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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Max Wingen: Die Geburtenkrise ist überwindbar04.04.2005

Max Wingen: Die Geburtenkrise ist überwindbar

Über die Defizite der Realisierbarkeit von Kinderwünschen

Der Bonner Sozialwissenschaftler Professor Max Wingen plädiert in seinem letzten Werk für einen Mix aus Geburtenförderpolitik, gelenkter Zuwanderung wie auch vielfältigen Anpassungsmaßnahmen an den Alterungseffekt der demographischen Entwicklung. Elternschaft soll wieder höher bewertet werden.

Von Lothar Susok

Kein Kinderspiel: Familienplanung wird immer schwerer (Stock.XCHNG / Marek Wojtal)
Kein Kinderspiel: Familienplanung wird immer schwerer (Stock.XCHNG / Marek Wojtal)

Das letzte Werk des Sozialwissenschaftlers Professor Max Wingen setzt sich kritisch mit den sehr wirksamen Anreizen zum Verzicht auf Kinder auseinander. Schon 1978 machte Wingen ein ‚strukturelles Ordnungsdefizit’ aus, eine Formel, die von Franz-Xaver Kaufmann mit dem Begriff der "strukturellen Rücksichtslosigkeit" aufgegriffen und öffentlichkeitswirksam zugespitzt wurde. Die Entscheidung von Paaren für oder gegen Kinder ist offensichtlich keineswegs ‚autonom’. Sie hängt vielmehr - neben personalen (Wert-)Vorstellungen des Paares – maßgeblich davon ab, inwieweit die konkreten Bedingungen der Wirtschafts- und Sozialordnung dies begünstigen oder erschweren. Zwar ist eine "Geburtenverhinderungspolitik" von niemandem ernsthaft gewollt, aber nicht wenige wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lebensbedingungen junger Paare wirken in eben diesem Sinn. Wingen kommt zum Ergebnis, dass das Menschenrecht, dass Paare frei über die Zahl ihrer Kinder entscheiden können, allenfalls formal verwirklicht ist. Er sieht, wie er schreibt:

"…vielfältige ‚Barrieren’ und Behinderungen materieller und immaterieller Art, die einer Realisierung von Kinderwünschen - in sozialschichtenspezifisch durchaus unterschiedlicher Weise - entgegenstehen. Diese Faktoren konstituieren zusammen einen Rahmen, der allzu oft als wenig kinder- und familienbezogen erfahren wird. Kann von wirklich freier Entscheidung dann gesprochen werden, wenn Eltern mit der Entscheidung zu (mehreren) Kindern sich und die weiteren Kinder in - wenn auch kulturspezifisch relative - Armut hinein manövrieren? Können diese Entscheidungen als wirklich frei gelten, wenn sie unter den gegebenen Bedingungen gleichbedeutend sind mit einem Selbstausschluss aus auch anderen Formen sinnvoller und attraktiver Lebensgestaltung?"

‚Kinderkriegen’, so betont Wingen, ist zwar eine höchst personale Entscheidung, erweist sich aber in den Konsequenzen als auch gesellschaftlich höchst relevant. Die wissenschaftliche Diskussion hat verdeutlicht, dass es kaum einen Bereich gibt, der vom Verzicht auf Kinder nicht mehr oder minder deutlich getroffen wäre. Wingen nennt exemplarisch die Folgen für Arbeitsmarkt und Wirtschaftswachstum, für die sozialen Sicherungssysteme einschließlich des Gesundheitswesens, für das Schul- und Bildungswesen oder die Verkehrsplanung. Allerdings lässt sich das Ruder nicht einfach so herumreißen. Wingen wörtlich:

"Der Schrumpfungsprozess in der deutschen Bevölkerung als solcher ist auf absehbare Zeit unvermeidbar. Es kann ‚nur’ darum gehen, diesen Prozess in einer gelenkten Schrumpfung deutlich abzuschwächen und in der so genannten natürlichen Bevölkerungsbewegung ein unkontrolliertes Abwärtstrudeln zu vermeiden. Es ist freilich gar nicht so einfach für entwickelte Industriegesellschaften, in sozialverträglicher Weise zu schrumpfen."

Die krisenhafte Bevölkerungsentwicklung der nächsten Jahrzehnte sieht Wingen - ebenso wie andere Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler - als unabwendbar an. Schließlich sind die Erwachsenen dieser Zeit heute schon geboren, aber für eine geordnete Anpassung der Wirtschafts- und Sozialordnung sind es eben zu wenig Menschen. Wenn wenigstens in der Mitte des Jahrhunderts die Entwicklung einigermaßen stabilisiert werden soll, müssen jetzt die notwendigen Schritte zur Hebung der Geburtenrate geleistet werden. Damit will er aber keineswegs zu einer staatlichen Bevölkerungspolitik zurück. Eine rein bevölkerungspolitisch angelegte ‚Geburtenanreizpolitik’, die die freien personalen Entscheidungen zu überspielen sucht, lehnt der Autor nachdrücklich ab. Lösungen müssen sich an der Menschenwürde ebenso orientieren wie am Gemeinwohl.

Was aber kann geleistet werden? Isolierte Einzelmaßnahmen sind nach Auffassung Wingens weder problemangemessen noch wirksam. Vielmehr fordert Wingen integrativ geplante Maßnahmenbündel. Dazu gehören Bewusstseins- und Verhaltensänderungen im Rahmen einer breitwirksamen Überzeugungsarbeit ebenso wie die Neu- und Höherbewertung der Elternschaft. Insgesamt plädiert der Autor für einen ‚policy-mix’ aus Geburtenförderpolitik, gelenkter Zuwanderung wie auch vielfältigen Anpassungsmaßnahmen an die Auswirkungen der programmierten alternden und rückläufigen Bevölkerung. Zwar stellt Wingen ein deutlich gestiegenes Problembewusstsein in der Politik für diese Aspekte fest, konstatiert aber auch im Hinblick auf die aktuelle Reformpolitik:

"Die zu niedrige Geburtenrate erweist sich nicht zuletzt als ein Schlüsselproblem der in jüngster Zeit intensiv diskutierten Sozialstaatsreform. Trotz der weit reichenden Bedeutung einer Überwindung weiterer demographischer Ungleichgewichte und Verwerfungen durch eine nachhaltige Geburtenförderung blieb die Frage eines durchgreifenden Familienlasten- und Familienleistungsausgleichs in den gegenwärtig konkurrierenden Berichten zur Sozialstaatsreform - von der Hartz-Kommission über die Rürup-Kommission bis zur Herzog-Kommission - weithin unbefriedigend behandelt. Für alle Kommissionen gilt, dass sich die Reformvorschläge durchweg auf die Felder Arbeitsmarkt, Gesundheitswesen, Alters- und Pflegeversicherung beziehen, nicht aber auf eine durchgreifende Reform der sozialökonomischen Position der Familien in der volkswirtschaftlichen Verteilungsordnung."

Der Autor verdeutlicht, dass sich die Zukunftsdramatik der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland ohne gesellschaftspolitische Gegensteuerung weiter vertiefen wird:

"Unsere Gesellschaft hat längerfristig im Grunde nur die Wahl zwischen einer schleichenden, unkontrollierten und selbstzerstörerischen Auflösung oder einer bewusst gesteuerten, gerade auch familienorientierten Transformation wesentlicher Fundamente ihrer Wirtschaft und Sozialstruktur."

Und in Abwandlung eines allgemein bekannten Gorbatschow-Zitates mahnt Wingen:

"Nur eine Familienpolitik mit einem zutiefst gesellschaftsreformerischen Ansatz ist eine zukunftsfähige Familienpolitik, die einem neuen Stellenwert für Familie in Wirtschaft und Gesellschaft wirklich Rechnung trägt. Wer zu spät reformiert, so könnte man in Anlehnung an eine Gorbatschow zugeschriebene Bemerkung sagen, den bestraft der demographische Prozess."

Das Werk ist ein ‚typischer Wingen’: Er dramatisiert nicht, entwickelt keine Untergangszenarien, formuliert keinen Kulturpessimismus. Vielmehr entwickelt er auf der Grundlage sorgfältiger Analysen in mühevoller Kleinarbeit ein Konzept, das persönliche Freiheit und Gemeinwohl in größtmöglichem Maß aufeinander abstimmt wie auch politischer Rationalität Rechnung trägt. Optimismus in die Bereitschaft zur Einsicht von Politikern und Bürgern, die Geburtenkrise zu überwinden und ihre Folgen rechtzeitig abzumildern, prägt das Werk. In einer wissenschaftlich nüchternen Sprache werden gesellschafts- und familienpolitisch bedenkliche Sachverhalte fachlich fundiert und zuverlässig aufgearbeitet. Wingens Vorschläge führen nicht in den wissenschaftlichen Elfenbeinturm, sondern sind lösungsorientiert im Sinn von persönlichen Entscheidungen wie auch politischen Optionen. Von seiner Schrift werden alle diejenigen profitieren, die qualifizierte und aktuelle Informationen zum zentralen Zukunftsthema unseres Gemeinwesens suchen.

Das Spätwerk des jüngst verstorbenen Familienforschers Max Wingen, "Die Geburtenkrise ist überwindbar", ist - wie andere Bücher von Wingen - im Vektor-Verlag in Grafschaft erschienen, hat 144 Seiten und kostet zwölf Euro.

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