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Lkw-Branche
Trucker dringend gesucht

Familienfreundlich? Nein. Gut bezahlt? Auch nicht. Lange Arbeitszeiten? Ja. Der Beruf des Lkw-Fahrers hat alles andere als einen guten Ruf. Hamburger Unternehmen versuchen nun, mit einem besonderen Bewerbungsverfahren Job-Interessenten zu überzeugen.

Von Ines Burckhardt | 29.06.2017

    Ein LKW-Fahrer sitzt am Steuer und stellt sein Navigationsgerät ein.
    Hamburger Unternehmen machen Interessenten den Job des LKW-Fahrers schmackhaft. (imago / Stefano Lunardi)
    "Und es geht los…". "Sie möchten Kraftfahrer werden?" "Ich möchte gerne Kraftfahrer werden, ja."
    Björn Zander rückt seinen Stuhl zurecht - ihm gegenüber nimmt ein Personaler Platz. Zusammen mit 20 anderen Bewerbern sitzt Björn Zander in einem großen Raum der Handelskammer Hamburg. Graue Stellwände trennen die Tische voneinander. Als erste stellt sich eine Umzugsfirma bei Björn Zander vor…
    "Dann geht’s bis Gibraltar runter, Frankreich, Italien, viel Schweiz, wo die Jungs dann mal ne Woche oder zwei, drei unterwegs sind. Und dann auch – falls man Familie hat – die muss da unbedingt mitspielen, sonst geht’s voll in die Grütze."
    Offen für jeden Quereinsteiger
    Für Björn Zander sind die Arbeitszeiten kein Problem, sagt er - auch, weil er keine Kinder hat. "Man muss damit klarkommen. Da kann ich nicht sagen: Ich möchte gerne meine Familie. Acht Stunden - und dann will ich nach Hause. Dann möchte ich nicht Kraftfahrer werden."
    Björn Zander ist gelernter Kaufmann im Einzelhandel, hat aber 26 Jahre lang als DJ gearbeitet. Dann hatte er einen Herzinfarkt und sucht nun seit fast zwei Jahren einen Job. "Nur alle sagen immer: Dir fehlt die Ausbildung."
    "Ja, die wollen wir ja anbieten."
    In den nächsten zehn Jahren bricht ein Drittel weg
    Die sechs Logistik-Unternehmen, die sich den Bewerbern vorstellen, sind offen für jeden Quereinsteiger. Denn die Not ist groß, erklärt Hans Stapelfeldt, einer der Organisatoren vom Bildungswerk Verkehrsgewerbe:
    "Wir bekommen die Rückmeldung von unseren Mitgliedern, dass wir viel zu wenig Lkw-Fahrer haben. Der demographische Wandel sorgt dafür, dass in den nächsten zehn Jahren ungefähr ein Drittel in den Ruhestand gehen. Aber die müssen irgendwie nachträglich besetzt werden."
    Zahlreiche Autos und Lastwagen fahren am 25.05.2016 bei Hamburg über die Autobahn 7.
    Alles andere als familienfreundlich: LKW-Fahrer müssen lange Arbeitszeiten in Kauf nehmen. (dpa/ Daniel Reinhardt)
    Etwa 20.000 Lkw-Fahrer scheiden zurzeit jedes Jahr aus – so eine Schätzung des Bundesverbands Güterkraftverkehr. Hinzu kommt: Viele Unternehmen wachsen. "Es fahren wesentlich mehr Lkw. Die ganzen Sprinter, die die Pakete zubringen, da sitzen auch Lkw-Fahrer drauf."
    Löhne müssen steigen
    Das Problem: Der Beruf hat wegen langer Arbeitszeiten und einer relativ schlechten Bezahlung keinen guten Ruf. Das Einstiegsgehalt liegt bei etwa 2.200 Euro brutto, so Stapelfeldt.
    "Aber wir wissen, dass der Markt in die Richtung geht, dass wir auch mehr bezahlen müssen."
    Nach dem Speed-Dating in Hamburg wollen die Unternehmen erst einmal einwöchige Praktika anbieten. Damit soll erreicht werden, dass sich die Interessenten mit ihrer Entscheidung zur Ausbildung wirklich sicher sind. Denn zurzeit brechen jedes Jahr etwa 40 Prozent aller Azubis vor der Abschlussprüfung ab.
    Frauen zu sehr unterrepräsentiert
    Frauen sind beim Speed-Dating kaum zu sehen – Hans Stapelfeldt hat eine Erklärung: "Es liegt daran, dass man früher dachte, dass man viel schleppen muss. Tatsache ist, dass heutzutage der Beruf sehr leicht ist, weil die Fahrzeuge sehr hochtechnisch ausgerüstet sind. Da könnten auch viele Frauen den Beruf wählen."
    Björn Zander ist am Ende zufrieden: "Jetzt hab ich Alternativen, so dass ich nochmal sehen kann, dass ich für 20 Jahre wirklich 'ne Arbeit hab."
    Er habe das Speed-Dating sehr genossen, so Zander – das erste Mal, seit er arbeitslos ist, habe er sich umworben gefühlt.