Donnerstag, 01. Dezember 2022

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MaerzMusik-Festival
Außenseiter der Musikgeschichte

Beim diesjährigen MaerzMusik-Festival für Zeitfragen in Berlin wurde vor allem Außenseitern Aufmerksamkeit geschenkt: Perspektiven, Positionen und Persönlichkeiten, die aus der Geschichtsschreibung der abendländischen Kunstmusik verdrängt wurden. Unter dem Aspekt der Dekolonisierung wurde auch das Phänomen der Zeit verhandelt.

Von Leonie Reineke | 27.03.2017

    Das Haus der Berliner Festspiele - alljährlich Zentrum des Theatertreffens
    Das Haus der Berliner Festspiele - dort und in weiteren Spielstätten findet alljährlich das MaerzMusik-Festival statt (imago stock&people)
    Musik: "Crazy Nigger” von Julius Eastman
    "Mein Versuch war es kuratorisch, sozusagen mir die Frage zu stellen: Was würde es heißen, ein Festival für zeitgenössische Musik zu dekolonisieren? Was würde das implizieren? Und unter vielen möglichen Antworten ist auch jene, dass Positionen, die marginalisiert waren oder sind, besonders interessant sind."
    Minimal-Komponisten Julius Eastman
    Musik des afro-amerikanischen Minimal-Komponisten Julius Eastman – einer weitgehend unbekannten Künstlerpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Nach seinem frühen Tod im Jahr 1990 geriet seine Arbeit in völlige Vergessenheit. Allmählich wird Eastman wiederentdeckt; unter anderen bei der Berliner MaerzMusik. Berno Odo Polzer, künstlerischer Leiter des Festivals, hat es sich in diesem Jahr zur Aufgabe gemacht, Außenseitern der Musikgeschichte wie Julius Eastman besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
    "Man kann lernen, dass er als unangenehme Figur, als jemand, der Rassismus, Homophobie, Kapitalismus dezidiert kritisiert hat, sich in eine Randposition begeben hat - in eine stark weiß-heterosexuell dominierte Musikszene - und dass das möglicherweise oder mit großer Sicherheit dazu beigetragen hat, dass er aus dieser Geschichtsschreibung verschwunden ist."
    Julius Eastman fungierte als historische Symbolfigur für das Bestreben des Festivals, zeitgenössische Musik von eindimensionalen geschichtlichen Narrativen zu lösen. Und auch ein eurozentrisches Weltbild wurde in Frage gestellt. So zum Beispiel in einem Gemeinschaftskonzert des Ensembles KNM Berlin und Musikern aus Indien. Kern des Projekts war die Gegenüberstellung verschiedener musikalischer Erinnerungskulturen. Der südindische Komponist und Sänger Ramesh Vinayakam erklärt:
    "Ich habe ein grafisches System erfunden, mit dem sich klassische indische Musik notieren lässt. Über Jahrhunderte wurde diese Musik lediglich mündlich überliefert, sodass nur ein ausgesuchter Kreis von Menschen sie spielen konnte. Aber mit meinem Notationssystem, das ich 'Gamaka Box' nenne, können alle komplizierten Details unserer Musik festgehalten werden, und Menschen auf der ganzen Welt können sie authentisch interpretieren; auch die Streicher des KNM-Ensembles hier in Deutschland."
    Phänomen Zeit unter dem Aspekt der Dekolonisierung
    Perspektiven, Positionen und Persönlichkeiten, die aus der Geschichtsschreibung der abendländischen Kunstmusik verdrängt wurden, standen im Zentrum der diesjährigen MaerzMusik. "Dekolonisierung" lautete das entsprechende Motto. Und da die MaerzMusik sich seit 2015 "Festival für Zeitfragen" nennt, wurde auch das Phänomen Zeit unter dem Aspekt der Dekolonisierung verhandelt. Berno Odo Polzer wählte dafür den Untertitel "Decolonising time".
    "Eine ganz bestimmte Vorstellung von Zeit und Zeitlichkeit, nämlich die, die aus Europa kam, basiert auf der Tatsache der Messbarkeit von Zeit mit mechanischen Uhren und so weiter. Und wenn man sich ansieht, wie dieses Konzept von Zeit sich in der ganzen Welt ausgebreitet hat und jetzt zu so einer Universal Time, wie das ja tatsächlich benannt wird, geworden ist, kann man daran sehr schön diese Mechanismen der Aufoktroyierung von lokalen Praktiken Europas auf den Rest der Welt verfolgen. Und Decolonising Time wäre sozusagen ein Aufbrechen dieser Norm dessen, was Zeit ist, und das Entdecken von ganz verschiedenen Formen von Zeit und Zeitlichkeit, aber immer im übertragenden Sinne auch von unterschiedlichen Arten, Musik zu machen, unterschiedlichen Arten, zu leben, unterschiedlichen Arten, Praktiken zu organisieren und so weiter."
    So stellte die MaerzMusik Künstler in den Mittelpunkt, deren Umgang mit Zeit ein dezidiert exzentrischer ist. Darunter die 1948 geborene schwedisch-amerikanische Künstlerin Catherine Christer Hennix. Auch sie gehört zu den vergessenen Figuren der westlichen Musikgeschichte. Ihren Arbeiten legt sie die Theorie eines kosmischen, zeitlosen Urklangs zugrunde.
    "Jede Musik ist Vibration. Der ganze Kosmos ist eine vibrierende Unendlichkeit. Vibration ist ein omnipräsentes Phänomen. Auch wenn wir schlafen gehen, geht die Vibration weiter. Sie kümmert sich nicht um das, was wir tun; sie ist immer da."
    Metaphysische Erfahrung beim Konzert gefragt
    Die Vibration, von der Hennix spricht, war bei der etwa anderthalbstündigen Darbietung des Stücks "The Electric Harpsichord" von 1976 zu erleben. Nicht das intellektuelle Verarbeiten von Musik war hier gefragt, sondern die metaphysische Erfahrung. Ohne Schuhe und auf dem Boden liegend sollte das Konzert erlebt werden.
    Musik: The Electric Harpsichord von Catherine Christer Hennix
    Das exakte Gegenbeispiel zu Catherine Christer Hennix’ psychedelischer Klangflächenmusik stellte das Stück "Everything is important" der irischen Komponistin und Stimm-Performerin Jennifer Walshe dar:
    Musik: Everything is important von Jennifer Walshe
    Eine überdrehte Performerin, eine trashige Video-Collage und ein traditionelles Streichquartett: Walshes Komposition bildet eine unübersichtliche und hektische Mixtur von Eindrücken unserer vieldeutigen Gegenwart ab.
    "Das, was ich auf der Bühne mache, ist kein bisschen intensiver und dichter als das, was die Menschen täglich im Internet erleben. Wir sind ständig mit einer riesigen Fülle an Informationen konfrontiert. Insofern geht es mir in meiner Kunst auch nicht darum, einen Einzelaspekt zu isolieren und wie ein Ausstellungsstück auf einem Sockel zu präsentieren. Im Gegenteil: Ich versuche, mich innerhalb all der Eindrücke zu bewegen, die uns die Welt liefert. Das moderne Leben ist eben überwältigend. Das möchte ich zeigen und reflektieren, anstatt es zu ignorieren."
    Musik: Everything is important von Jennifer Walshe
    Durch die zahllosen Verweise im Programm auf nicht-musikalische, gesellschaftspolitische Inhalte geriet die primäre Kunsterfahrung stellenweise in den Hintergrund. Das ist zwar schade, aber nicht tragisch. Viel dringlicher ist dagegen die Forderung, den zweifellos nötigen Diskurs um das Überwinden einseitiger, eurozentrischer Blickwinkel nicht in intellektuellen Theoriegebilden erstarren zu lassen. Aber dieser Gefahr wird ein so sorgfältig programmiertes Festival wie die MaerzMusik sicherlich standhalten.