als Verbindendes. Genau da wollen wir ansetzen und das hinterfragen, natürlich mit der Kraft der Literatur, die sich ja immer auch mit der Frage danach beschäftigt, wie eigentlich Alltag und Sprache oder Realität und Sprache zusammenhängen.

Sprache kann verflachen oder verdichten

Seidel: Und welche Aufgabe hat die Literatur in dieser Gemengelage, die Sie gerade geschildert haben? Sollte sie versuchen, diese gesellschaftlichen, politischen Gräben zu überwinden, und kann sie das überhaupt?

Albrecht: Natürlich können wir nicht sagen, dass sie das soll, weil die Literatur so wie jede Kunst sowieso macht, was sie möchte und was sie von innen heraus denkt, was sie tun kann. Aber es geht schon darum, sich einmal zu fragen, was kann Literatur gerade, was sind die Potenziale, und geht es nicht darum, Komplexitäten, so wie wir sie ja tagtäglich erleben, auch in Sprache zu gießen und damit eigentlich erlebbar zu machen, wie wir alle durch die Welt gehen. Denn was in diesem Alltagssprechen, das so verflacht und polarisiert, ja passiert ist, dass die Dinge sehr stark eingedampft werden und Sprache macht das manchmal auch, verdichtet ja auch, aber auf ganz andere Weise, nämlich auf eine Weise, in der Komplexität nicht verloren geht. Genau darum treffen wir uns auch. Es sind etwas mehr als 30 Leute aus der Kunst, vor allem aus der Literatur dabei, und es geht tatsächlich genau darum, diese Gretchenfrage zu stellen: Wie gehen wir mit dieser Komplexität um.

Seidel: Und was denken Sie, was Sie da für Antworten hören werden in den nächsten Tagen?

Albrecht: Ein großes Feld ist auf jeden Fall das Thema der Übersetzung, und zwar nicht einfach nur der Transfer von einer Sprache in die andere, sondern auch die Frage danach, ob das Übersetzen selber nicht schon eine eigene Sprache ist oder eine eigene Zwischensprache im Grunde. Das wäre auch was, was ich jetzt antworten würde, wenn Sie mich fragen, wie wir gesellschaftlich wieder zueinander kommen, stärker auf dieses Zwischen zu setzen und nicht darauf, immer das eine oder das andere wählen zu müssen.

Schreiben heißt immer Übersetzen

Seidel: Das heißt, es sind vielleicht manchmal gar nicht in erster Linie die Schriftsteller, sondern vielmehr die Übersetzer, die dafür sorgen, dass Literatur die Menschen auch über Grenzen hinweg verbinden kann?

Albrecht: Ja, auf der einen Seite schon. Auf der anderen Seite übersetzen ja alle, die schreiben, auch etwas in etwas, und oft sind es ja auch Literaturen aus anderen Sprachen oder Gegenden der Welt, die Menschen wieder inspirieren, überhaupt zu schreiben. Das werden wir unter anderem in der Key Note Lecture von Sandra Richter auch hören, die ja jetzt seit Anfang Januar 2019 das Deutsche Literaturarchiv in Marbach leitet und die genau dazu ein ganz hervorragendes Buch geschrieben hat, nämlich dazu, wie deutschsprachige Literatur immer entstanden ist, weil sie Stoffe, Motive, Texte aus anderen Ländern importiert hat und neu gefasst hat, übersetzt hat, aber auch anders herum, wie ist die deutschsprachige Literatur in die Welt gegangen. Und das ist es im Grunde schon zu sagen, dass Welt immer darin besteht, dass Dinge übersetzt werden, Texte, aber natürlich auch Vorstellungen, natürlich auch Positionen, auch gesellschaftspolitische Positionen.

Seidel: Kommen wir noch einmal zurück zu diesen gesellschaftspolitischen Positionen. Es gibt ja durchaus viele Schriftsteller, die sich in die aktuellen politischen Debatten einmischen, ganz klar öffentlich Stellung beziehen und sich auch politisch positionieren, manchmal auch in ihrer Literatur. Ist das wirklich der richtige Weg? Denn unterstützen sie damit nicht wiederum das spalterische, trennende Element, das Sprache und Literatur auch haben kann?

Albrecht: Ich glaube, wir müssen da differenzieren und sagen, dass es auf der einen Seite die Literatur gibt, die Romane, die Gedichte, die Essays, die entstehen und die oft viel komplexer sind, aber davon getrennt auch die Personen, die diese Texte schreiben und die natürlich auch politisch tätig sein können und auch ganz eindeutig Positionen beziehen können. Das sind einfach zwei getrennte Dinge. Ich muss sagen, ich bin ganz froh, dass sich die Leute überhaupt wieder in dieses Spektrum begeben und Gesellschaft nicht einfach außen vor bleibt, sondern dass es einen Gesamtprozess gibt, ein Gesamtnachdenken darüber, was Gesellschaft heute bedeuten kann und soll. Und ja, ich glaube eigentlich, dass dann auch wieder die schönere und komplexere Literatur entsteht, nämlich aus dieser Reibung.

Ganz im Geiste der Droste

Seidel: Ihr Literaturzentrum, Herr Albrecht, liegt auf der Burg Hülshoff bei Münster, dem Geburtsort der Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff. Auch sie sprach, genau wie Goethe, mehrere Fremdsprachen, was für Frauen im 18., 19. Jahrhundert ja sehr ungewöhnlich war. Inwiefern erinnern Sie mit dieser Denkfabrik auch an Annette von Droste-Hülshoff?

Albrecht: Ja, einfach in dem Sinne, dass der Titel der Denkfabrik ja ist "To belong or not to belong". Das ist jetzt erst mal Shakespeare, aber es ist vor allem die Frage, die auch die Droste umgetrieben hat: Wie kann ich überhaupt zu einer Gesellschaft dazugehören. Sie als Frau durfte das als schreibende Frau erst mal nicht. Es war einfach unmöglich zu veröffentlichen. Für sie war ja genau diese Frage die ganze Zeit virulent: Was bedeutet es eigentlich, zur Welt zu gehören, zu einer bestimmten Region zu gehören, zu einem Ort, aber auch zu den sozialen Einheiten, die dazugehören. Ich glaube, dass wir damit so ganz im Spirit der Droste handeln – vielleicht noch viel mehr als im Spirit von Goethe tatsächlich, weil es da wirklich noch mal ein anderes Bewusstsein für Außenseitertum gibt in den Texten von Droste-Hülshoff.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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