Mittwoch, 07. Dezember 2022

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Mark Frosts "Geheime Geschichte von Twin Peaks"
Von Illuminaten, Aliens und Eulen

Eine Brücke zwischen den ersten beiden und der für 2017 geplanten dritten Staffel soll das neue Buch von Twin-Peaks-Coautor Mark Frost sein: Eine Brücke, die immerhin 26 Jahre verbinden soll. Ein Buch, das mehr ist als ein Roman zur Serie und das viele Fragen beantwortet - aber auch so manche neue Frage aufwirft.

Von Kai Löffler | 12.12.2016

    Wandbemalung in einem Café in Twin Peaks mit aufgemaltem Ortsschild
    Wandbemalung in einem Café in Twin Peaks (Deutschlandradio / Juliane Schiemenz)
    Wir sehen uns in 25 Jahren. Mit diesem koptischen, rückwärts aufgenommenen Versprechen endete David Lynchs Kultserie "Twin Peaks" nach nur zwei Staffeln.
    Inzwischen sind 25 Jahre vergangen - genau genommen sind es sogar 26 - und tatsächlich gibt es nächstes Jahr ein Wiedersehen: "Twin Peaks" kehrt mit einer dritten Staffel ins Fernsehen zurück.
    Bis es so weit ist, gibt Mark Frost, Co-Autor der Serie, den Fans schon mal eine Hausaufgabe auf: den Roman "Die geheime Geschichte von Twin Peaks".
    Dokumentensammlung und bizarre Fiktion
    Die Bezeichnung Roman ist etwas irreführend, denn Frosts Buch ist eher eine Dokumentensammlung. Und einige der Briefe, Gesprächsprotokolle und Zeitungsartikel sind nicht erfunden, sondern Repliken tatsächlicher historischer Dokumente.
    Dazwischen lässt Frost seine Fantasie spielen; er verknüpft Eckpunkte und Kuriositäten aus mehr als 200 Jahren amerikanischer Geschichte mit dem bizarren Universum, das er gemeinsam mit David Lynch geschaffen hat. Die Reisen der Entdecker Lewis und Clark, Illuminaten, vertuschte UFO-Landungen, die Ermordung von John F. Kennedy und der Watergate-Skandal: All diese Ereignisse haben natürlich etwas mit der Stadt Twin Peaks zu tun - und ihren omnipräsenten Vögeln.
    "Die Eulen sind nicht, was sie scheinen."
    Eine narrative Klammer bilden die Texte des geheimnisvollen Archivars. Der ist aber nicht der einzige Kommentator: Seine Anmerkungen und die von ihm gesammelten Dokumente werden wiederum von einem FBI-Agenten mit dem Kürzel "TP" in roter Schrift kommentiert.
    "Ein weiterer wertvoller Einblick in die Gedankenwelt des Archivars. Seine Identität festzustellen, bleibt die alleroberste Priorität - TP."
    Im letzten Drittel des Werks kommen schließlich auch die Figuren der Serie zu Wort, zum Beispiel Doctor Jacoby und Agent Cooper, dessen Schicksal am Ende der zweiten Staffel ungeklärt war. Das bleibt es auch weiterhin, denn die Geheime Geschichte taucht vor allem in die Vergangenheit der geheimnisschwangeren Stadt und ihrer Bewohner ein.
    "Ihre Mutter kehrte ins Diner zurück und Norma liebte es, Seite an Seite mit ihr zu arbeiten. Aber Ilsa kam nie über Martys Tod hinweg. Mit ihrer Gesundheit ging es bergab und 1984 starb sie plötzlich nachts im Schlaf."
    Intellektuelle Schnitzeljagd für Fans
    Wer aufmerksam liest, merkt, dass Mark Frosts Buch sich nicht immer mit der Serie deckt - Normas Mutter beispielsweise heißt dort nicht Ilsa, sondern Vivian, und erfreut sich bester Gesundheit. Frost selbst hat in einem Interview angedeutet, dass die Diskrepanzen und Fehler Methode haben und verspricht: Alles wird sich aufklären.
    Im Gesamtkontext von "Twin Peaks" ist die "Geheime Geschichte" möglicherweise nur eine elaborate Fußnote; allerdings eine, in der ähnlich viel Sorgfalt steckt wie in der Serie, die großen Spaß macht und vor allem Spürhunde belohnt. In den "Twin-Peaks"-Foren des Internets wird bereits intensiv über versteckte Botschaften diskutiert: Besagte Diskrepanzen, Bilder, die sich mit bunten Brillengläsern verändern, und selbst scheinbar unschuldige Details wie unterschiedliche Schreibmaschinen.
    Vorkenntnisse von Vorteil
    Ohne ein paar grundlegende Kenntnisse der amerikanischen Geschichte dürfte Mark Frosts Buch allerdings anstrengend zu lesen sein, und ohne Kenntnis der Ereignisse und Figuren von "Twin Peaks" ist die Lektüre Zeitverschwendung.
    "Die Geheime Geschichte von Twin Peaks" ist eine intellektuelle Schnitzeljagd, die den Leser dazu ermutigt, jeden Satz zweimal zu lesen. Aber ist Mark Frosts Buch nur eine intermediale Zerstreuung, oder enthält es vielleicht Informationen, die zukünftige Ereignisse in einem anderen Licht erscheinen lassen? Ist die Lektüre für Fans der Serie also essenziell oder nur interessant?
    Zu diesem Zeitpunkt kann man nur spekulieren, daher bleibt nicht anderes übrig als 'abwarten und Tee trinken'. Oder besser noch, eine Tasse Kaffee - natürlich mit einem Stück Kirschkuchen aus dem berühmten Double R Diner.
    "Das ist, entschuldigen Sie bitte, ein verdammt hervorragender Kaffee!"
    "Die Geheime Geschichte von Twin Peaks" von Mark Frost ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen und kostet 39,90 Euro. Auf Englisch ist außerdem eine Audiobook-Version erhältlich, gelesen von einigen Originalschauspielern der Serie.