
26 Jahre hatte die Europäische Union (EU) mit Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay über das sogenannte Mercosur-Abkommen verhandelt, bis sich der Rat der EU-Länder auf das geplante Freihandelsabkommen geeinigt hat. Das Abkommen soll den Handel zwischen den südamerikanischen Ländern und der EU fördern. Die größte Freihandelszone der Welt mit mehr als 700 Millionen Menschen würde dadurch entstehen.
Nach wie vor hat der Handelsvertrag viele Gegner und Kritiker. Neben einigen EU-Staaten warnen auch Agrar- und Umweltverbände vor dem Handelspakt. Und die Kritiker sind in im EU-Parlament in der Mehrheit: Auf Antrag französischer Abgeordneter beschloss das Parlament am 21.1.2026, dass der Europäische Gerichtshof das Freihandelsabkommen überprüfen soll. Als Konsequenz könnte sich das Ratifizierungsverfahren um Monate oder sogar Jahre verzögern.
Das Mercosur-Abkommen: Fast alle Zölle sollen fallen
Auf 90 Prozent der gehandelten Güter würden alle Zölle entfallen, wenn das Abkommen in Kraft tritt. Mit der Zollsenkung würde der Import attraktiver und die Einfuhren könnten durch den Handelspakt ansteigen.
Die EU importiert aus Südamerika vor allem Rohstoffe und Agrargüter. Soja kann heute schon zollfrei importiert werden. Andere Lebensmittel wie Rindfleisch belegt die EU derzeit noch mit hohen Zöllen.
Völlig frei soll der Handel bei Agrargütern auch nicht werden: Das Abkommen enthält Begrenzungen, die die europäische Landwirtschaft schützen sollen. Pro Jahr darf die EU dann nur 99.000 Tonnen Rindfleisch zu einem reduzierten Zollsatz importieren. Das entspricht rund der Hälfte der aktuellen Importmenge und nur weniger als zwei Prozent der hiesigen Produktion. Die EU-Kommission darf zudem in den Markt eingreifen, falls südamerikanische Exporteure den Markt mit sehr günstigen Preisen zu stark beeinflussen.
Auch europäische Unternehmen könnten leichter nach Südamerika exportieren. Welche Branchen davon profitieren würden, ist von Land zu Land verschieden. In Deutschland würde insbesondere die deutsche Auto- und Chemieindustrie stark profitieren.
Darum wehren sich einige Länder gegen das Abkommen
Im Rat der 27 EU-Staaten hat das Abkommen die nötige qualifizierte Mehrheit bekomen, da Italien trotz des bestehenden Widerstandes aus Frankreich, Polen und Ungarn den Weg frei gemacht hatte. Im Dezember 2025 hatte sich Italien noch gegen das Abkommen gestemmt – begründet wurde das mit offenen Fragen zum Schutz der Landwirte.
Die EU-Kommission hat in der Zwischenzeit auch Zugeständnisse vor allem bei der Finanzierung der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) im kommenden EU-Haushalt gemacht: 45 Milliarden Euro sollen bereits ab dem Jahr 2028 freigegeben werden, um – wie es heißt – den Bedürfnissen der Landwirte und der ländlichen Regionen gerecht zu werden.
Am 7. Januar 2026 kündigte die Kommission zudem an, stärker die Einhaltung von EU-Regeln bei importierten Agrarprodukten überwachen und die Importkosten für Düngemittel senken zu wollen. Italien reagierte positiv auf die Maßnahmen. Außenminister Antonio Tajani sprach daraufhin von “enormen Vorteilen” des Abkommens.
Auch Frankreich begründete seinen Widerstand damit, dass Landwirte nicht ausreichend vor der billigen Konkurrenz aus den Mercosur-Staaten geschützt würden. Auch die verbesserten Schutzklauseln reichten nicht.

Agrar- und Umweltverbände befürchten Nachteile
Die Agrar- und Lebensmittellobby ist von den Schutzmechanismen im Abkommen bisher nicht überzeugt. Die Generalsekretärin des Deutschen Bauernverbandes, Stefanie Sabet, sagt auch angesichts der weiteren Zugeständnisse seitens der EU an die Bauern, es müsse auf EU-Ebene noch einmal über strengere Schutzmechanismen und Kontrollen gesprochen werden. Der Verband hält den Wettbewerb mit der südamerikanischen Landwirtschaft für unfair, weil dort wegen der niedrigeren Standards günstiger produziert werden könne.
Auch Greenpeace kritisiert, dass in der südamerikanischen Landwirtschaft in vielen Punkten weniger strenge Standards für Umwelt, Klima und Tierwohl gelten als in der EU. Zum Beispiel kommen in der Tierhaltung teils Wachstumshormone oder routinemäßige Antibiotikagaben zum Einsatz. Und mancherorts wird per Flugzeug Pflanzenschutzmittel über Tausende Hektar große Felder versprüht.
Das Abkommen fördere solche umweltschädlichen Praktiken, sagt Harald Groß, Experte für Waldschutz bei Greenpeace und ein entschiedener Gegner des Abkommens:
“Das sind insbesondere Pestizide, die zum Beispiel von Bayer oder BASF hergestellt werden, die aber in der EU gar nicht mehr zugelassen sind. Und wir fördern jetzt den Export von diesen Produkten in die Mercosur-Staaten. Dort werden die dann sehr intensiv in der Landwirtschaft eingesetzt. Für die Landwirtschaft werden noch mal zusätzliche Flächen an Regenwald oder subtropischen Wäldern abgeholzt. Und diese Agrarprodukte landen dann wieder bei uns auf dem Teller und somit landet das Gift, das wir produzieren, am Ende auch wieder hier auf den Tellern.”
Ökonomen betonen die Vorteile des Abkommens
Die EU-Kommission verspricht sich von dem Abkommen eine Steigerung der Exporte in die Mercosur-Staaten von annähernd 40 Prozent. Es gehe längst nicht nur um einen Handel von Autos und Agrargütern, betont der Handelsexperte Gabriel Felbermayr. Die südamerikanischen Länder verfügten über kritische Rohstoffe, die Europa dringend brauche, auch um sich unabhängiger von China zu machen.
Befürworter sehen es zudem als ein bedeutendes geopolitisches Zeichen, als eine Antwort auf den globalen Handelskonflikt. Kommissionssprecher Olof Gill sieht in einer Unterzeichnung des Abkommens auch die Möglichkeit, sich als verlässlicher Partner zu zeigen.
Sebastian Hess hält die Sorgen von Agrar- und Umweltverbänden für überzogen. Er ist Agrarökonom und Experte für Agrarhandel an der Universität Hohenheim und betont die Vorteile für Verbraucher:
“Es kann ja auch für unsere Verbraucher, muss man bedenken, ja sinnvoll sein, wenn bestimmte Produkte kostengünstig importiert werden können, sobald die heimische Produktion gar nicht die Nachfrage bedienen kann.”
Durch die verhandelten Mengenquoten sei sichergestellt, dass der europäische Markt zumindest nicht überschwemmt werden wird. Bei der Produktion von Wein und Milchprodukten hätten die europäischen Landwirte zudem die Nase vorn und könnten von den neuen Exportmöglichkeiten profitieren.
Über das Abkommen könne die EU zudem als sehr großer Markt immerhin ein Stück weit auch Einfluss auf die Umweltverträglichkeit in den Mercosur-Staaten nehmen. Wenn die EU keine Handelsabkommen abschließt, so das Argument, dann treten andere Staaten an ihre Stelle, und die legen vermutlich weniger Wert auf Umweltschutz. China ist schon heute der wichtigste Abnehmer für südamerikanische Agrarprodukte. Und die chinesische Nachfrage wächst.
pto / ema / bth / abr
























