Mariusz Duda und sein Projekt Lunatic SoulNebenbei mondsüchtig

Als Frontmann der Progressive Rock-Band Riverside ist der Pole Mariusz Duda ebenso erfolgreich wie von den Fans verehrt. Mit seinem Solo-Projekt Lunatic Soul erweitert er seine "musikalischen Grenzen und Freiheiten": um elektronische Musik, Folk und Ambiente-Crossover.

Von Thomas Elbern | 31.01.2021

Ein Mann in einem blauen Kaputzenmantel mit Bart und blangen Haaren sitzt vor aufgestapelten Baumstämmen.
Lunatic Soul ist das Solo- und Studioprojekt von Mariusz Duda (Tomasz Pulsakowski)
Mit "Through shaded woods" ist im November 2020 das mittlerweile siebte Lunatic Soul-Album erschienen, das den Fokus auf akustische Musik zwischen slawischem und skandinavischem Folk legt. Für Mariuz Duda, 45 Jahre alt und begeisterter Kinogänger, muss es cineastisch sein.
"Es ist mein Ziel, diesen Sound sehr opulent zu gestalten. Eine Art Film, zu dem du keine Bilder mehr brauchst, weil die Musik alles liefert. In mir schlagen verschiedene musikalische Herzen: ich habe die Rockseele, ich liebe elektronische Musik und ich wollte diese schamanistischen Stammesrhythmen auf diesem Album erzeugen. All das schafft diesen großen Sound, den du normalerweise im Kino zu hören bekommst."

Zurück in die Wälder

Mariusz Duda ist in die Wälder zurückgekehrt. Jedenfalls musikalisch. 1975 in Wegorzewo zwischen Wäldern und Seen geboren, wo er 25 Jahre gelebt hat und dann nach Warschau zog. Doch jetzt hat er die Magie der Natur wiederentdeckt – auch als Inspiration für das 7. Lunatic Soul Album. Es hat, im Gegensatz zu den Vorgängeralben einen eindeutigen Schwerpunkt in Richtung Folk. Doch es geht hier nicht nur um Naturmystik. "Durch die dunklen Wälder" ist kein Spaziergang. Es ist eher die Reise einer gepeinigten Seele.
"Die dunklen Wälder sind eine Metapher für all die Traumata und Ängste, in denen wir leben. In dem Album geht es um Überwindung, darum, das hinter sich zu lassen. Um das zu schaffen, musst du die dunklen Wälder durchqueren. Du musst aufbrechen, du kannst nicht stehen bleiben. Du musst mitten durch den Wald gehen und mit deinem Schwert all die Monster besiegen. Erst dann findest du diesen Ort des Friedens und der Stille: Ja, der dunkle Wald steht für etwas Beängstigendes, das du bezwingen musst."
Auf "Through shaded woods" dominieren akustische Instrumente. Westerngitarre mit Stahlsaiten, mit Nylon bespannte Konzertgitarren, Glockenspiel, Handtrommel. Auch der Sound seines Hauptinstruments, der elektrische Bass, wird elektronisch verfremdet, sodass er wie eine akustische Gitarre oder wie eine Leier klingt. Duda will bei "Through shaded woods" zurück zur Natur: ans Lagerfeuer irgendwo in den tiefsten polnischen Wäldern, um dort mit seiner Musik Naturkräfte zu beschwören.
"Da, wo ich in Polen aufgewachsen bin, war die Natur immer präsent. Unterbewusst wollte ich wieder zurück in diese Zeit. Bis dato habe ich nie diesen Folk-Einfluss in meinen Alben untergebracht. Und wenn ich von Folk rede, dann meine ich den Folk aus einer anderen Dimension. Der wilde Folk, der aus den dunklen Wäldern zu kommen scheint. Vielleicht die Folklore der Wikinger, die hat mich immer sehr berührt. Und ich hatte nie eine Chance, einem Album mal diesen Schwerpunkt zu geben."

Musikalische Selbstverwirklichung

Lunatic Soul ist nicht das Hauptprojekt von Mariuz Duda. Eigentlich sollte der schon mit seiner international erfolgreichen Prog Rock-Band Riverside ausgelastet sein: Im nächsten Jahr kann die Gruppe ihr 20-jähriges Bestehen feiern und hat sieben Studioalben veröffentlicht. Doch Mariusz Duda reicht das für seine musikalische Selbstverwirklichung nicht aus:
"Ich habe Lunatic Soul in erster Linie ins Leben gerufen, um meine musikalischen Grenzen und Freiheiten zu erweitern. Und dabei ging es mir nicht um den Aspekt "Soloalbum eines Künstlers". Bei Riverside bin ich der Hauptkomponist und kann mich hier auch voll verwirklichen. Wir werden immer unter der Kategorie "Progressive Rock" geführt. Und mit Lunatic Soul wollte ich das Spielfeld erweitern: elektronische Musik, Soundscapes, Folk und mehr Crossover. Und ich bin kein Musiker, der sich in einem Stil alleine zu Hause fühlt, deswegen fühlt sich Lunatic Soul für mich sehr gut an."
Musikalische Diversität war für Duda schon immer eine Art Markenzeichen. Er ist mit den sanften Klängen von musikalischen Einsiedlern wie Jean Michel Jarre und Mike Oldfield aufgewachsen, die er in früher Jugend für sich entdeckt hat. Aber auch Metal und Punkgeschrammel haben in seiner Sozialisation eine wichtige Rolle gespielt. Duda hat vor allem bemerkt, dass er sich nicht auf ein Gerne festlegen möchte.
"Ich hatte auch meine Punkphase. Ich wollte auch meinen Hass rausschreien. Es ist nicht so, dass ich nur das Piano liebe. Ich habe gleichzeitig elektronische Musik und Death Metal gehört. Meine Schulkameraden witzelten immer, das wäre wie Bier und Milch gleichzeitig zu trinken."
Drei Männer an Schlagzeug, Bass und Keyboards musizieren auf einer bunt beleuchteten Bühne.
Drei Mitglieder von Riverside: (v.l.n.r.:) Piotr Kozieradzki (drums), Mariusz Duda (Bass, Gesang) und Michał Łapaj (keyb.). (Marianca Beelen)
Hört man sich durch die unterschiedlichen Alben von Lunatic Soul, kann man eine direkte Verbindung zu Riverside spüren. Klar ist erstmal: bei beiden dominiert Mariuz Duda’s klarer, recht weicher Leadgesang. Doch die Grenzen einer Band, die ihre Songs später live performen will, fallen hier weg, denn Lunatic Soul ist als reines Studioprojekt angelegt. Der Ansatz bei Lunatic Soul sind weniger ausgefeilte Songs, wie man sie von Riverside kennt, sondern Soundlandschaften, die Hörerinnen und Hörer in eine Art Trancezustand versetzen sollen. Daher die langen und ausufernden Kompositionen. Mit oft wiederholten Soundteilen.

Graphic Novel als Vorbild

Duda hat früher Comics gezeichnet und das ist auch bei Lunatic Soul zu merken. Jedes seiner sieben Alben soll als Graphic Novel funktionieren, in denen er seine Protagonisten ins Reich der dunklen Träume schickt. Schon das selbst betitelte Debüt von 2008 mit Titeln wie "Where the Darkness is deepest" gab die weitere Richtung vor. Mit "Lunatic Soul 2" von 2010 vertiefte er seine dunklen, meditativen Klänge. Eher abstrakt wird er mit "Impressions", dass er ein Jahr später veröffentlicht: Akustische Soundfragmente werden in den Raum geworfen und bis auf zwei Songs ist das Album instrumental. Mit "Walking on a flashlight beam" von 2014 und "Fractured" von 2017 dann wesentlich ausgefeilte Produktionen, die elektronische Elemente mit dem speziellen Gesang von Duda verbinden. Dem Multiinstrumentalisten gelingt hier endlich der Schritt in eine cineastische, tief melancholische Musik, die zeitlos und verloren wie in einer Parallelwelt vor sich hintreibt.
"Ich habe mit Lunatic Soul immer versucht, unterschiedliche musikalische Welten zu erschaffen. Für Einige ist das Album "Fractured" das beste Lunatic Soul Album, weil ich hier sehr viele moderne elektronische Sounds verwendet habe. Dennoch habe ich mich bei Lunatic Soul dafür entschieden, weniger elektronische Klänge und dafür mehr organische Sounds zu benutzen. Heißt das, das ich jetzt etwas mache, was aus der Mode gekommen ist? Ich glaube nicht. Das ist alles sehr subjektiv. Ich versuche mich, mit jedem Album weiterzuentwickeln und dieses Mal, war es wieder ein weiterer Schritt. Aber es ist nicht an mir, das zu beurteilen."
Wie entsteht die Musik von Lunatic Soul? Wie arbeitet Mariusz Duda als Multiinstrumentalist im Studio? Die Herausforderung, wenn niemand außer Duda selbst den Entstehungsprozess eines Albums begleitet, kann auch ein Hindernis bedeuten. Denn er muss alle seine Spuren nach und nach alleine einspielen. Bei seinem Qualitätsanspruch könnte so ein Album Jahre dauern. Und doch, so ganz alleine arbeitet Duda dann nicht: Das weitere Team besteht aus den beiden polnischen Produzenten und Freunden Magda und Robert Sredzniccy, die seine Instrumente aufnehmen und darauf achten, dass sich Duda‘s musikalische Vorstellungen und das Endresultat auch wirklich ergänzen. Vor allem unterstützen sie Duda darin, den emotionalem Aspekt technisch und mit psychologischem Feingefühl herauszuarbeiten.
"Wir sind zu dritt im Studio. zwei Tontechniker, die gleichzeitig als Koproduzenten fungieren und ein Künstler. Die Alben "Under the fragmented sky" und "Walking on a flashlight beam" habe ich selbst produziert, außer, wenn ich Schlagzeug aufgenommen habe. Aber dieses Mal wollte ich keine gespielten Drums, sondern einzelne Perkussionselemente, die ich alle selbst gespielt habe. Ich finde es sehr wichtig, mit guten Leuten zusammenzuarbeiten, da man Entscheidungen zusammen treffen kann und das Endresultat dadurch deutlich besser wird."

Episoden einer kompletten Serie

Konzeptalben sind eine gängige Spielart des Progessive Rock. Duda mag die Vorstellung, dass jedes einzelne Lunatic Soul Album für einen speziellen Aspekt steht. Wie einzelne Episoden einer kompletten Serie sollen sie funktionieren. Hier ist Duda wieder ganz Regisseur und Drehbuchautor zugleich und erträumt die Spielhandlung von Album zu Album:
"Through shaded woods’ ist wie das Negativ zu Walking on a flashlight beam. Die beiden Themen stehen sich konträr gegenüber. Walking on a flashlight beam ist ein dunkles Album, das um die Themen Depression und Selbstmord kreist. Der Protagonist übertritt die Grenze zwischen Leben und Tod. Bei Through shaded woods ist der Hauptcharakter schon tot, findet aber eine Möglichkeit, wieder ins Leben zurückzukehren. Er wird praktisch wiedergeboren. Er kehrt zurück und von Song zu Song wird das Album heller und optimistischer. Das Gegenteil passiert bei Walking on a flashlight beam, da wird es von Song zu Song spürbar dunkler. Beide Alben sind irgendwo sehr verwandt, aber gleichzeitig komplett anders. Selbst mit dieser starken Folkprägung soll Through shaded woods in einer Linie mit den anderen Lunatic Soul Werken stehen. Ich wollte den Sound weiterentwickeln. Und ich habe bewusst keine Folkloreinstrumente wie die Geige oder die Hurdy Gurdy benutzt, sondern habe lieber Rockinstrumente benutzt: Diverse akustische und Bassgitarren, Perkussion, aber ohne die typischen Folk Klänge: Dieses Lunatic Soul Album gehört in eine Familie zu den Vorgängern"
Mariusz Duda wird, trotz seines internationalen Erfolges, in seinem Heimatland nicht als der Weltstar wahrgenommen, der er eigentlich ist. Das hat einen einfachen Grund.
"In Polen hast du zwei Möglichkeiten: Möchtest du in deinem Heimatland erfolgreich sein, dann musst du in der Landessprache singen und bist anonym überall anders. Wenn du in Englisch singst, dann wirst du in Polen nicht viele Fans haben. Das ist der Grund, weswegen vielleicht zehn Prozent unserer Fans in unserem Heimatland sind. Und der Hauptgrund ist der, dass die meisten Polen kein Englisch verstehen."
Mariusz Duda versteht seine Musik nicht als politisch. Gerade bei Lunatic Soul lebt er seinen Wunsch aus, sich in Parallelwelten zurückzuziehen – und seine Hörerinnen und Hörer folgen ihm gerne.

Universelle Message

"Mir geht es immer um eine universelle Message. Politik interessiert mich nicht. Aber, wir leben in einer Zeit, in dem die Leute von dir verlangen, Stellung zu beziehen. Man steht entweder hier oder da, aber nicht in der Mitte. Das gefällt mir überhaupt nicht. Allerdings sind die Meinungsfreiheit und die Humanität gerade sehr gefährdet. Ich denke jeden Tag mehr darüber nach, das in meinen Songs zu thematisieren. Vielleicht wird sich ein künftiges Riverside Album damit beschäftigen, denn es war noch nie so schlimm. Vielleicht ändert sich das in der Zukunft, aber momentan ist es einfach nur furchtbar."
Lunatic Soul war von Anfang an als Studioprojekt geplant. Doch wie sähe das auf der Bühne aus? Werden die sorgsam arrangierten Soundscapes von Lunatic Soul mit einer kompletten Band gespielt oder bindet Duda Computer ein, die all die elektronischen Sounds reproduzieren? Duda überlegt durchaus, live das Beste aus beiden Welten zu präsentieren.
"Ja, vielleicht. Ich könnte eventuell vier Shows spielen. Das sollte auf einer großen Bühne mit vielen Livemusikern passieren. Ich würde das dann filmen und vielleicht als DVD herausbringen. Aber ich überlege auch, als Mariusz Duda aufzutreten, was mir die Möglichkeit gibt neben Lunatic Soul dann auch Songs von Riverside zu spielen. Vielleicht wäre das die beste Variante, so auch mal Lunatic Soul Songs live zu spielen."
Mariusz Duda hat sich in seiner musikalischen Welt gefunden. Die Zukunft wünscht er sich nicht viel anders.
"Ich möchte mit dem, was ich tue, weitermachen. Ich würde das gerne mit der Kraft weitermachen, die mir innewohnt. Und unter meinem Namen würde ich gerne noch elektronische Alben veröffentlichen und eine 3. Spielwiese eröffnen. Außerdem würde ich gerne die Lunatic Soul Geschichte zu Ende erzählen. Es soll noch ein Album kommen, das auf dem gleichen Level der Vorgänger sein soll. Und mit Riverside würde ich gerne zurück zu einem gespieltem Bandsound. Das war’s eigentlich. Mir geht’s gut gerade. Ich lebe mit einer tollen Familie und mein persönliches Leben ist gerade stabil, es gibt nichts, über das ich mich beschweren würde. Ich möchte einfach so weitermachen und gesund bleiben."