Samstag, 24. Februar 2024

Mehrwertsteuer
Essen gehen wird teurer

Zum Lieblingsitaliener gehen oder vor dem Kino ins Steakhaus: Viele verkneifen sich das wohl ab Januar. Denn die Mehrwertsteuer beträgt für Restaurants 2024 wieder 19 Prozent. Damit kostet auswärts essen mehr. Das bedroht auch die Existenz der Lokale.

Von Sandra Pfister | 04.01.2024
    Mehrere Tische sind im Restaurant eingedeckt.
    Leere Tische: Immer weniger Menschen können sich Besuche in teuren Restaurants leisten. Viele werden mit der Rückkehr zur höheren Mehrwertsteuer von 19 Prozent vielleicht ganz darauf verzichten. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
    Dreieinhalb Jahre lang mussten Restaurants und Cafés nur sieben Prozent Mehrwertsteuer auf alles, was für Speisen* berechnet wird, an den Staat abführen. Jetzt steigt die Mehrwertsteuer wieder auf 19 Prozent. Zwölf Prozentpunkte** mehr – das trifft die Gastronomen, aber wahrscheinlich auch viele Gäste.

    Überblick

    Warum jetzt diese Rückkehr zum alten Steuersatz?

    Die Politik verspricht sich durch die Rückkehr zum alten Mehrwertsteuersatz Einnahmen in Milliardenhöhe. Bund und Länder haben durch die vorübergehende Senkung auf sieben Prozent 3,6 Milliarden Euro pro Jahr weniger eingenommen, schätzen sie.
    Die Ampelparteien hätten die Gastronomiebetriebe gerne noch ein wenig länger entlastet. Sie hatten sich bereits darauf verständigt, die Mehrwertsteuer auf Speisen* in Restaurants noch ein weiteres Jahr bei sieben Prozent zu belassen. Dann aber kam das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, und plötzlich wurde überall im Haushalt nach Einsparmöglichkeiten gesucht.
    Die niedrigere Mehrwertsteuer auf Speisen* war die Antwort auf eine Ausnahmesituation, die so nicht mehr existiert: Sie wurde wegen Corona am 1. Juli 2020 abgesenkt und anschließend wegen der hohen Inflation niedrig gehalten.

    Was sagen Ökonomen dazu?

    Die Wirtschaftsexperten finden es größtenteils gut, dass die Mehrwertsteuer wieder steigt.
    Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sagt, die Coronakrise sei vorbei, es gebe deshalb keinen Grund mehr für diese sehr teure Subventionierung der Branche. Das Geld fehle dann woanders, beispielsweise für die Kindergrundsicherung oder die Bekämpfung der Armut.
    Friedrich Heinemann, Ökonom am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, findet es ebenfalls gut, dass die Vergünstigung wieder abgeschafft wird. Sie sei sozialpolitisch ein Problem gewesen, weil Besserverdienende häufiger essen gingen und deshalb stärker davon profitierten.
    Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle, ist der Meinung, es sei nicht Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass mehr Menschen ins Restaurant gehen. Nach dem Ende der Pandemie gebe es keinen Grund mehr, die Branche zu bevorzugen. Die Gastronomie sei längst auf eine höhere Mehrwertsteuer vorbereitet. Denn zuletzt hätten Gastronomen die Preise viel stärker erhöht als viele andere Bereiche der Wirtschaft.

    Essen gehen ist ohnehin schon teurer geworden - jetzt erneut?

    Ja, zumindest im Durchschnitt. Das Statistische Bundesamt rechnet vor, dass Essen in der Gastronomie heute ein Fünftel mehr kostet als noch im Januar 2021. Ökonomen des ZEW vermuten, dass Restaurantbesitzer die Rückkehr zum höheren Mehrwertsteuersatz teilweise schon miteingepreist, also vorweggenommen haben.
    Etwa 90 Prozent der gastronomischen Betriebe sagen, dass sie die Preise erhöhen werden, weil sie sonst allein auf den Mehrkosten sitzenbleiben. Das hat der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in einer Umfrage ermittelt.

    Kein finanzieller Puffer

    Es gebe für die meisten Restaurants keinen Spielraum mehr, so die Dehoga. Deshalb müssten sie die höhere Mehrwertsteuer an ihre Kunden weitergeben. Das würde bedeuten, dass ein Schnitzel mit Pommes, das jetzt 14,99 Euro kostet, 16,67 Euro kosten wird, wenn Wirt oder Wirtin die volle Mehrwertsteuererhöhung auf die Kundinnen und Kunden umlegt. 
    Viele Ökonomen hingegen erwarten, dass Wirte nicht die zwölf Prozentpunkte** mehr in Rechnung stellen werden, weil sie teilweise schon 2023 die Preise erhöht haben.

    Werden die Restaurantbesuche nun weniger?

    Ja. Zumindest, wenn die Menschen wahr machen, was sie dem Meinungsforschungsinstitut Yougov erzählt haben. 44 Prozent der Befragten sagten, sie würden, wenn die Mehrwertsteuer wieder voll draufgeschlagen werde, entweder seltener essen gehen oder gar nicht mehr.
    Das war übrigens bereits in den vergangenen beiden Jahren so, als die Mehrwertsteuer noch niedrig war. Viele Menschen gehen seltener oder gar nicht mehr ins Restaurant, weil sie wegen der Inflation Geld sparen wollen. Dass gerade die geringer Betuchten kaum noch Gaststätten besuchen, könnte vor allem die Lokale besonders hart treffen, die ohnehin günstigere Gerichte anbieten. Darunter sind viele Restaurants in nicht so wohlhabenden Stadtteilen oder auf dem Dorf.
    Ein weiterer Grund für weniger Restaurant- und Cafébesuche könnte das Homeoffice sein: Viele Menschen verbringen deshalb seltener ihre Mittagspause in einem Restaurant oder Café.

    Werden auch Essensbestellungen nach Hause teurer?

    Nein, zumindest nicht wegen einer höheren Mehrwertsteuer. Denn Lieferdienste, Fast-Food-Lokale oder sogenannte heiße Theken in Supermärkten bezahlen auf ihre Speisen grundsätzlich nur den niedrigeren Mehrwertsteuersatz. Einzige Regel: Sie dürfen keine Sitzgelegenheit anbieten. Anbieter von To-Go-Mahlzeiten und Lieferdiensten haben hier also einen klaren Vorteil gegenüber der Gastronomie.
    Denn die muss größere Flächen anmieten und mehr Service anbieten. Hotel- und Gastronomieverbände sagen: Damit subventioniert die Politik die Lieferdienste – zum Schaden von Gastronomen, die viel Geld für Miete und Personal ausgeben müssen.

    Geraten Restaurants und Gastwirte in Not?

    Ja, manche werden das nicht wegstecken können. Wie viele, ist noch unklar. Der Finanzdienstleister Crif, der dazu Prognosen abgibt, vermutet, dass es mehr Insolvenzen in der Gastronomie geben wird. Besonders hoch sei das Risiko in Berlin, Bremen und Hamburg, außerdem in NRW und Sachsen-Anhalt.
    Der Branchenverband Dehoga rechnet damit, dass 12.000 Betriebe aufgeben werden. Während der ersten beiden Coronajahre haben in Deutschland fast 30.000 Restaurants und Gaststätten aufgegeben. Der Trend hält an: Manche geben still auf, andere gehen offiziell in die Insolvenz. 2023 sind rund 1600 Restaurants und Gaststätten pleitegegangen - ein Drittel mehr als im Vorjahr.

    Ist die Mehrwertsteuer das größte Problem für die Restaurants?

    Aktuell ja, aber darunter liegen viele strukturelle Probleme. Auch die Gaststätten müssen deutlich mehr für Lebensmittel und Energie ausgeben und oft auch ihrem Personal mehr bezahlen als früher, damit es bleibt. Denn Köche und andere Angestellte in der Gastronomie sind sehr gesucht.
    Zwischen September 2019 und September 2023 hat die Branche fast sieben Prozent ihres Personals verloren, mutmaßlich oft an Berufe, in denen die Gehälter höher und die Arbeitszeiten angenehmer sind.
    Es wachsen auch nicht genug neue Mitarbeitende nach: Im vergangenen Jahr haben 44 Prozent der Restaurantfachleute und 46 Prozent der angehenden Köche ihre Ausbildung wieder abgebrochen.
    * Wir haben eine inhaltliche Korrektur bei den Angaben zum Mehrwertsteuersatz vorgenommen.
    **Wir haben eine Korrektur bei der Bezeichnung Mehrwertsteuererhöhung vorgenommen.