Sonntag, 26. Juni 2022

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Monarchie als stabilisierender Faktor

Die Sehnsucht nach dem, was typisch niederländisch sei, sei deutlich gewachsen, begründet Merlijn Schoonenboom, niederländischer Journalist in Berlin, den euphorisch-unkritischen Umgang seines Volkes mit der Monarchie. Sie sei ein stabiler Faktor angesichts der häufigen Regierungswechsel.

Merlijn Schoonenboom im Gespräch mit Thielko Grieß | 30.04.2013

Thielko Grieß: Und am Telefon ist jetzt Merlijn Schoonenboom, Journalist und ehemaliger Korrespondent der Zeitung "De Volkskrant". Er arbeitet in Berlin, berichtet normalerweise über die politischen Verhältnisse in Berlin, in Deutschland, für das niederländische Publikum. Und heute machen wir es einmal anders herum, guten Tag!

Merlijn Schoonenboom: Guten Tag!

Grieß: Wir erreichen Sie, ich habe es gesagt, in Berlin. Warum zieht es Sie denn an einem solchen Tag nicht in die Heimat?

Schoonenboom: Heute Abend fliege ich in der Tat nach Holland, aber dann, um über Deutschland zu reden, wie die Deutschen über das Königshaus berichten. Das ist ganz lustig. Aber heute bin ich also noch hier, weil ich lebe hier mit meiner deutschen Frau und deutsch-niederländischem Kind.

Grieß: Ihre Loyalität hält sich also in Grenzen zum niederländischen Königshaus?

Schoonenboom: Genau, ja, ja. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich zu einer sehr kleinen Minderheit gehöre. Aber das ist … Ich meine, ich lebe jetzt hier, so, dann hat man auch ein anderes Verhältnis dazu. Es ist aber sehr interessant, muss ich ehrlich zugeben, es aus der deutschen Sicht zu sehen. Weil, wenn man hier Fernsehen schaut, dann hört man eigentlich nur das Positive davon. In Deutschland ist man deutlich sehr interessiert und auch begeistert von so einem traditionsreichen Ereignis.

Grieß: Das müssen Sie dann heute Abend den niederländischen Radiohörern erklären. Wie erklären Sie denn die deutsche Begeisterung für die niederländische Krone?

Schoonenboom: Ja gut, die erste Ursache ist deutlich und logisch. Das niederländische Königshaus hat sehr viel deutsche Mitglieder gehabt. Das weiß auch jeder, Prinz Claus war der Vater vom heutigen König, sein Großvater war ein Deutscher und so geht es noch viel weiter. Das ist natürlich ein Punkt und das versteht auch jeder. In Deutschland spielt es eine Rolle, dass man denkt, wir haben es nicht, aber da haben wir trotzdem noch ein bisschen deutschen Adel auf dem Thron, das kann vielleicht mitspielen. Aber zweitens ist, denke ich, auch sehr wichtig, dass man es hier in Deutschland sehr interessant findet, wenn man diese Kontinuität sieht, diese Tradition, die immer weitergeführt wird, was sich auch nicht so schnell ändern kann. Ich meine, Christian Wulff konnte abtreten und sein Vorgänger auch, aber das passiert natürlich nicht so schnell in einer Königsfamilie. Und das spürt man, denke ich, auch, diese Sehnsucht nach Kontinuität.

Grieß: Und Stabilität möglicherweise.

Schoonenboom: Stabilität, genau. Aber muss man auch nicht vergessen, das ist ein sehr wichtiger Punkt: In Holland gibt es kaum noch stabile Faktoren. Unsere Regierung wechselt fast jedes Jahr oder jedes zweite Jahr. Das ist ein total anderer Ausgangspunkt. Das Königshaus ist in Holland - und das sieht man auch jetzt an der heutigen Popularität vom Königshaus - das ist jetzt einer der letzten richtig stabilen Faktoren geblieben.

Grieß: Welche Gründe gibt es denn noch, die die Menschen jetzt in Amsterdam und anderen Städten heute auf die Straße treiben und sich orange anziehen lassen?

Schoonenboom: Ich denke, dass das in der Tat das Wichtigste ist. Die letzten zehn Jahre … So vor zehn Jahren war das vielleicht weniger der Fall. Dieses Jahr hat zum Beispiel das neue Rijksmuseum eröffnet, das war ein enormes nationales Ereignis. Das wäre vor zehn Jahren unmöglich gewesen! Und dann jetzt das noch dazu, das Königshaus. Das deutet darauf hin, dass man sehr gerne diese stabilen Faktoren hat. Dass man sagt, ah, wir sind Holländer und das kann man daran sehen, dass wir ein Königshaus haben und Rembrandt und so weiter und so fort. Und diese Sehnsucht nach dem, was typisch niederländisch ist, das ist die letzten zehn Jahre sehr deutlich gewachsen.

Grieß: Wird denn in den Niederlanden auch die Frage gestellt, können wir uns und sollen wir uns so eine Monarchie leisten?

Schoonenboom: Die Frage wird gestellt, aber wenig. Das ist sehr auffällig. Das war vor einigen Jahren echt deutlich mehr. Die letzten Jahre ist die Opposition sozusagen viel weniger kräftig geworden. Und jetzt ist es, haben Sie auch im Bericht gehört, mehr als 90 Prozent findet es einfach prima. Und das zeigt auch, wie in diesem Moment die Frage, ob es zeitgemäß ist, eigentlich nicht zu einer seriösen Debatte führt.

Grieß: Wie hat denn nach Ihrer Einschätzung die scheidende oder nun ausgeschiedene, zurückgetretene Königin, frühere Königin Beatrix – man muss das alles aktualisieren jetzt in den Wörtern –, Beatrix ihr Amt geprägt?

Schoonenboom: Ja, sie – das wird natürlich in allen Kommentaren auch gesagt –, sie ist natürlich das Bild einer Majestät. Sie war die, sie hat mehr Abstand gehabt zum Volk, das sagt auch jeder, sie war mehr eine Königin …

Grieß: Mehr Abstand gehabt als ihre Mutter oder …

Schoonenboom: Ja, genau, ihre Mutter war so, wie es heißt, volksnah. Und da wird erwartet, dass Willem-Alexander auch diese Tradition mehr aufgreift. Er ist entspannter, natürlich. Er sagt, ich bin kein Protokollfetischist, hat er gesagt. Man spürt, dass die Niederländer das auch in diesem Moment … Genau das mögen sie sehr gerne, er sollte auch volksnah sein. Aber andererseits – und das wird er gleich auch spüren – nicht zu volksnah, weil eine Monarchie ist natürlich nicht, muss doch eine gewisse Distanz haben, um diese … Wie er diesen Mittelweg findet, das wird sich die nächsten Jahre zeigen.

Grieß: Willem-Alexander hat ja gestern schon in der Fernsehansprache seiner Mutter ordentlich Vorschusslorbeer bekommen. Er könne König, so war der Tenor. Sie scheinen dem zuzustimmen, wenn ich Sie richtig verstanden habe?

Schoonenboom: Na ja, gut, ich bin selbst, ich muss ehrlich sagen, das habe ich zuvor auch gesagt: Ich bin einer der wenigen, die einfach deutlich sagen, ich brauche das nicht. Ich brauche das Königshaus nicht. Ich finde es in der Tat … Für mich wäre es interessanter, wenn Holland anknüpft an eine andere Tradition, nämlich unsere republikanische Tradition aus dem 17. Jahrhundert finde ich viel interessanter. Das ist aber nicht der Fall, das passiert nicht. Und wenn man das dann jetzt als Ausgangspunkt hat, dann sieht man, dass Willem-Alexander in der Tat jetzt da angekommen ist, wo er sein sollte. Ich meine, wenn man sieht, dass der Mann es jetzt auch kann, natürlich, ja.

Grieß: Er ist ein Mann und damit etwas Ungewöhnliches auf dem niederländischen Königsthron. Seit 123 Jahren waren es die Frauen, die die Dinge bestimmt haben. Verändert das irgendetwas?

Schoonenboom: Ja, das wird sehr interessant, weil man kann natürlich sagen, Holland, das Matriarchat. Wir haben immer das weibliche Staatsoberhaupt gehabt. Und wie hat das Land das geprägt und wie wird sich das jetzt ändern. Aber es ist natürlich so, dass Máxima viel populärer ist. Die größte Aufmerksamkeit geht …

Grieß: Seine Frau, Willem-Alexanders Frau.

Schoonenboom: Ja, geht doch immer zu der Frau an der Spitze. Das ist jetzt typisch, wird dieser König in der Tat das wichtigste Bild werden vom Königshaus oder bleibt es einfach bei der Frau, nämlich seine Frau Máxima? Sie wird auch Königin und wird absolut auch zum Beispiel morgen in den deutschen Zeitungen wahrscheinlich am meisten fotografiert sein, sodass man … Es ist noch nicht deutlich, ob jetzt ein sehr männliches Bild vom niederländischen Königshaus sich zeigen wird.

Grieß: Also, es ist zu erwarten, dass in den Niederlanden eine Art Doppelspitze wirken wird?

Schoonenboom: Das wird interessant, das wissen wir nicht, weil er hat in seinem letzten Interview deutlich gemacht, dass er alleine der König ist. Er hat sehr entschlossen gesagt, nein, ich bin hier der König und ich entscheide auch. Und es ist kein doppelter Job sozusagen. Das hat er sehr deutlich gemacht. Wie es in der Erscheinung ist und wie es in den Boulevardblättern und so weiter und so fort, wie sich das auswirkt, das wird wahrscheinlich etwas anderes sein. Aber er hat deutlich gemacht, ich mache das selber.

Grieß: Sagt Merlijn Schoonenboom, Korrespondent der niederländischen Zeitung …

Schoonenboom: Ehemaliger Korrespondent!

Grieß: Pardon, ehemaliger Korrespondent, war mein Fehler! Ehemaliger Korrespondent der Zeitung "De Volkskrant", in Berlin lebend. Vielen Dank für das Gespräch und gute Reise in die Niederlande!

Schoonenboom: Ja, vielen Dank, tschüss!

Grieß: Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.