Sonntag, 05. Februar 2023

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Mord als antikapitalistische Lösung?

Aktuelle Bezüge gehören zur Arbeit von Volker Lösch dazu. Und so erwarteten manche schon einen weiteren Skandal, als sie hörten, welches Stück er sich diesmal vorgenommen hatte: Schillers "Räuber". Bei der Premiere zeigte er dann auch Bremer, die gegen das System aufbegehren.

Von Elske Brault | 28.02.2010

    In einem Bremer Theaterstück dürfen Werder-Bremen-Fans nicht fehlen. Hier sind sie politisch engagiert und stehen vor dem roten Samtvorhang neben der Punkerin mit Irokesenfrisur vom Bauwagenplatz und Russlanddeutschen aus dem Problemviertel Tenever. Doch diesmal hat Volker Lösch nur wenige dazu bewegen können, für ihre Aussagen auch das Gesicht auf der Bühne hinzuhalten. Lösch hat seinen Chor aufgefüllt mit Schauspielstudenten aus Hannover. Schwarz gekleidet und teilweise schrill geschminkt sind sie anfangs nicht zu unterscheiden von den "echten" Bremer Linken. Und im Sinne dieser Vermischung hat der Regisseur einige Interviewtexte den Figuren aus Schillers "Räubern" zugeschrieben. Vater Moor – Siegfried Maschek - wird so zum Alt-68-er.

    "Ein bisschen SDAJ und DKP....und bekomme Anerkennung und ein regelmäßiges Einkommen. – Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert! Zu nichts nutze!"

    Man merkt es bereits: Schillers Sturm-und-Drang-Sätze aus dem 18. Jahrhundert prallen hart und ungelenk auf unsere moderne Machbarkeitssprache. Dennoch scheint der Ansatz im Prinzip fruchtbar, den Konflikt zwischen Vater Moor und seinen Söhnen Franz und Karl als einen Generationenkonflikt von heute darzustellen. Der rotsamtene Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine weitere schwarze Spiegelwand, gegen die die linksradikale Räuberbande vergeblich anspringt oder ihre Bierkästen wirft. Das muss man Volker Lösch lassen: Es ist schon beängstigend, welche Energie er hier mit nur 15 Darstellern entfaltet.


    Aber ach, leider ist da noch das Schillersche Drama zu erzählen, und zu dem fällt Volker Lösch weiter nichts ein, als alle Darsteller, genau wie seinen Chor, auf höchster Stufe schreien zu lassen. Fortissimo - Zwei Stunden lang. Der kriecherische Erbschleicher Franz ringt und rauft mit seinem Vater und brüllt

    "Karl, immer nur Karl!"

    Und er stampft mit den Füßen wie ein enttäuschtes Rumpelstilzchen. Bruder Karl, der böse Oberräuber, brüllt ebenfalls

    "Ist das Vatertreue, ist das Liebe für Liebe, mich zu verfluchen?"

    Es brüllt Amalia, Karls verlassene Geliebte, und kreischt bei der Nachricht von Karls Tod so lange hysterisch, bis der fiese Franz sie mit dem roten Samtvorhang erstickt.

    Volker Lösch zeigt hier seine Begabung fürs Weihnachtsmärchen: Schillers Räuber hat er intellektuell herunter gebrochen auf das Niveau von "Schneewittchen und die sieben Zwerge". Ganz kindgerecht trägt die Räuberbande im zweiten Teil glänzende rote Satinanzüge, ballert mit Maschinengewehren herum und kullert durch einen sich drehenden Trichter in Bundeswehrtarnfarben. Ja im Wald, da rutschen die Räuber in einen kriminellen Strudel. Vater Moor darf vom ersten Rang aus noch mal kurz dazwischenbrüllen und die Räuberbande unten auf der Bühne quasi zum geordneten Ortsamtsleiterleben auffordern – "Ich organisiere Kompromisse". Und die Räuber dürfen noch mal ein bisschen das Publikum beschimpfen: "Was aus den 68ern geworden ist, das sieht man ja hier". – oder im Bremer Altbauviertel Schwachhausen.

    "Das Viertel...haut ab! Wir brauchen euch nicht!"

    Dann gehen alle hoch vergnügt nach Haus und unterhalten sich womöglich auf dem Heimweg noch über jene Szene, in der die rot berockten Räuber mit dem Denkmal der Bremer Stadtmusikanten kopulierten. Sex and Crime und ein paar starke Sprüche. Volker Löschs Theaterabende sind so revolutionär wie das RTL-Fernsehprogramm.