Sonntag, 22. Mai 2022

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Möglicher Gewaltaufruf
Trumps Äußerungen "verstörend und gefährlich“

Was meinte Donald Trump mit seiner Anspielung auf den zweiten Verfassungszusatz? Hillary Clinton ist sicher: Ihr Gegner hat zur Gewalt gegen sie aufgerufen. Trump weist das von sich: Er habe Waffenbefürworter lediglich überzeugen wollen, für ihn und nicht für Clinton zu stimmen. Angehörige von Mordopfern fürchten eine unheilvolle Wirkung von Trumps Worten.

Von Thilo Kößler | 11.08.2016

Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump bei einem Kampagnen-Event in Sunrise im US-Bundesstaat Florida.
Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump bei einem Kampagnen-Event in Sunrise im US-Bundesstaat Florida. (picture alliance/dpa - Cristobal Herrera)
Für Hillary Clinton steht fest: Donald Trump hat zur Gewalt aufgerufen.
Ein ganzes Land betreibt Trump-Exegese: Was meinte der Kandidat, als er in einer seiner letzten Wahlkampfreden dieses sagte?
In wörtlicher und vollständiger Übersetzung lautete der Satz, der eine Welle der Empörung auslöste, so:
"Hillary will den Zweiten Verfassungszusatz grundsätzlich abschaffen. Ganz nebenbei: Wenn sie dazu kommt, sich ihre Richter auszusuchen, könnt ihr das nichts machen, Leute. Obwohl, die Unterstützer des Zweiten Verfassungszusatzes vielleicht doch, ich weiß es nicht."
Trumps kühne Selbstinterpretation
Das "Second Amendment" ist der zweite Zusatz der amerikanischen Verfassung, der jedem amerikanischen Staatsbürger das Recht auf eine Waffe zugesteht. Einmal abgesehen davon, dass Hillary Clinton sich niemals für eine Änderung dieses Verfassungszusatzes stark gemacht hat und kein Präsident und kein oberster Gerichtshof über die Machtfülle verfügt, im Alleingang die Verfassung zu ändern. Die Frage, die das Land bewegt, lautet: Hat Donald Trump zur Gewalt aufgerufen? War das eine Morddrohung gegenüber Hillary Clinton?
Donald Trump gibt sich einmal mehr verwundert: In einer kühnen Selbstinterpretation seiner eigenen Worte behauptete er, er habe lediglich die Waffen-Verfechter dazu aufrufen wollen, für ihn und gegen Hillary Clinton zu stimmen. In Virginia bezichtigte er die Medien, die Sache wieder einmal aufgebauscht zu haben - sie seien so verlogen...
Mehrheitsführer spricht von verunglücktem Scherz
Eine Entgleisung kommt indes selten allen: In einem Versuch, Donald Trump in Schutz zu nehmen, verstieg sich Paul Ryan, einflussreicher Mehrheitsführer der Republikaner im Abgeordnetenhaus, zu der Behauptung, Trump sei wieder einmal eine Pointe danebengegangen - das Ganze sei ein verunglückter Scherz - das müsse Trump klarstellen.
Das war kein Scherz, das war eine Entgleisung, meinte hingegen Michael Hayden. Er war einmal Chef der CIA. Er ist Republikaner: Er distanzierte sich vehement von Donald Trump und meinte, wenn irgendjemand anderes diese Äußerung getan hätte, wäre er sofort festgenommen und verhört worden.
Michael Hayden kann sich bestätigt fühlen: Mittlerweile haben die US-Geheimdienste tatsächlich Kontakt zu Donald Trump aufgenommen. Ein Präsidentschaftskandidat müsse nicht nur darauf achten, was er sagt, meint Michael Hayden: Er müsse auch die Wirkung seiner Worte bedenken.
Angehörige von Mordopfern fürchten unheilvolle Wirkung
In den sozialen Netzwerken melden sich mittlerweile viele Angehörige von Mordopfern zu Wort - auch sie befürchten, dass die Äußerungen Donald Trumps unter Waffenfanatikern eine unheilvolle Wirkung erzielen könnten. Als "verstörend und gefährlich" bezeichnete Bernice King, die Tochter des ermordeten Bürgerrechtlers Martin Luther King, die Äußerungen Trumps. Allein die Tatsache, dass Trumps Worte einen derart fatalen Interpretationsspielraum zulassen, wird als Tabubruch wahrgenommen und als ein neuer Tiefpunkt in der langen Liste der politischen Entgleisungen Donald Trumps.
Zwar sind es genau jene gezielten Regelverstöße gewesen, die den Immobilien-Milliardär und politischen Seiteneinsteiger Donald Trump nach oben gespült haben und ihm die Sympathien der zu kurz gekommenen, enttäuschten und verbitterten Wutbürger eintrugen. Jetzt ist Trump aber eindeutig zu weit gegangen, urteilte Joe Scarborough, selbst ehemaliger Abgeordneter der Republikaner und prominenter TV-Anchorman: Er gab seiner Partei den Rat, Donald Trump endlich den Laufpass zu geben.