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Madrids neue Bürgermeisterin Riesige Erwartungen an Manuela Carmena

Die 71 Jahre alte Manuela Carmena ist designierte neue Bürgermeisterin von Madrid. Viele Bürger hoffen nun auf einen grundlegenden Wandel in der Stadtpolitik. Die ehemalige Richterin will vor allem die sozialen Probleme der spanischen Hauptstadt angehen. Zu offiziellen Termine fährt sie am liebsten mit der U-Bahn.

Von Hans-Günter Kellner | 12.06.2015

Manuela Carmena spricht nach der Kommunalwahl mit Journalisten.
Bei den Kommunalwahlen Ende Mai hat das Bündnis "Ahora Madrid" mit Manuela Carmena gut abgeschnitten. Die Sozialisten im Stadtparlament haben ihre Unterstützung zugesagt, sodass sie am Samstag, 13.6., zu Madrids neuer Bürgermeisterin gewählt werden kann. (picture alliance/EPA/Juan Carlos Hidalgo)
Wahlparty in der Madrider Stadtmitte vor vier Wochen. Wo sonst mit gebrauchten Büchern gehandelt wird, warten Tausende auf Manuela Carmena. Sie wollen sie als ihre neue Bürgermeisterin feiern. Die Erwartungen sind riesig.
"Alles wird sich ändern", sagt ein junger Mann. "Wir werden jetzt seit 25 Jahren von der Volkspartei regiert. Jetzt kommt Ahora Madrid. Alles wird anders, das wird eine neue Welt, fantastisch."
Eine Frau sagt: "Das ist für mich ein starker Wandel, ein richtiger Neuanfang mit Manuela Carmena, mit einer solchen Mentalität und einer solchen Geschichte im Kampf um die Demokratie. Wir sind es einfach nicht gewohnt, dass die Politiker in dieser Stadt dem Volk wirklich nah stehen."
Dann betritt die 71-Jährige die große Bühne. Sie blickt eher unsicher als triumphierend, mit einer Hand umklammert sie ein Spiralheft und einen Kugelschreiber.
"Wir müssen jetzt die verführen, die uns nicht gewählt haben"
"Wir stehen vor einer wunderbaren Herausforderung: Wir müssen jetzt diejenigen verführen, die uns nicht gewählt haben. Wir müssen sie überzeugen, dass dieser Wandel notwendig ist. Viele haben Angst, sind sich unsicher. Wir werden sie verführen."
Wie viele linke Oppositionelle trat Carmena während der Franco-Diktatur in die Kommunistische Partei ein und später wieder aus, verteidigte als Rechtsanwältin Gewerkschafter. 1977 stürmten bewaffnete Rechtsradikale ihre Gemeinschaftskanzlei und erschossen fünf ihrer Kollegen. Sie selbst war zu diesem Zeitpunkt nicht im Büro. Später wurde sie Richterin, 2010 trat sie in den Ruhestand. Vor Journalisten schildert sie, wie es zu ihrer Kandidatur kam:
"Irgendwann bat mich ein Verlag, ein Buch zu schreiben. Damit begann mein Unglück. Der Titel war: Warum die Dinge anders sein können. Das weckte das Interesse jener Leute, die die Dinge ändern wollen. Sie baten mich, um das Amt der Bürgermeisterin zu kandidieren. Mich überzeugten weniger die Parteien als meine Freundschaften. Freundschaft ist ein sozialer Kit, dessen Bedeutung weit über die Politik hinausgeht."
Soforthilfe für bedürftige Familien
Ihre Formation "Ahora Madrid" ist keine Partei, sondern ein Zusammenschluss mehrerer linker Kräfte, darunter Podemos, und Parteiloser. Carmena hat auf viele Fragen keine genaue Antwort. Dass sie dies offen zugibt, hat die Menschen in Madrid nach so vielen Jahrzehnten mit Berufspolitikern im Rathaus wohl überzeugt. Die sozialen Probleme in der Dreieinhalb-Millionen-Metropole kennt die designierte Bürgermeisterin gut. Die Krise hat tiefe Spuren hinterlassen, 16.000 Familien benötigen Soforthilfe, sagt sie:
"Sie brauchen Lebensmittel. Wir müssen auch die Versorgung dieser Menschen mit Energie gewährleisten, was heute nicht passiert. Das kostet rund 200 Millionen Euro. Das mag viel Geld sein, macht aber nur 1,8 Prozent des städtischen Haushalts aus. Damit könnten die Grundbedürfnisse der notleidenden Bevölkerung mit Lebensmitteln und Energie gewährleistet werden."
Hinzu kommen die Zwangsräumungen. Sie lassen sich wohl auch weiterhin nicht verhindern. Doch künftig sollen die Gerichte vor einer Räumung die Stadt informieren, die dann eine Sozialwohnung zur Verfügung stellt, damit keine Familien wie bisher buchstäblich auf der Straße stehen, erklärt Carmena. Dafür gebe es trotz eines Schuldenbergs von sechs Milliarden Euro Mittel im Haushalt, ist sie überzeugt.
Gegenwind von rechts
"Madrid ist nicht kommunistisch", skandieren unterdessen einige Rechtsradikale vor der Zentrale der spanischen Sozialisten und erheben die rechten Arme zum faschistischen Gruß. Sie hoffen auf Abweichler in den Reihen der sozialistischen Fraktion, auf deren Stimmen Carmena angewiesen ist.
Doch die Kandidatin ist gelassen. Sie trifft sich nur wenige Meter entfernt mit ausländischen Kommunalpolitikern, befragt sie nach Konzepten für Kindertagesstätten oder der Re-Kommunalisierung öffentlicher Dienstleistungen. Und erklärt, wie sie die Korruption in der Kommune bekämpfen will:
"Man muss es nur wollen. Als ich 1981 Richterin wurde, war die Korruption an den Gerichten alltäglich. Eine Reihe von Richtern, darunter auch ich, sagten einfach: Schluss damit. Und das war's. Man muss entschlossen sein, dann verschwindet auch die Korruption."
Dann steigt sie wieder die Treppen der Madrider U-Bahn hinab, ihrem Lieblingsverkehrsmittel. Der Dienstwagen, schwört sie, soll auch künftig in der Garage stehen bleiben.