Dienstag, 07. Dezember 2021

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Milch-ZertifikatGlückliche Kühe kommen von der Weide

Kühe stehen fast überall ganzjährig im Stall. Die wenigen, die auf der Weide grasen, geben höherwertige Milch. Weidemilch enthält Omega3-Fettsäuren und soll auch besser schmecken. Das Land Niedersachsen arbeitet seit drei Jahren an einem Label - nun kommt die zertifizierte Milch in die Supermärkte.

Von Jantje Hannover | 20.04.2017

Eine schwarz-weiße Kuh und eine Milchkanne.
Die Kuh darf raus: das gibt weniger, aber "bessere" Milch, sagt das Land Niedersachsen und ist Vorreiter bei einem Weidemilch-Programm. Besser für die Kuh, den Landwirt und klimafreundlicher. (imago/imagebroker)
Viehaustrieb in Moordeich bei Bremen. Für viele Milchkühe in Niedersachsen beginnt im April die Zeit im Jahr, in der sie mehrere Monate lang nach draußen dürfen.
"Raus mit Euch! Sind sie nicht lieb? Komm, vorwärts!"
Weidende Kühe auf grünen Wiesen, das war noch vor rund fünfzehn Jahren der typische Anblick, wenn man im Auto oder Zug durch Deutschland fuhr. Heute kommt meistens nur noch das Jungvieh nach draußen.
Bewegen sich die Kühe, gibt es weniger Milch
Denn das Melken von Weidetieren bedeutet eine ganze Menge zusätzliche Arbeit für den Landwirt, erklärt Kersten Nordbruch aus Moordeich:
"Die müssen ja wieder reinkommen zum Melken, das machen wir nicht draußen, das ist unhygienisch. Die Milch muss ja akkurat in den Milchtank reinkommen und auch wieder gekühlt werden."
Weidekühe müssen in den Stall rein - und anschließend wieder rausgetrieben werden. Und weil sie sich so viel bewegen, geben sie weniger Milch als Stalltiere. Viele Landwirte haben daher ihr Grünland umgebrochen und in Äcker verwandelt.
Klimaschutz als Ansporn für das Weidemilchprogramm
Aus Klimaschutzgründen ist dies jedoch nicht wünschenswert, denn dabei löst sich viel Kohlenstoff aus dem Boden, und CO2 heizt bekanntlich den Klimawandel an.
Viele Gründe für das Weidemilchprogramm, meint der grüne niedersächsische Agrarminister Christian Meyer:
"Wir haben ja sehr grünlandgeprägte Standorte, oben an der Küste, in Ostfriesland, der Wesermarsch, da gibt es keine Alternativen für die Landwirte, zu Grünland und Kühen auf der Weide, deshalb sind wir da natürlich besonders angewiesen, aber wir haben eben auch eine sehr günstige Region für Weidehaltung, für Biomilcherzeugung."
Bündnis Niedersachsen arbeitet mit strengen Kriterien
Nirgendwo sonst in Deutschland grasen heute noch so viele Kühe im Freien wie in Niedersachsen. Und damit das so bleibt, hat das Agrarministerium ein breites gesellschaftliches Bündnis aufgestellt und gefördert.
Unter Federführung des Grünland-Zentrums Niedersachsen/Bremen haben Handel, Molkereien und Umweltverbände sowie die Universität Göttingen ein Label mit festen Kriterien erarbeitet, wann Milch als Weidemilch verkauft werden darf. Zu den Unterzeichnern gehören auch die Länder Schleswig-Holstein und Bremen, sagt der Minister:
"Das Logo ist fertig, es gibt eine Charta, wo die klaren Kriterien drinstehen: Wieviel Tage müssen die Kühe draußen sein? 120 Tage, mindestens sechs Stunden müssen sie Weidegang mit frischem Gras haben."
Gentechnik bleibt außen vor
Außerdem gilt: Es darf kein gentechnisch verändertes Kraftfutter zugefüttert werden, wie es sonst in der Milchviehhaltung üblich ist.
"Und das wird eben auch kontrolliert, zertifiziert und überprüft."
Jeder Dritte der rund zehntausend niedersächsischen Milchviehhalter erfüllt schon länger diese Kriterien – und das soll sich jetzt endlich für sie lohnen.
Hoch verschuldete Bauern sollen mehr Geld bekommen
Viele von ihnen haben sich während der Milchpreiskrise in den letzten beiden Jahren hoch verschuldet. Nun sollen sie für das Plus an Qualität auch mehr Geld erhalten, sagt der Minister:
"Das war ein Wunsch der Landwirte, mindestens fünf Cent mehr pro Liter Weidemilch muss an den Erzeuger gehen. Denn die Milchbauern sind das Ende der Kette, und sie sind den Molkereien und dem Handel ausgeliefert."
Diese Abhängigkeit hat inzwischen auch das Kartellamt auf den Plan gerufen. Niedersachsen setzt auch auf Qualitätsführerschaft und Regionalität, um die Landwirte unabhängiger von den Preisschwankungen am Weltmarkt zu machen.