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StartseiteDie neue PlatteMusikalische Gruselgeschichte05.11.2017

Mahlers "Das klagende Lied"Musikalische Gruselgeschichte

Gustav Mahlers Kantate "Das klagende Lied" erlebte vor über 100 Jahren in Wien ihre späte Uraufführung. Dirigent Cornelius Meister hat das selten gespielte Stück kürzlich mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien auf CD aufgenommen.

Am Mikrofon: Marcus Stäbler

Undatierte Aufnahme des österreichischen Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler (1860-1911) (picture-alliance / dpa)
Undatierte Aufnahme des österreichischen Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler (picture-alliance / dpa)

Musik: Gustav Mahler, Das klagende Lied, 2. Satz

"Mein Märchenspiel ist endlich vollendet – ein wahres Schmerzenskind, an dem ich schon über ein Jahr arbeite. Dafür ist es aber etwas rechtes geworden!"

So resümierte der zwanzigjährige Gustav Mahler im Jahr 1880 den mühsamen Entstehungsprozess seiner Kantate mit dem Titel "Das klagende Lied". Ein Stück für großes Orchester, Chor und Solisten, das der junge Komponist später als sein Opus 1 bezeichnen sollte.

Es dauerte lange bis "Das klagende Lied" unter Leitung von Mahler selbst in Wien seine Premiere erlebte – und bis heute wird es nur selten aufgeführt, auch wegen der großen Besetzung und des damit verbundenen Aufwands. Cornelius Meister, seit 2010 künstlerischer Leiter des ORF Radio-Symphonieorchesters, hat das rund einstündige Werk im Dezember vergangenen Jahres in Wien dirigiert. Beim Label Capriccio ist jetzt die Konzertaufnahme erschienen, mit Solisten wie der Sopranistin Simone Schneider, dem Tenor Torsten Kerl und der Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner.

Musik: Gustav Mahler, Das klagende Lied, 2. Satz

Den Text zu seinem "klagenden Lied" hat Gustav Mahler mit 17 Jahren selbst verfasst. Er basiert auf dem gleichnamigen Märchen von Ludwig Bechstein, das Mahler mit Elementen eines anderen Märchens, dem "singenden Knochen" der Gebrüder Grimm zu einer gruseligen Geschichte verwebt.

Schauermärchen ohne Happy End

Eine junge und stolze Königin akzeptiert nur denjenigen Rittersmann als Gemahl, der eine bestimmte rote Blume im Wald findet. Ein verhängnisvoller Wunsch. Denn er führt zu einem Brudermord. Und der wird erst bei der Hochzeitsfeier enthüllt – durch eine Flöte, die aus einem Knochen des ermordeten Ritters geschnitzt ist.

Dieses schaurige Märchen hat Gustav Mahler in seiner dreiteiligen Kantate "Das klagende Lied" vertont. Obwohl in dem Stück stellenweise noch die Einflüsse von Vorbildern wie Carl Maria von Weber und Richard Wagner durchschimmern, zeichnen sich die Konturen von Mahlers eigener Klangsprache bereits deutlich ab. Vor allem in charakteristischen Motiven und Farbmischungen, etwa in den Holzbläsern, die auch seine späteren Werke prägen. Dabei präsentiert sich schon der junge Gustav Mahler als Meister der Instrumentation. Im ersten Satz der Kantate mit dem Titel "Waldmärchen" beschwört er eine Naturstimmung, die nicht mehr weit von der Welt seiner ersten Sinfonie entfernt ist – von Cornelius Meister und dem ORF-Orchester transparent musiziert.

Musik: Gustav Mahler, Das klagende Lied, 1. Satz

Ein Höhepunkt, der gleich wieder in sich zusammenfällt, und kurz darauf ein collagenhaft geschnittener Wechsel in ein ganz anderes Klangbild: In solchen Momenten tritt die persönliche Handschrift von Gustav Mahler in seinem "klagenden Lied" deutlich zu Tage. Cornelius Meister formt diese weiten Räume mit ihren Farben und Kontrasten in seiner Konzertaufnahme mit dem Radio-Symphonieorchester des ORF plastisch aus.

Als Dirigent war Meister – designierter Generalmusikdirektor in Stuttgart - ein ähnlicher Frühstarter wie Mahler selbst. Schon mit 21 Jahren debütierte er an der Staatsoper Hamburg, mit 25 wurde er Generalmusikdirektor in Heidelberg. Mittlerweile ist er auch an Häusern wie der Wiener Staatsoper und der Mailänder Scala zu Gast. Von diesem reichen Erfahrungsschatz profitiert der heute 37-jährige Cornelius Meister, wenn er in seiner Interpretation von Gustav Mahlers Kantate "Das klagende Lied" das breite Farbspektrum des Orchesters auffächert, die Charaktere der Musik schärft und Steigerungen hervorhebt.

Live-Aufnahme nicht ohne Makel

Von der besonderen Spannung eines Konzerts ist in der Aufnahme aus Wien allerdings relativ wenig zu spüren, zumindest nicht im positiven Sinne. Die Live-Situation manifestiert sich in diesem Fall eher in einem etwas wackligen Gesamteindruck. Gerade die Einsätze der Bläser des ORF Orchesters sind nicht immer so exakt getimt und stabil intoniert, wie man es von einem Klangkörper dieser Qualität erwarten würde, und die Sänger der Wiener Singakademie schwimmen stellenweise. Etwa wenn der Chor im ersten Teil des Schauermärchens den Konkurrenzkampf um die Gunst der Königin kommentiert – und einen der beiden Ritter ermahnt, er solle das Fluchen sein lassen. Da hat Cornelius Meister den großen Apparat nicht richtig im Griff, die Abstimmung zwischen Frauen- und Männerchor und dem Orchester ist unklar.

Musik: Gustav Mahler, Das klagende Lied, 1. Satz

Gustav Mahler führt die Solostimmen der Männer für kurze Zeit im Oktavunisono: eine gespenstische Farbmischung und eines von vielen Beispielen für den besonderen Klangsinn, den der erst 20-jährige Komponist in seinem Stück "Das klagende Lied" demonstriert.

Monumentalwerk mit üppiger Besetzung

Den kompletten ersten Satz mit dem Titel "Waldmärchen" hat Mahler selbst in einer umfassenden Revision des Stücks gestrichen, um die gewaltigen Dimensionen einzudampfen und so dem Geschmack des Publikums entgegen zu kommen. Sonst hätte er womöglich noch länger als zwanzig Jahre auf die Uraufführung warten müssen. Außerdem hat er den zweiten und dritten Satz überarbeitet und dabei auch die gigantische Besetzung der Urfassung reduziert, für die unter anderem nicht weniger als acht Harfen vorgesehen waren.

Wenn das Stück heute aufgeführt wird, dann meistens mit dem ersten Teil, weil kaum ein Interpret auf dessen musikalischen Reichtum verzichten möchte. Auch Cornelius Meister hat diese Mischfassung dirigiert, mit dem ursprünglichen Waldmärchen an erster Stelle, vor den beiden revidierten Kapiteln.

Nach der Vorgeschichte im Waldmärchen kehrt der zweite Teil dorthin zurück, wo der böse Ritter seinen Bruder im Schlaf getötet hat, um an die rote Blume zu kommen und die Königin für sich zu gewinnen. Ein Spielmann findet einen Knochen am Wegesrand und hält ihn für ein Rohr, aus dem er sich eine Flöte schnitzt. Doch als er die Knochenflöte spielt, spricht aus ihr die Stimme des Ermordeten. Gustav Mahler legt sie einem Knabenalt in den Mund, hier gesungen von einem Solisten des Tölzer Knabenchors. Diese eigentümliche Verbindung eines morbiden Tons mit kindlicher Unschuld gehört auch in späteren Werken zu den Vorlieben des Komponisten.

Musik: Gustav Mahler, Das klagende Lied, 2. Satz

"Im Walde bleicht mein junger Leib, mein Bruder freit ein wonnig Weib", klagt die Stimme vom ermordeten Bruder aus der Flöte des Spielmanns. Dieses Märchen wird kein gutes Ende nehmen, das ist spätestens jetzt klar. Doch zu Beginn des dritten Teils von Gustav Mahlers "klagendem Lied" herrscht zunächst noch Festtagsstimmung. Auf dem Schloss sitzen stolze Ritter und Frauen mit goldenen Ketten, um die Hochzeit der Königin zu feiern.

Gustav Mahler inszeniert dieses Bild mit Bläserpracht, mit rauschendem Schlagwerk und massigem Chor, später kommen noch ein Fernorchester und Solisten dazu. Die scharf geschnittenen Kontraste der Musik treten deutlich zu Tage, Cornelius Meister bündelt die Energie in steil zulaufenden Crescendi,  dramatischen Steigerungen und prägnanten Gesten. Das ORF-Orchester spielt hier präziser als noch im ersten Teil und ist genauer mit dem Chor synchronisiert; allerdings franst der Klang der Wiener Singakademie in den Forte-Passagen aus und erreicht nicht das Niveau eines Spitzenchores.

Musik: Gustav Mahler, Das klagende Lied, 3. Satz

Alle stimmen in den Jubel über die Hochzeit der Königin ein. Nur der Bräutigam sitzt stumm und bleich auf seinem Thron, geplagt vom schlechten Gewissen über den Mord an seinem Bruder.

Musik: Gustav Mahler, Das klagende Lied, 3. Satz

Licht und Schatten im Gesangsensemble

Mit ihrem strahlkräftigen Timbre und mit ihrer natürlichen Sprachgestaltung ist Tanja Ariane Baumgartner die herausragende Sängerin im nicht durchweg überzeugenden Solisten-Quartett der Aufnahme, aus dem sich neben ihr noch Adrian Eröd mit seinem kultivierten Bariton abhebt. Dagegen klingt das wagnergestählte Timbre des Tenors Torsten Kerl zwar kraftvoll, aber in vielen Passagen auch ziemlich unflexibel, die Sopranistin Simone Schneider singt mit einem stellenweise stark schillernden Vibrato.

Ihren stärksten Auftritt haben die beiden kurz vor Schluss des Stücks, wenn sie den Forte-Bereich verlassen und stattdessen den gedeckten Ton des Unheils anschlagen. Als der Bräutigam selbst die Knochenflöte des Spielmanns zur Hand nimmt und auf ihr bläst, meldet sich die Stimme seines ermordeten Bruders ein letztes Mal und klagt ihn öffentlich an, diesmal verkörpert vom Sopran. Die Königin bricht zusammen, die Ritter fliehen, und die alten Mauern versinken. Das bittere Ende eines romantischen Schauermärchens, von Gustav Mahler und seinen Interpreten in gespenstische Farben getaucht.

Musik: Gustav Mahler, Das klagende Lied, 3. Satz

Das düstere Finale von Gustav Mahlers Kantate "Das klagende Lied", in einer Konzertaufnahme unter Leitung von Cornelius Meister, mit dem Radio-Symphonieorchester des ORF, dem Wiener Singverein und den Solisten Simone Schneider, Tanja Ariane Baumgartner, Torsten Kerl und Adrian Eröd. Die Einspielung ist beim Label Capriccio erschienen.

Gustav Mahler: "Das klagende Lied"
ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Wiener Singakademie, Simone Schneider, Tanja Ariane Baumgartner, Torsten Kerl, Adrian Eröd, Solisten des Tölzer Knabenchors
Capriccio C5316

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