Die Nachrichten

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MedienPressestimmen zum Aus der Verkehrsmeldungen im Deutschlandfunk - "Es ist vorbei. Wieder stirbt eine Institution."

Autos und Lastwagen stehen am 20.06.2015 in Hamburg auf der Autobahn 7 bei Stellingen im Stau und sind dabei durch einen Rückspiegel zu sehen.  (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
"Die Staumeldungen sind ja nicht nur ein Überblick über das Verkehrsgeschehen, sie sind - besonders morgens auch Zeit zur Kontemplation." (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Die Verkehrsnachrichten im Deutschlandfunk sind für viele ein Kulturgut. Das wird zum Ende unserer Staumeldungen heute Abend deutlich. Gegen 23.08 Uhr laufen sie zum letzten Mal. Ein Blick in die Zeitungen.

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE wird die Verkehrsmeldungen offenbar vermissen:

"'Zwischen Kreuz Meckenheim und Rheinbach Gefahr wegen einer Badewanne': Es wird nicht selten skurril, wenn die Verkehrsnachrichten im Radio von deutschen Autobahnen Hindernisse und Staus melden. Sie regen sogar die Phantasie an: Hat jemand bei 120 Kilometern pro Stunde ein Schaumbad auf dem Dach seines Twingo genommen? Auch Schlauchboot, Dixiklo, Bierkasten und Pfau landen hin und wieder auf der Schnellstraße. Verkehrsnachrichten sind nüchtern - und gerade deshalb traditionell unfreiwillig komisch. Sie sind 'Infotainment', schon länger, als es so heißt. So unglücklich wie vielleicht Deutschlandfunk-Chefsprecher Gerd Daaßen ist, dass der Verkehrsfunk bei seinem Sender abgeschafft wird, waren es die Redakteure der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, als der Bundesverkehrsminister ihnen 1963 den Verkehrsfunk aufzwang. Jetzt setzt die Nostalgie ein. Für etwas, das weit mehr geworden ist als Stauinfo - nämlich ein kulturelles Artefakt."

Fast noch unglücklicher klingt der Kommentator der BERLINER ZEITUNG:

"Es ist vorbei. Wieder einmal stirbt eine Institution. Der Deutschlandfunk will die Verkehrsmeldungen streichen. Diese Meldungen sind aber ein Kulturgut, für mich persönlich sogar wahrer Kult. Dass dieser Radiosender die besten, weil ausführlichsten Nachrichten macht, ist bekannt. Dort wird eine Neuigkeit nicht auf seinen nicht entschlüsselbaren Kern zusammengekürzt, sondern dort wird mit ein oder zwei einordnenden Sätzen der Hintergrund der Meldung erklärt. Doch auch gute Nachrichten sind meist schlechte Nachrichten, denn die Nachrichtenwelt lebt nun mal von Katastrophen, Kriegen und politischem Drama. Deshalb ist es immer beruhigend, wenn nach der Schwere der Welt etwas fast Belangloses zu hören ist - der Verkehrsfunk."

Klare Zustimmung zum Wegfall der Verkehrsberichte gibt es von der TAZ:

"Viel Staub wirbelt derzeit die Nachricht auf, dass der Deutschlandfunk ab dem 1. Februar 2020 keine Staumeldungen mehr präsentieren wird. Das Kamener Kreuz will den Deutschlandfunk sogar wegen Rufschädigung verklagen, heißt es. Gilt das Kamener Kreuz doch wegen seiner Staus als der populärste Kreuzungsort nach dem biblischen Golgatha. Manche Fans des stockenden oder zähfließenden Verkehrs drehen angesichts der Entscheidung des Radiosenders regelrecht durch und verlangen die gute alte Zeit zurück, als noch minutenlang die Staukilometer addiert wurden. Doch damit ist jetzt Schluss - und zu Recht! Sind Staumeldungen doch tatsächlich sehr, sehr langweilig."

"Man kann die Entscheidung nur bedauern",

schreibt dagegen DER TAGESSPIEGEL aus Berlin.

"Die Staumeldungen sind ja nicht nur ein Überblick über das Verkehrsgeschehen, sie sind - besonders morgens auch Zeit zur Kontemplation. Das Radio läuft, die Moderatoren sprechen betonungslos, Information fließt, ist aber für die Mehrheit derer, die nicht in den betroffenen Regionen unterwegs sind, ohne praktischen Nutzen, Sie können die Kaffeemaschine anstellen, ohne dass deren Arbeitsgeräusche wichtige Informationen überblubbern, oder Zähne putzen gehen. Außerdem, auch das übergeht der Schluss-Beschluss, vermittelten die Verkehrsmeldungen eine Idee von Deutschlands geografischen Zusammenhängen. Wenn die Staus auf der A1 sich von Nord nach Süd durch Land streuen, lernt man auch etwas. Die verbleibende Unsicherheit ist nun, was der Deutschlandfunk mit den Temperaturmeldungen aus aller Herren Länder macht, die zwar nicht alle halbe Stunde, sondern viel seltener verlesen werden, deren Sinnhaftigkeit aber noch viel fragwürdiger ist als die von Staumeldungen. Oder hat sich jemals jemand gefragt, wie warm oder kalt es wohl heute um sieben Uhr in Larnaca gewesen sein mag?"

Wehmut ist auch bei der WELT zu spüren:

"All diese mit großem Ernst vorgetragenen, oft knorzigen Namen hatten etwas Magisches, diese Dörfer und Städte verwandelte ihre tägliche Ausrufung im Radio in eine romantische Idee. In wenigen Sekunden bildeten sich so Identitätshilfen. Seht her, so ist Deutschland. Das Kamener und das Schkeuditzer Kreuz sind sowieso die Superkonstanten einer deutschen Identität: Hier stehen wir. Wir können nicht anders. Der DLF ist die feste Burg des bürgerlichen Bewusstseins, das Bayreuth der vornehmen Distanz. Die Verkehrsmeldungen waren stets nüchtern im Ton, formell in der Ansprache. Staumeldungen sind Sachinformationen. Nachrichten eben. Vorbei."

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