Stefan Koldehoff: So ganz lange ist die Sache mit dem Sozialismus und dem Kommunismus ja auch in einigen europäischen Staaten noch nicht vorbei. In Bulgarien zum Beispiel gab es die ersten freien Wahlen wie im Osten Deutschlands erst 1990 und erst damals wurden auch die unzähligen öffentlichen Monumente abgebaut oder zerstört, die seit der kommunistischen Machtübernahme 1944 überall im Land entstanden waren. Umso erstaunlicher mag es klingen, dass heute in der Hauptstadt Sofia ein Museum für sozialistische Kunst eröffnet worden ist, und in einem Büro dieses Museums habe ich meinen Kollegen Thomas Frahm erreicht und ihn zunächst einmal ganz grundsätzlich gefragt: Warum 21 Jahre nach der Wende solch ein Museum?
Thomas Frahm: Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Der seit 2009 amtierende Kulturminister Vezhdi Rashidov, ein türkischstämmiger Bulgare, ist selbst Bildhauer und hat also seine schöpferische Laufbahn im Sozialismus verbracht. Und es gibt ja dieses bekannte Phänomen, dass die, die im Sozialismus gelebt haben, jetzt das Gefühl haben durch diese Kämpfe nach der Wende, dass ihr ganzes Lebenswerk entwertet ist und nicht ins Geschichtsmuseum, sondern auf den Abfallhaufen geworfen worden ist. Der Minister wollte durch dieses Museum ein Zeichen setzen, ob Geschichte gut ist oder schlecht ist, das sollen nicht wir, sondern das sollen die Bürger entscheiden. Aber damit sie das können, müssen sie die Dinge, die in dieser Periode hervorgebracht worden sind, überhaupt erst mal sehen können.
Koldehoff: Das ist ein anderes Museumsverständnis als in vielen anderen Museen, wo man schon sagt, nicht das Volk entscheidet, was museal ist, sondern das tun die Kuratoren. 1,6 Millionen Euro hat das Projekt insgesamt umgerechnet gekostet, der Umbau einer ehemaligen Kunstschule. War es ein umstrittenes Projekt in der Öffentlichkeit?
Frahm: Es gab in der Öffentlichkeit zwar Vorberichte, aber es gab überraschend schwache kritische Reaktionen darauf. Das kann daran liegen, dass wirklich die Grabenkämpfe, die, sagen wir mal, mindestens das erste Jahrzehnt, die ersten 15 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bestimmt haben, da wurde in Bulgarien viel beklagt, es gab eigentlich keine wirklich politische Programmatik, es gab nur Kommunismus und Antikommunismus. Jetzt dieses Museum, da muss man sagen, es ist kein Museum der Kunst im Sozialismus, sondern wirklich ein Museum sozialistischer Kunst. Alles was dort gezeigt wird, hat entweder mit den Köpfen und den Leitgestalten der sozialistischen Zeit zu tun oder nähert sich in irgendeiner Weise dem sozialistischen Realismus.
Koldehoff: Nicht Kunst im Sozialismus, sondern sozialistische Kunst. Was ist sozialistische Kunst, Herr Frahm? Was haben Sie gesehen, den ehemaligen Diktator Todor Schiwkow auf Tribünen beim Abnehmen von Paraden?
Frahm: Der ehemalige Diktator Todor Schiwkow ist erstaunlicherweise ganz wenig präsent. Es gibt eine ganz zarte Bleistiftzeichnung eines sehr, sehr berühmten Künstlers, eines wirklich meisterhaften Zeichners, Slatju Bojadschiew. Ansonsten sind erstaunlicherweise präsent ganz andere Figuren, nämlich der Gründervater des Sozialismus, Georgi Dimitrow als Skulptur im Skulpturenpark mit mittellangem Intellektuellenhaar und hoher Stirn, dann sehr viel Lenin, Breschnew, erstaunlicherweise auch eine etwas markante Skulptur, Che Guevara. Was natürlich den eigentlichen Sozialismus in der Kunst kennzeichnet, das sind diese martialischen Gestalten. Also man darf sich das jetzt nicht so vorstellen wie bei uns im Faschismus Arno Breker, also pseudonatürliche Körperkultfiguren mit sehr viel Muskeln, aber im Grunde elegante Sportlertypen. Hier sind also wirklich Volkstypen mit richtigen Dorfvisagen, sozusagen mit flammendem Blick, und die Leute sind erstaunlicherweise zugleich ausgemergelt, haben aber Muskelpakete, als kämen sie aus dem Anabolikageschäft. Das ist die eine Richtung, dieses Martialische, dieses Pathetische. Das ist eigentlich eine ganz, ganz prägende Geschichte, die sich dann auch immer mit nationalen Mythen verbindet.
Koldehoff: Herr Frahm, Sie haben viel jetzt erzählt, was dort zu sehen ist. Mit der Bitte um kurze Antwort: Mit wie vielen Besuchern rechnet man denn? Gibt es schon wieder ein Publikum für diese Kunst in Bulgarien?
Frahm: Der Minister Rashidov geht davon aus, dass es ein großes Interesse gäbe. Er hatte schon direkt nach der Wende vorgeschlagen, so etwas zu machen, weil das jetzt sozusagen irgendwie kultig sein könnte. Man muss in Bulgarien sagen, es ist zu hoffen, dass überhaupt mal ein Museum Besucher bekommt. Was zu erwarten ist, dass dieses Museum in den Pflichtbesuchslehrplan der Schulen übergeht und dass sehr, sehr viele Schulklassen dieses Museum besuchen werden, denn man muss sich vorstellen, die jetzigen Schüler kennen die sozialistische Epoche ja nicht mehr in Bulgarien, obwohl sie immer noch prägend ist für die Mentalität derer, die das Land regieren.
Koldehoff: Das neue Museum für sozialistische Kunst in Sofia. Thomas Frahm berichtete für uns aus Bulgarien.
Thomas Frahm: Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Der seit 2009 amtierende Kulturminister Vezhdi Rashidov, ein türkischstämmiger Bulgare, ist selbst Bildhauer und hat also seine schöpferische Laufbahn im Sozialismus verbracht. Und es gibt ja dieses bekannte Phänomen, dass die, die im Sozialismus gelebt haben, jetzt das Gefühl haben durch diese Kämpfe nach der Wende, dass ihr ganzes Lebenswerk entwertet ist und nicht ins Geschichtsmuseum, sondern auf den Abfallhaufen geworfen worden ist. Der Minister wollte durch dieses Museum ein Zeichen setzen, ob Geschichte gut ist oder schlecht ist, das sollen nicht wir, sondern das sollen die Bürger entscheiden. Aber damit sie das können, müssen sie die Dinge, die in dieser Periode hervorgebracht worden sind, überhaupt erst mal sehen können.
Koldehoff: Das ist ein anderes Museumsverständnis als in vielen anderen Museen, wo man schon sagt, nicht das Volk entscheidet, was museal ist, sondern das tun die Kuratoren. 1,6 Millionen Euro hat das Projekt insgesamt umgerechnet gekostet, der Umbau einer ehemaligen Kunstschule. War es ein umstrittenes Projekt in der Öffentlichkeit?
Frahm: Es gab in der Öffentlichkeit zwar Vorberichte, aber es gab überraschend schwache kritische Reaktionen darauf. Das kann daran liegen, dass wirklich die Grabenkämpfe, die, sagen wir mal, mindestens das erste Jahrzehnt, die ersten 15 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bestimmt haben, da wurde in Bulgarien viel beklagt, es gab eigentlich keine wirklich politische Programmatik, es gab nur Kommunismus und Antikommunismus. Jetzt dieses Museum, da muss man sagen, es ist kein Museum der Kunst im Sozialismus, sondern wirklich ein Museum sozialistischer Kunst. Alles was dort gezeigt wird, hat entweder mit den Köpfen und den Leitgestalten der sozialistischen Zeit zu tun oder nähert sich in irgendeiner Weise dem sozialistischen Realismus.
Koldehoff: Nicht Kunst im Sozialismus, sondern sozialistische Kunst. Was ist sozialistische Kunst, Herr Frahm? Was haben Sie gesehen, den ehemaligen Diktator Todor Schiwkow auf Tribünen beim Abnehmen von Paraden?
Frahm: Der ehemalige Diktator Todor Schiwkow ist erstaunlicherweise ganz wenig präsent. Es gibt eine ganz zarte Bleistiftzeichnung eines sehr, sehr berühmten Künstlers, eines wirklich meisterhaften Zeichners, Slatju Bojadschiew. Ansonsten sind erstaunlicherweise präsent ganz andere Figuren, nämlich der Gründervater des Sozialismus, Georgi Dimitrow als Skulptur im Skulpturenpark mit mittellangem Intellektuellenhaar und hoher Stirn, dann sehr viel Lenin, Breschnew, erstaunlicherweise auch eine etwas markante Skulptur, Che Guevara. Was natürlich den eigentlichen Sozialismus in der Kunst kennzeichnet, das sind diese martialischen Gestalten. Also man darf sich das jetzt nicht so vorstellen wie bei uns im Faschismus Arno Breker, also pseudonatürliche Körperkultfiguren mit sehr viel Muskeln, aber im Grunde elegante Sportlertypen. Hier sind also wirklich Volkstypen mit richtigen Dorfvisagen, sozusagen mit flammendem Blick, und die Leute sind erstaunlicherweise zugleich ausgemergelt, haben aber Muskelpakete, als kämen sie aus dem Anabolikageschäft. Das ist die eine Richtung, dieses Martialische, dieses Pathetische. Das ist eigentlich eine ganz, ganz prägende Geschichte, die sich dann auch immer mit nationalen Mythen verbindet.
Koldehoff: Herr Frahm, Sie haben viel jetzt erzählt, was dort zu sehen ist. Mit der Bitte um kurze Antwort: Mit wie vielen Besuchern rechnet man denn? Gibt es schon wieder ein Publikum für diese Kunst in Bulgarien?
Frahm: Der Minister Rashidov geht davon aus, dass es ein großes Interesse gäbe. Er hatte schon direkt nach der Wende vorgeschlagen, so etwas zu machen, weil das jetzt sozusagen irgendwie kultig sein könnte. Man muss in Bulgarien sagen, es ist zu hoffen, dass überhaupt mal ein Museum Besucher bekommt. Was zu erwarten ist, dass dieses Museum in den Pflichtbesuchslehrplan der Schulen übergeht und dass sehr, sehr viele Schulklassen dieses Museum besuchen werden, denn man muss sich vorstellen, die jetzigen Schüler kennen die sozialistische Epoche ja nicht mehr in Bulgarien, obwohl sie immer noch prägend ist für die Mentalität derer, die das Land regieren.
Koldehoff: Das neue Museum für sozialistische Kunst in Sofia. Thomas Frahm berichtete für uns aus Bulgarien.