Donnerstag, 07. Dezember 2023

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Mangelnde Kontrollen im Radsport
Fraunhofer-Experte: Mechanisches Doping im Radsport nach wie vor möglich

Seit Jahren steht der Verdacht im Raum, im Profi-Radsport und bei der Tour de France könnte mit versteckten Elektro-Motoren betrogen werden. Einen Beweis gibt es bisher nicht. Doch nach Informationen der ARD-Radio-Recherche Sport ist auch dieses Jahr mechanisches Doping im Radsport problemlos möglich.

Von Sebastian Krause | 13.07.2022
Fahrer auf einer kurvenreichen Bergstrecke während der 10. Etappe der Tour de France
Im Peleton fährt das Misstrauen mit - die Kontrollen auf mechanisches Doping während der Tour de France halten einige für mangelhaft (picture alliance / ZUMAPRESS.com)
Ein Fahrer stürzt auf der Strecke, liegt auf der Straße, sein Rennrad neben ihm – und das Hinterrad dreht sich einfach weiter. Als ob es von einem Motor angetrieben wird. Solche Verdachtsfälle gibt es seit Jahren im Profi-Radsport.
Tatsächlich entdeckt wurde ein Motor aber erst einmal: 2016, bei der belgischen Radcross-Fahrerin Femke van den Driessche. Jetzt wird erstmals klar, woher der Motor im Rad der Belgierin stammte. Aus Österreich, von der Firma vivax drive. Die Geschäftsführerin Monika Schweitzer verrät: "In dem Fall wird es wohl wirklich unser Motor gewesen sein.“
Die Firma hat damals den ersten, extrem leichten und im Rahmen versteckten Motor hergestellt - rein für Hobbyradfahrer, so Monika Schweitzer. Sie geht aber davon aus, dass der Antrieb dann über Zwischenhändler auch in den Profi-Radsport gelangt ist. „Wir sind dem eigentlich lieber ausgestellt. Weil das nie unsere Intention war, da jemanden zu helfen, zu gewinnen, obwohl er es nicht verdient hätte. Aber ja, natürlich, wie auch alles andere Doping. Es ist ausprobiert worden.“

Motoren können vielerorts im Rad versteckt sein

Der vivax Motor ist im Sattelrohr versteckt und treibt unten am Rad die Pedale an. Es gibt aber auch Motoren, die im Hinterrad, in der Radnabe verbaut sind, oder sogar noch raffinierter: in der Felge des Hinterrads. Und um solche Motoren zu erkennen, sehen die Kontrollen im Radsport derzeit so aus: Jeweils am Start und im Ziel werden die Räder nach einem versteckten Motor abgesucht, mithilfe von magnetischen Tablets und einem Röntgen-Gerät.
Die belgische  Radcross-Fahrerin Femke Van Den Driessche schlammübersäht bei einem Rennen in Belgien
2016 wurde bei der belgischen Radcross-Fahrerin Femke van den Driessche ein Motor im Fahrrad entdeckt (picture alliance / dpa)
Das reicht aber nicht aus, sagt Experte Bernd Valeske vom Fraunhofer-Institut in Saarbrücken. „Weil auf der Strecke ja vieles getauscht werden kann. Und das wird nicht verfolgt, was getauscht wird. Es gibt Motoren, die sind in der Felge eingebaut, und beim nächsten Stopp wird das Laufrad getauscht, und dann kommt ein sauberes Laufrad rein, und dann ist nicht mehr viel zu sehen davon. Und die Batterie steckt zum Beispiel in einer Getränkeflasche, dann wird diese Batterie durch eine richtige Flasche getauscht, dann kommt man auch sauber im Ziel an.“

KI kann Bewegungsabläufe der Fahrer analysieren

Valeske beschäftigt sich generell mit Prüfverfahren, und hatte aus Eigeninteresse für den Radsport-Weltverband UCI ein ganzheitliches Kontrollkonzept ausgearbeitet. Unter anderem eben mit speziellen Überwachungsmaßnahmen während des Rennens. Und dem Einsatz einer speziellen Software, einer künstlichen Intelligenz, die die Bewegungsabläufe der Fahrer auf dem Rad analysiert.
„Auch dazu haben wir Tests jetzt vor zwei Jahren gemacht, indem wir Halb-Profis mal gebeten haben, auf Rädern zu fahren, mit und ohne Elektro-Unterstützung, und haben eine KI darauf trainiert, und so was kann man erkennen.“ Doch der Weltverband habe den Vorschlag nicht aufgegriffen, so Valeske.
„Ich hab mich gewundert, weil es eigentlich im Sinne des Weltradsport-Verbandes selber sein müsste, nachzuweisen, das läuft sauber ab. Aber so wie es jetzt ist, kann man das nicht behaupten, es ist sauber. Weil es eben nicht abgesichert ist, nicht statistisch abgesichert ist, und es ist nichts Ganzheitliches, und schon gar nicht unabhängig betrieben.“

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Radsport-Weltverband: "Motordoping scheint kein Problem mehr zu sein"

Auf Anfrage lässt der Radsport-Weltverband zunächst sämtliche Fragen zum mechanischen Doping und den Kontrollen unbeantwortet. Erst während der Tour de France, am Start einer Etappe, stellt sich der Präsident des Weltverbandes, David Lappartient, und spielt das Thema herunter:
„Motordoping, genauer gesagt den technologischen Betrug, wage ich zu behaupten, dass es den nicht gibt. Weil seit meiner Wahl 2017 haben wir sehr in eine Röntgen-Maschine investiert, eine neue Maschine, die noch besser ist, außerdem haben wir tragbare Kontrollgeräte, die man mitnehmen und für alle Räder anwenden kann. Motor-Doping scheint kein Problem mehr heute zu sein.“
Warum die UCI die aus Saarbrücken vorgeschlagenen Überwachungsmaßnahmen während des Rennens nicht aufgegriffen hat? Auf diese Frage antwortet der Präsident ausweichend. „Mit Professor Valeske, der ein sehr angesehener Professor ist, standen wir in regem Kontakt bei der Entwicklung aller unserer Elemente. Es wird genau beobachtet, ob die Räder während des Rennens ausgetauscht werden. Untersucht werden dann nicht nur die, die die Ziellinie überqueren, sondern auch die, die eventuell ausgetauscht wurden. Und natürlich werden alle Räder eines Fahrers mit guter Platzierung kontrolliert.“

Zweifel an den Kontrollen bei der Tour

Werden die Kontrollen jetzt bei der Tour de France tatsächlich so durchgeführt? Es gibt große Zweifel. Allein schon statistisch: bei den ersten neun Etappen wurden 71 Räder im Ziel mit der Röntgen-Maschine untersucht - bei insgesamt 176 Fahrern am Tour-Start in Dänemark. Nicht einmal alle Räder der besten zehn jeder Etappe wurden somit kontrolliert.
Ein UCI-Kommissar testet Räder bei der Tour de Suisse 2017 auf versteckte Motoren.
Ein UCI-Kommissar testet Räder auf versteckte Motoren. (imago sportfotodienst)
Matthias Schnappka, der Manager eines drittklassigen Profi-Teams, hält Motor-Doping bei der Tour de France trotzdem im Prinzip für ausgeschlossen. „Einfach, weil der öffentliche Fokus, auf alles, was hier benutzt ist, so enorm hoch ist. Jedes Schräubchen. Und diese Produkte, die sind so bekannt. Einer mit Blick, der ständig Material in der Hand hat, ein Verkäufer in einem guten Radgeschäft, der würde schon Dinge daran sehen. Wenn da irgendwie Kleinigkeiten außen an der Haptik verändert sind. Wenn die Felge schon mal aufgesägt wurde und neu laminiert wurde, um was einzubauen. Also ich würde sagen, bei kleineren Rennen, bei anderen Rennen, zu 100 Prozent gibt es das, aber bei der Tour de France, sehr sehr schwer.“
Dabei wirft gerade die Art und Weise, wie die Kontrollen bei der Tour de France im Ziel durchgeführt werden, Fragen auf. Sie sind streng geheim. Wer als Journalist stehen bleibt, um es sich anzuschauen, wird aggressiv angegangen. Ein Sicherheitsmann ruft „keine Fotos, keine Interviews“, wird handgreiflich und fotografiert die Akkreditierung. Offensichtlich sind die Verantwortlichen der Tour de France und des Radsport-Weltverbandes extrem nervös, und haben Angst, dass tatsächlich ein versteckter Motor oder Antrieb gefunden wird.

Journalist: UCI und Veranstalter wollen gar nichts finden

Diesen Eindruck hat auch der französische Journalist Pierre Carrey, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. „Stellen Sie sich vor, einer der jüngsten Sieger würde wegen mechanischem Dopings überführt werden müssen. Das wäre der größte Doping-Skandal der Sport-Geschichte. Das wäre fürchterlich. Das wäre das Ende des Radsports. Und deswegen wollen der Radsport-Weltverband und die Tour-de-France-Veranstalter vielleicht auch gar nichts finden.“
Pierre Carrey sorgte vergangenes Jahr bei der Tour de France mit einem Artikel für Aufregung. Er berichtete in der Schweizer Zeitung "Le Temps", dass drei Fahrer verdächtige Geräusche von Hinterrädern mehrerer Teams gehört hätten. „Ich bekam von einem Fahrer, den ich sehr gut kenne, während der Tour de France die Nachricht, dass irgendetwas im Peloton nicht stimme. Von mehreren Hinterrädern käme ein merkwürdiges Geräusch. Nicht 'sssssssss, wie es sich normal anhört, sondern 'krrkkrrkkrrk'. Zwei andere Fahrer bestätigten das Geräusch, und sie versuchten dann zu dritt, wie Detektive quasi herauszufinden, was es ist.“
Nach der Veröffentlichung des Artikels, erzählt Pierre Carrey, seien zwei weitere Fahrer auf ihn zugekommen, und: Auch sie hätten das Geräusch gehört. Mehrere Radprofis hätten den Vorfall dann beim Radsport-Weltverband gemeldet, mit der Bitte um Aufklärung, aber ohne Erfolg. David Lappartient bestätigt, dass Fahrer wegen der Geräusche persönlich auf ihn zugekommen seien. „Wir hören die Fahrer an, wenn es Gerüchte gibt. Aber wenn Sie heute im Peloton fahren, dann ist es sehr laut. Die Scheibenbremsen machen viel Lärm.“

Misstrauen im Peloton

Der deutsche Fahrer Maximilian Walscheid hat die Geräusche nicht gehört, findet die Kontrollen aber trotzdem wichtig. Für wie wahrscheinlich hält er mechanisches Doping im Radsport? „Also, ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich es mir schwer vorstellen kann, weil ich es auch technisch für schwierig umsetzbar halte, aber ich lege natürlich für keinen die Hand ins Feuer, deswegen bin ich auch froh, dass da drangeblieben wird. Und dass auch gegen jede Form des Dopings gekämpft wird.“
Das Misstrauen im Peloton wachse immer weiter an, sagt Journalist Pierre Carrey, der weiter mit Radprofis im Kontakt stehe. Fahrer würden sich untereinander verdächtigen: „Ja, es gibt gerade so viele Verdächtigungen. Gerade erst beim Giro d´Italia haben mir wieder Fahrer gesagt, dass sie solche Zweifel haben. Aber sie haben Angst, öffentlich zu sprechen, weil sie sonst echt Schwierigkeiten bekommen, da ist so viel Geld im Spiel. Im Fahrerfeld herrscht so eine Paranoia, nichts ist aufgeklärt.“
Einer der Fahrer mit dem merkwürdigen Geräusch vom Hinterrad soll übrigens Tour de France-Dominator Tadej Pogacar gewesen sein. Der Slowene wies den Verdacht des Motor-Dopings direkt von sich. In diesem Jahr ist er wieder der Top-Favorit auf den Gesamtsieg.