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StartseiteKultur heuteMeisterin des Fluxus24.06.2012

Meisterin des Fluxus

Die Yoko-Ono-Ausstellung "Zum Licht" in der Londoner Serpentine Gallery

Yoko Ono ist als Künstlerin längst international anerkannt. Trotzdem bleibt sie in den Köpfen Vieler die Frau, die die Beatles auseinandergebracht hat. Die Londoner Serpentine Gallery will nun in einer Ausstellung zeigen, wie Ono die zeitgenössische Kunst beeinflusst hat.

Von Hans Pietsch

Die Künstlerin Yoko Ono  (AP)
Die Künstlerin Yoko Ono (AP)

Der melancholische Schrei eines kambodschanischen Habichts hallt durch die Galerieräume, begleitet vom regelmäßigen Herzschlag eines Menschen. Der Soundtrack, mit dem Yoko Ono ihre Retrospektive unterlegt hat, wird aber immer wieder unterbrochen durch einen dumpfen Schlag, den man sich zunächst nicht erklären kann. Erst wenn man in den zentralen Kuppelraum der Serpentine Gallery geht, versteht man: ein Besucher versucht, in ein Labyrinth aus Glasplatten einzudringen. Trotz deren Durchsichtigkeit prallt er immer wieder auf eine Wand auf.

"Amaze", die Nachbildung einer Arbeit von 1971, zeigt exemplarisch nebeneinander die guten und die schlechten Seiten von Yoko Onos Kunst. Im Zentrum des Labyrinths steht ein mit Wasser gefüllter Zylinder, in dem sich die Deckenkuppel des Raums spiegelt. Dieses 'profunde' Zentrum, eine etwas banale Anspielung auf das Streben des Menschen nach oben, ist enttäuschend. Den eigentlichen Spaß hat man vorher, auf dem Weg dorthin, wenn man durch die Glasgänge irrt und sich wider Erwarten schmerzhaft verirrt.

Seit 50 Jahren macht die Japanerin aus New York Kunst, noch immer ganz im Sinne der Gruppe Fluxus, deren Mitbegründerin sie war: gegen den etablierten Kunstbetrieb, eine ephemere, anonyme Kunst. Sie betonte noch den politischen Aspekt dieser idealistischen Kunst, die glaubte, die Gesellschaft verändern zu können. Ihre Arbeit "Helmets" von 2001, die sie hier nachgestellt hat, ist eine einfache, aufrüttelnde Fortschreibung ihrer Antikriegs-Kampagnen mit John Lennon: von der Decke hängende Stahlhelme, in ihnen Teile eines Puzzles, die sich zu einem blauen Himmel zusammenfügen - die Köpfe von gefallenen Soldaten, die nach oben in den Himmel blicken.

"Zum Licht" nennt sie ihre Schau, zu deren Zusammenstellung sie entscheidend beigetragen hat. Es ist keine einer kuratorischen Logik folgende chronologische Retrospektive, die notgedrungen linear sein muss. Hier zerteilt die Zeit künstlerisches Schaffen nicht, sondern verbindet es. Besonders beeindruckend ist das bei "Cut Piece", der Videoaufzeichnung einer Performance von 1964, bei der sie sich auf der Bühne von Zuschauern mit einer Schere die Kleidung vom Leib schneiden ließ. Fast 40 Jahre später wiederholte sie die Performance, beide Videos laufen in einem Raum. Erstaunlich, wie die Zeit die identische Arbeit verändert hat: was wie sexuelle Gewalt gegen eine junge Frau wirkte, bekommt in der späteren Version eine fast autobiografische Note - eine Berühmtheit, ein Star wird buchstäblich in Stücke geschnitten.

Je leichter sie ihre Arbeiten angeht, desto besser werden sie. Ihr fast jugendlich anmutender Enthusiasmus ist oft ansteckend. "Ceiling Painting" besteht aus einer weißen Leiter, auf die der Besucher steigen, und mit einer bereitgestellten Lupe das mit Hand auf die Decke geschriebene Wort "Yes" lesen soll. Ihr Kommentar heute zu der Arbeit von 1966: "Es war eine Zeit, da ich das Wort 'Ja' in meinem Leben brauchte." Und auch die meisten ihrer Textarbeiten besitzen diese Leichtigkeit, die ihnen die poetische Prägnanz von japanischen Haikus verleiht: "Ein Schatten ist eine Erinnerung an uns. Er verschwindet, sobald wir uns von ihm entfernen."

Leider passieren ihr gerade in jüngster Zeit immer mehr unglückliche, ja peinliche Ausrutscher. Zwei Arbeiten in der Serpentine fallen in diese Kategorie. Ihr 'Smile'-Projekt geht auf einen frühen Film zurück, auf dem John Lennon fast eine Stunde lang lächelt. Für ein digitales Archiv soll sich die Öffentlichkeit lächelnd ablichten, ihr Beitrag zum Weltfrieden. Und draußen vor der Galerie stehen in weißen Töpfen "Wunschbäume", an die der Besucher auf kleine Zettel geschriebene Wünsche hängen darf, bis sich, so die Künstlerin, "die Zweige mit all unseren Wünschen biegen."

Link zur Serpentine Gallery

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