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StartseiteMusikjournalMut zum Experiment15.02.2021

Musikvideo - WettbewerbMut zum Experiment

Ein Musikwettbewerb in Pandemie-Zeiten ohne Jury-Kontakt, ohne Publikum. Wie das gehen kann, zeigt das Kasseler Kulturforum mit "Corona Encore: Coffee Mask". Mitten im Lockdown fand komplett digital dieser internationale Musikvideo-Duo-Wettbewerb für Violine & Flöte statt.

Von Ursula Böhmer

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Zwei Frauen in schwarzem Kleid sitzen mit Violine und Querflöte vor einem Bücherschrank. (Julia Rechsteiner)
Das Duo Fibonacci gewann den Musikwettbewerb "Corona Encore: Coffee Mask". (Julia Rechsteiner)
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Das Bild in dem Musikvideo bleibt zunächst eingefroren: Ein Buch, Flöten, eine Geige und federgeschmückte Masken sind auf einem Flügel arrangiert, wie ein barockes Stillleben. Aus dem Off liest die rumänische Flötistin Raluca Tihon diesen englischen Text dazu:

"The fascination of the way we look at a landscape, a sound, an idea, a movement and internalize it into our blood and brain is addictive..."

Zitate von Platon und anderen Autoren fließen in den Text mit ein, der sich um die "süchtig machende" Faszination von Klanglandschaften und Rhythmen dreht, um Musik als "Hinweis auf eine göttliche Einheit", nach der das gesamte Universum eines Tages tönen wird: ein tiefsinniges Entree zum nun folgenden "Andante" von Carl Philipp Emanuel Bach. Das erste Pflichtstück beim "Internationalen Musikvideo-Duo-Wettbewerb für Violine & Flöte - Corona Encore: Coffee Mask"

"Es ist so schwebend und man kann es schwer bestimmen. Und das Stück ist so einfach, dass es wieder komplex wird! Und darin liegen die Schwierigkeiten in dem Stück!" mein Raluca Tihon.

 "The unbearable lightness of playing",  also "Die unerträgliche Leichtigkeit des Spielens" haben Raluca Tihon und ihre tschechische Duopartnerin Marie Hasoňová ihr performatives Musikvideo dann auch getauft. Kennengelernt haben sich die beiden, die sich "Fibonacci Duo" nennen, an der Musikhochschule in Luzern. Das Bach’sche Andante zelebrieren sie nun buchstäblich als traute Hausmusik an einem Couchtisch sitzend, auf dem allerlei alte Traktate stehen und liegen.

"Eine von den Büchern war Carl Philipp Emanuel Bachs "Versuch, das Clavier zu spielen", weil wir uns auch mit ganz vielen Aufführungspraxis bezogenen Fragen auseinandergesetzt haben", so Raluca Tihon.

Maske und Multiphonics

Beim zweiten Wettbewerbs-Pflichtstück bewegt sich das "Fibonacci Duo" zwischen den Büchern hin und her, die nun im Halbkreis im Raum aufgestellt sind. Dabei tragen die Musikerinnen die gefiederten Masken vom Anfangsbild. Zumal das zweite Musik-Stück den Titel "Corona Encore: Coffee Mask" trägt. Hier werden zeitgenössische Spieltechniken abgefragt, erklärt Raluca Tihon.

"Wie zum Beispiel Multiphonics oder Flatterzunge. Diese Pizzicato-Sounds das nennt man dann "slap tongue". Und in der Flöte es klingt ein bisschen wie Beat Box. Es ist vergleichbar mit dem Pizzicato, das man von der Geige normalerweise kennt."

Bei der Geige sind es perkussive Col legno-Klänge, bei denen der Bogen mit dem Holz leicht auf die Saiten geschlagen wird. Die Komponistin und Geigerin Viktoria Kaunzner – zugleich in der Jury - hat das Stück "Corona Encore: Coffee Mask" zum Wettbewerb beigesteuert.

"Es ist tatsächlich ein Encore, eine Zugabe, ein Stück, das so virtuosen, flockig leichten Charakter hat, und Musik sind Schwingungen und Schwingungen übertragen sich durch die Luft, genauso wie sich das Virus durch Aerosole übertragen kann. Insofern besteht eine gewisse Parallele, und so entstand dieser Titel für den Wettbewerb."

Kaunzners Stück "Coffee Mask" ist 2014 entstanden. Ihre Inspirationsquellen sind einerseits die südkoreanische "Ein-Mann-Oper", "Pensori" genannt, die sie während einer Professur in Seoul kennengelernt hat. Andererseits bezieht sich Kaunzner auf ein Bild der Darmstädter Malerin Maria Trautmann.
Viktoria Kaunzner:

"Es heißt "Maske zwei", und das hat so einen bronzeartigen Farbton, und so kam dann bei mir dieses synästhetische Integral, ein Stück zu schreiben mit dem Titel "Coffee Mask", weil mich eben die Farbe auch an Kaffeegranulat, an Kaffeepulver erinnerte, an Kaffeebohnen und dieses Aroma und auch dieses Farbspiel, diese Poesie wollte ich dann in das Stück packen. Und so ist dieses Stück entstanden."

Kaunzner stellt es den Interpreten frei, ihr Stück mit einer Maskierung aufzuführen, und die Wettbewerbs-Teilnehmenden greifen das in ihren Musikvideos gerne auf: Sei es, dass sie sich als Pierrots schminken und vor schwarz-weißer Kulisse mit der fernöstlichen Ying und Yang-Tradition spielen. Oder dass sie den Titel "Coffee Mask" wörtlich nehmen – und in Schönheits-Gurkenmaske und Bademantel humorig ein ganz "normales" Frühstücksszenario in Corona-Zeiten nachspielen.

Herausforderung vor der Kamera

Herausfordernd war der Wettbewerb auch in anderer Hinsicht: Denn die Teilnehmer mussten ihre Musikvideos selbst drehen, ungewohnt für Marie Hasoňová und Raluca Tihon vom "Fibonacci Duo":

"Ja, wir hatten einige Schwierigkeiten beim Aufnehmen! Wir haben uns ein gutes Mikrophon und eine Kamera geliehen und versucht, damit umzugehen, weil keine von uns bislang Erfahrungen damit hatte! Die ersten Aufnahmen waren dann auch eher nicht so erfolgreich, aber wir hatten viel Spaß dabei und haben eine Menge gelernt!"

"Es war eine gute Erfahrung, so einen Wettbewerb vor einer Kamera zu spielen, weil dann ist man mit sich selbst konfrontiert und man sieht, ach, das kann ich besser machen! Das ist eine Chance, die man in einem Live-Wettbewerb nicht hat!"

Den kreativen Umgang mit den digitalen Medien hat die fünfköpfige Jury bei ihrem Urteil mit eingepreist. Darunter die Komponistin Viktoria Kaunzner.
"Bei mir ist es immer wichtig, dass so eine Balance gewahrt wird zwischen Sinnlichkeit in der Musik, aber auch dem Mut zum Experiment. Und da war es mir wichtig, dass die Teilnehmer loslassen von dieser klassischen festgezurrten Perspektive, dass man eine Vorstellung im Kopf hat und sie muss immer gleich klingen. Nein, es ist jedes Mal wie so ein Kaleidoskop, das man dreht, es ist neu!"

Ausgerichtet wurde der rein digitale Wettbewerb von Viktoria Kaunzners Ensemble "UKOREV" und dem Kasseler Kulturforums-Verein, der auch Konzertreihen und einen Kultursalon veranstaltet. Musiker aus Europa, aber auch aus Brasilien, Japan und Russland hatten ihre Musikvideos eingeschickt. Allerdings waren es am Ende nur zwölf Duos. Ob die technischen Hürden dann doch zu groß waren oder im Vorfeld zu wenig an der Werbetrommel gerührt wurde, sei dahingestellt. Die Preisgelder von 10.000 Euro wurden schließlich auf drei Gewinner-Duos verteilt. Das "Fibonacci Duo" ging mit dem 1. Preis nach Hause: 2000 Euro, ein Meisterkurs mit Viktoria Kaunzner und ein Gutschein für den Furore-Verlag Kassel, der das Stück "Coffee Mask" verlegt hat. Insgesamt ein gelungen kreativer Wettbewerb, der in Lockdown-Zeiten unbedingt auch anderswo Schule machen sollte.

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