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StartseiteUmwelt und VerbraucherMit Rucksack und Laptop29.10.2007

Mit Rucksack und Laptop

Feinstaubmessungen per Fahrrad in Hamburg

Die schlechte Luft in der City trifft vor allem die Verkehrsteilnehmer, die besonders umweltfreundlich unterwegs sind: die Fahrradfahrer. Wie gefährlich die Partikelmenge ist, die täglich in die Lungen von Radfahrern gelangt, das versucht derzeit das von der EU geförderte Projekt "Vektor" zu klären, und zwar auf dem Fahrrad. In Hamburg sind die Wissenschaftler noch bis Ende Oktober unterwegs.

Von Ursula Storost

 Feinstaub trifft vor allem die Fahrradfahrer. (picture alliance / dpa)
Feinstaub trifft vor allem die Fahrradfahrer. (picture alliance / dpa)

Die Tour beginnt direkt am Hamburger Jungfernstieg mit Blick auf die Binnenalster. Drei Männer schnallen einen Laptop in einer schwarzen Packtasche auf ein Fahrrad und besprechen ihre Route:

"Was wir hier machen sind Messungen, die direkt auf dem Fahrrad durchgeführt werden und damit die Belastung, die ein Fahrradfahrer zum Beispiel im Berufsverkehr erleiden muss, deutlich darstellt. "

Mario Dubanowsky ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hamburger Behörde für Wissenschaft und Forschung. Und er leitet die deutsche Kooperationsstelle des Vector-Projekts, das von der Europäischen Union finanziert wird. Das englischsprachige Kürzel steht dabei für Visualisierung der Belastung von Radfahrern durch den Straßenverkehr. Die Aufgabe: Feinstaubmessung mit Videoüberwachung und Luftansaugung in Nasenhöhe:

"Ja, das sind zwei Feinstaubmessgeräte. Zum einen messen wir die Partikelmasse, zum anderen die Partikelanzahl. Da die kleineren Partikel die gefährlicheren Partikel sind, macht es mehr Sinn, die Anzahl wirklich zu messen, wie viel von den kleinen Teilen sind in der Luft."

Philipp Degenhardt, Student der Umwelttechnik an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften, zeigt das Innenleben eines roten Rucksacks, den er sich anschließend auf den Rücken schnallt: zwei etwa DIN A5 große Messgeräte mit digitaler Anzeige. Vier Kilogramm schwer und 50.000 Euro teuer, wie Mario Dubanowsky berichtet:

"Es hat bisher noch keiner weltweit so gemacht, wie wir es hier machen. Insofern ist es auch relativ störanfällig. Wir gehen davon aus, dass wir 50 Prozent der Messungen, als gute Messungen bezeichnen wir das, zum Schluss erhalten. Aber es kann auch durchaus sein, dass wir hier einen Tag messen und keine verwertbaren Ergebnisse haben. "

Etwa 40 km Feinstaubmessungsstrecke liegen heute vor den drei Radlern:

"Ja, dann haben wir jetzt alles gemacht, und dann kann es losgehen."

Die Drei radeln los. Ich hinterher. Neben Hauptverkehrsrouten Richtung Autobahn, vorbei an Baustellen und langen Staus. Pkw und LKW stinken Stoßstange an Stoßstange. Und die Radler mitten durch. Nach einer Stunde zieht Philipp Degenhardt ein erstes Resümee der Feinstaubbelastung:

"Ja, erstaunlich hoch, hier und heute. Liegt wahrscheinlich zum einen am Wetter. Das begünstigt so, trockene Luft. Da ist hier Feinstaub im Umlauf. Zum andern ist das hier eine vielbefahrene Straße. Viele Busse, LKWs, Dieselfahrzeuge und auch Baustellen. Wir haben teilweise über hunderttausend Teilchen pro Kubikzentimeter. Das ist verglichen zu der Grundbelastung, das ist so 20.000 Teilchen, schon relativ hoch."

Philipp Degenhardt demonstriert die Funktion der Videokamera, die an einem langen Stab hinten am Rad befestigt ist. Sie filmt die Verkehrssituationen auf der gesamten Fahrradroute. Die Bilder können dann auf dem Laptop parallel mit der jeweils gemessenen Feinstaubbelastung abgespielt werden:

"Dann kann ich zum Beispiel sehen, wenn dieser LKW da vorne gleich anfährt, dabei eine Menge Partikel ausstößt, dann dauert das eine Weile, bis die sich verteilt haben. Und nach, ich schätz mal zehn Sekunden, da sehen wir hier einen steigenden Wert. Und dann kann ich halt dieses Ereignis, der anfahrende LKW, direkt dem Messwert zuordnen und somit auch die Quellen für die Belastung ausfindig machen. "

Frank Bokelmann vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub ist froh, dass die EU sich der Feinstaubbelastung von Radfahrern angenommen hat. Denn Fahrradfahren ist umweltschonend, sagt er und eigentlich auch gesund. Seine Hoffnung ist, dass alle am Projekt teilnehmenden Länder reagieren werden:

"Zum Beispiel, indem Nebenstraßen zu Velorouten hergerichtet werden und dass der Radfahrer dann nicht mehr Hauptverkehrsstraßen fährt, aber trotzdem weniger Umwege fährt und schnell an seinen Arbeitsplatz oder Einkauf kommt, ohne durch Hauptverkehrsstraßen sehr stark belastet zu werden. Denn wir haben gesehen, die LKW an den Hauptverkehrsstraßen werden eine Hauptemissionsquelle sein. Das sieht man schon aus den ersten Bildern, die ich jetzt gesehen habe."

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