Sonntag, 26. Juni 2022

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Müller im Maghreb
"Wir müssen die Region weiterentwickeln"

In Marokko und anderen Staaten in Nordafrika geben sich derzeit deutsche Politiker die Klinke in die Hand: Nach Außenminister Frank-Walter Steinmeier waren auch Entwicklungshilfeminister Gerd Müller und Innenminister Thomas de Maizière in der Region. Immer geht es um Flüchtlinge, die Lösungsansätze sind aber verschieden.

Von Frank Capellan | 02.03.2016

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU)
Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) war im Maghreb. (dpa / Michael Kappeler)
Ein Oscar für den Minister - The Winner is: Gerd Müller. Respekt: Die beiden Jungs am Mikrofon verstehen es, ihren Zuhörern den Gast aus Deutschland zu verkaufen. Wie Besuch aus Hollywood wird der Mann aus dem Allgäu in Rabat empfangen: Müller strahlt, als er vom marokkanischen Migrationsminister ins winzige Studio von Radio "Kulturmozaik" geführt wird: Sind wir live? Fragt er noch verwundert, ja sind wir, schon muss er ans Mikro. "Ein Gruß an die Hörerinnen und Hörer nach draußen. Schade, dass sie uns nicht sehen können, das sind die interessantesten Moderatoren, die ich gesehen habe!"
Das kann man wohl sagen, Dahli hat seine langen Rastalocken unter der knallbunten Strickmütze zusammengebunden, Kollege Namam zur feierlichen Studioeinweihung einen weißen Anzug angezogen. "Also, kommt alle ins Studio zur Eröffnung. Es gibt ein Glas Saft und es gibt was zu essen, ich hoffe, dass hundert kommen!"
Radio von Migranten für Migranten. 30.000 Euro hat die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, die GIZ, für die Studioausstattung bezahlt. Müller ist begeistert und verrät der GIZ-Mitarbeiterin ein Geheimnis. "Wissen Sie, ich habe beim Start der Privatradios in Bayern zwei Radios gestartet und auch selber moderiert, ich habe eine Volksmusik-Sendung gemacht!"
Hilfe beim beim Aufbau einer Asylgesetzgebung
Volksmusik gibt´s heute nicht. Gesundheit, Bildung, Arbeit: In ihren Sendungen informieren die Macher Neuankömmlinge über ein Leben in Marokko. Das Webradio gilt als Pilotprojekt. Deutschland hilft Marokko dabei, Schwarzafrikaner aus den Subsahara-Regionen zu integrieren, so wie Moderator Dhali. "Lucky to stay here, I live well." Ich bin glücklich, ich lebe gut hier und muss nirgendwo mehr hingehen, meint der Mann mit der Rastafari-Mütze, der vor fünf Jahren aus der Elfenbeinküste gekommen ist. Ganz ähnlich Namam aus Kamerun: "Dieses Radio hilft uns dabei, Marokkaner und Immigranten näher zueinander zu bringen."
Immerhin dürfen 40.000 Schwarzafrikaner legal hier bleiben. Marokko – Merhaba - Willkommen! Hat der Minister sein Programm überschrieben. In Rabat macht Gerd Müller dann viel Lärm. Gut gelaunt setzt er sich an die Instrumente einer Combo des Flüchtlingsradios und schlägt kräftig auf die Felle. Der Minister trommelt kräftig für die Integration von Menschen in Nordafrika. Deutsche Entwicklungshilfe erhält Marokko sogar beim Aufbau einer Asylgesetzgebung. "Ich kann zu Hause berichten, dass ankommende Marokkaner auch aus Deutschland hier wieder integriert werden. Nur wenn die aus Subsahara dort bleiben können, machen sie sich nicht auf den Weg nach Europa!"
Deutschland hat keine zentrale Datenbank
So bunt wie bei Müllers geht es bei de Maizieres nicht zu. Als der deutsche Entwicklungsminister längst nach Tunesien weitergeflogen ist, steht auch der deutsche Innenminister auf der Matte. 10.000 Marokkaner sind im letzten Jahr aus Marokko nach Deutschland gekommen, Thomas de Maiziere verhandelt über die Rücknahme. Das Problem: Viele haben ihre Papiere vernichtet, sich als Syrer ausgegeben, um ihre Chance auf Asyl in Deutschland zu erhöhen.
"Wir sind uns einig, dass wir die zweifelsfreie Identifizierung marokkanischer Staatsbürger in aller Regel über die Übermittlung von Fingerabdrücken vornehmen werden, weil Marokko über eine hervorragende Datenbank verfügt."
Der Haken daran: Deutschland verfügt über keine zentrale Datenbank. Der Austausch zwischen den hiesigen Ausländerbehörden funktioniert nicht. Ihr müsst uns schon bei der Identifizierung zu helfen. Ob de Maizieres Erfolgsmeldungen wirklich Realität werden, ist für viele noch nicht ausgemacht.
Pflichtgemäß kümmert sich auch Gerd Müller um die Rücknahme abgewiesener Flüchtlinge, doch ihm ist anzumerken: In den Augen des Entwicklungsministers geht das am Thema vorbei. In einer Ausbildungswerkstatt zieht er munter am Gashebel, lässt sich erklären, wie Jugendliche mit deutscher Unterstützung zu Kfz-Mechanikern gemacht werden. "Wie lange dauert die Ausbildung? Zwei Jahre, sechs Monate für Leute mit Erfahrung, die Werkstätten haben." – "Finden alle Arbeit?" – "Ja!"
"Wir müssen die Region weiterentwickeln, sonst kommen Millionen zu uns"
Müller ist hier in Sachen Fluchtursachenbekämpfung. Jungen Leuten eine Perspektive bieten, das ist ihm wichtiger als ein paar Tausend Menschen zurückzuschicken. Dafür sollte Europa Geld bereitstellen, von zehn Milliarden Euro spricht der CSU-Minister. "Wir müssen zurückgehen in und um Syrien, in die Camps, in die angrenzenden Staaten und dort investieren, ebenso müssen wir die Maghreb-Region weiterentwickeln, tun wir das nicht, werden Millionen in den nächsten Jahren zu uns kommen!"
In der Altstadt von Tunis legt der 60-Jährige dann mit Kelle und Mörtel selbst Hand an. Müller verputzt eine kleine Ecke. Neben ihm steht Isabel Knauf, Chefin eines Familienunternehmens, das in Tunesien, in der Türkei, im Irak und sogar in Syrien produziert. "Knauf steht ja für Fertigputz, das heißt, der Sack kommt aus Deutschland oder wo kommt der her?" – "Hier aus Meknes, da ist nix aus Deutschland drin!" – "Hundert Prozent?" – "Hundert Prozent lokale Produktion!" – "Perfekt! Prima!"
Das ist nach seinem Geschmack, Arbeitsplätze schaffen, lassen Sie uns mit Blick auf Ihr Werk in Syrien in Kontakt bleiben, ruft er der Unternehmerin zu, wir brauchen Sie!
"Druck auf die Kante, ja genau!" Und dann, dann greift er zum Abschied noch einmal zur Kelle. "Das macht Spaß, man sieht wenigstens, was man geleistet hat, im Unterschied zur Politik! Du arbeitest 16 Stunden, siehst den Erfolg nicht und kriegst nur Kritik!"