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StartseiteWissenschaft im BrennpunktNach dem Gipfel ist vor dem Gipfel18.09.2011

Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel

Manuskript zur Sendung

UN-Klimagipfel sind nicht mehr das was sie mal waren. Statt um den Schutz der Atmosphäre verhandeln die Delegierten der 194 Staaten um nationale Interessen. Die Folge: Der Ausstoß der Treibhausgase steigt weiter an, das Ziel, die Klimaerwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, rückt in weite Ferne.

Von Pia Zimmermann

Teilnehmer des jüngsten UNO-Klimagipfels in Cancún (AP)
Teilnehmer des jüngsten UNO-Klimagipfels in Cancún (AP)

"Es ist beschlossen…."

"Wir haben nicht alles bekommen was wir wollten, das sind Teile und Kompromisse. Aber das ganze vergangene Jahr haben wir gesagt, dass in Cancun die Grundsteine für das künftige Klimaabkommen gelegt werden – und nun gehen wir tatsächlich hoffnungsvoll nach Südafrika."

Der Delegierte der Malediven hatte Tränen in den Augen, als der Vertrag der internationalen Klimaschutzgemeinde auf dem UN-Klimagipfel im mexikanischen Cancun beschlossen war. Ein Schritt in die richtige Richtung, meint er und Hans Joachim Schellnhuber, Physiker und Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung erinnert daran, dass der internationale Klimaschutz auch ein Nein ist zum unverantwortlichen Umgang mit unserem Planet Erde:

"Ich habe das als Diktatur des Jetzt bezeichnet, wir plündern die Vergangenheit in Form von fossilen Brennstoffen und wir plündern die Zukunftschancen der kommenden Generationen. Wir plündern die Vergangenheit und die Zukunft, um uns jetzt ein schönes Leben zu machen."

Nach uns die Sintflut. Genau das soll der internationale Klimaschutz verhindern, seit man um ihn streitet, auf UN-Klimagipfeln und die haben bisher nicht viel bewirken können.

"Die Dinge ändern sich – was wir hier beobachten, das ist der Rückzug seit dem Ende der letzten Eiszeit. Und dieser Rückzug hat sich in den vergangenen zehn bis 20 Jahren massiv beschleunigt. Man sieht es vor allem an den Gletschern der Küste. Dort verlieren die Gletscher zwei Meter pro Jahr, sie werden immer dünner, es ist dramatisch."

Was Guy Adema, einer der Klimaforscher des Denali Nationalparks in Alaska da sagt, kann man kaum glauben, steht man an der Glacier Bay und sieht die gewaltigen Gletscher, die sich seit Jahrhunderten hier bis in Meer hinein schieben. Eine majestätische Landschaft, die von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt wurde, weil sie einzigartig ist. Dabei ist die Glacier Bay alleine noch nicht alles, was der 49. US-Bundesstaat an eisigen Gipfeln und Tälern zu bieten hat. Mitten im Land überragt der Mount McKinley mit seinen 6.194 Metern majestätisch 100.000 Quadratkilometer Gletscher und wer diese Pracht sehen will, der sollte bald dorthin reisen. Denn die arktischen Winter holen nicht mehr zurück was die warmen Sommer am Nordpol Jahr für Jahr stehlen. Das Eis geht verloren, auf den Gletschern und im arktischen Meer: in der Beringstraße, in der Tschuktschen- und der Beaufort-See.

Eis bricht und schmilzt, Schollen schieben sich gegeneinander, das ist der Sound der Arktis und man hört ihn in den arktischen Sommern immer seltener. 2010 hatte die Eisfläche in der Arktis ihre geringste Ausdehnung seit Beginn der Messungen und noch nie in den vergangenen 2000 Jahren war das Wasser des arktischen Nordatlantiks so warm wie heute, im Jahre 2011. Dies belegt jetzt eine im Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlichte Untersuchung von Meeressedimenten am westlichen Kontinentalhang Spitzbergens. Um 1,5 Grad Celsius hat sich das Meerwasser in den vergangenen 100 Jahren erwärmt. Wenn dieser massive Erwärmungstrend anhält, schmelzen die Gletscher und das Meereis noch schneller. Damit nicht genug, die Veränderung der Arktis beeinflusst das Klima weltweit. Der Meeresspiegel wird weiter steigen und Wetterextreme, wie Trockenheit, sintflutartige Regenfälle und Wirbelstürme werden weiter zunehmen. Die Folgen daraus werden nun auch im UN-Sicherheitsrat besprochen:

"Die Fakten sind klar, Klimawandel ist Realität und zwar auf eine gefährliche Art und Weise. Der Klimawandel bedroht den Frieden und die internationale Sicherheit."

Ban Ki-Moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen formulierte das im vergangenen Juli im UN-Sicherheitsrat, sieben Monate nachdem sich die internationale Gemeinschaft auf dem UN-Klimagipfel im mexikanischen Cancun darauf geeinigt hatte, die Klimaerwärmung auf zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Es war ein überraschendes Ergebnis, nachdem der UN-Klimagipfel in Kopenhagen 2009, trotz großen Aufgebots aller mächtigen Regierungs- und Staatschefs, keinen internationalen Klimaschutzvertrag zustande gebracht hatte. Nicht nur die Medien, sondern auch viele Wissenschaftler und Politiker hatten nach dem kläglichen Scheitern in Kopenhagen den UN-Klimaprozess für tot erklärt. Aber, ein Jahr später, am 11. Dezember, trat in Cancun nach zähen Verhandlungen und durchdebattierten Nächten, gegen 4 Uhr morgens sichtlich erleichtert Norbert Röttgen, damals Bundesumweltminister, vor die Mikrophone der deutschsprachigen Medien:

"Cancun hat die Erwartungen erfüllt. Große Erleichterung und ich glaube das es ein großer Erfolg ist, weil der UNO Prozess selbst, der internationale Prozess, der Verhandlungsprozess indem die Länder mit ihren unterschiedlichen Interessen und Ansprüchen zusammenkommen aber eben doch zu einem Ergebnis fähig sind wieder Lebendigkeit, neuen Schwung, neues Zutrauen gewonnen hat und es sind eben auch Entscheidungen in der Sache: Das 2-Grad-Ziel ist erstmalig offiziell von der Weltgemeinschaft anerkannt worden. Es gibt klare Entscheidungen zum internationalen Waldschutz zur Technologiekooperation zur langfristigen Finanzierung. Darum ist das ein wirklich bedeutender Schritt für die Wiederbelebung des internationalen Klimaschutzprozesses."

Worte eines Politikers, die darüber hinweg sehen lassen sollen, dass es noch immer keinen internationalen Klimaschutzvertrag gibt, obwohl der derzeit gültige, das Kyoto-Protokoll, Ende 2012 ausläuft. Immerhin, man gibt nicht auf und die Verhandlungen, das Ringen um eine völkerrechtlich verbindliche Vereinbarung, gehen weiter. Das ist mehr als die 194 Staaten erwarten konnten. Bleibt die Frage: Hat man das Ziel, den wirksamen Klimaschutz wirklich fest im Auge oder kann man nur das Scheitern nicht eingestehen? Der nächste UN-Klimagipfel wird eine Antwort darauf geben. Er ist geplant für Dezember, diesmal im südafrikanischen Durban. Die 2000 Delegierten aus den Mitgliedstaaten der Klimarahmenkonvention treffen sich, also vier Monate, nachdem zum ersten Mal der Klimawandel Thema im höchsten Gremium der internationalen Gemeinschaft war und zum ersten Mal im Protokoll des UN-Sicherheitsrats festgehalten wurde, was seit einem Jahrzehnt ein offenes Geheimnis ist: Die Erderwärmung ist eine Gefahr für den Weltfrieden. Die 15 Mitgliedstaaten des Sicherheitsrates einigten sich auf ihrer Sitzung im Juli nach langen Debatten unter dem Vorsitz Deutschlands auf diese Formulierung:

Knappe Ressourcen und Verteilungskämpfe infolge des Klimawandels können den Frieden in vielen Regionen der Welt nachhaltig gefährden. Schon jetzt sind solche Folgen der Klimaveränderung spürbar.

Und zurzeit vor allem im Osten Afrikas zu beobachten. Dort sind mittlerweile zwei Millionen Menschen auf der Flucht und zwölf Millionen Menschen leiden unter der Dürre und dem Hunger. Vor allem Menschen aus Somalia versuchen sich in den Norden Kenias, ins Flüchtlingslager Dadaab oder in den Süden Äthiopiens zu retten. So wie schon seit acht Jahren Flüchtlinge des Bürgerkriegs in Darfur im Westen des Sudan, Schutz und Nahrung an der Grenze zum Tschad suchen. Achim Steiner, der Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, kurz Unep hat eine wissenschaftliche Studie zur Lage der Umwelt in Darfur im westlichen Sudan in Auftrag gegeben. Das ernüchternde Ergebnis fasst er so zusammen:

"Dieser Bericht verdeutlicht, dass die Entwicklung in Darfur, zumindest in manchen Bereichen, ihren Ursprung auch in einer ökologischen Veränderung hat, die zum Teil wiederum mit dem Klimawandel zu tun hat: Verlust von Regenfall, größere Konkurrenz über Ressourcen, Entwaldung. Das heißt die Menschen wurden zunehmend in ein Konkurrenzverhältnis zueinander getrieben. Und vielleicht die ernüchterndste Analyse ist, das die Millionen von Flüchtlingen, die heute innerhalb des Sudans oder auch außerhalb in Flüchtlingslager leben, nicht mehr die Möglichkeit haben, in ihr Land zurückzukehren, weil die Lebensgrundlagen durch ökologische Veränderung und Zerstörung nicht mehr gegeben sind. Das gehört mit zu den dramatischsten Beispielen die ich bis jetzt gesehen habe, wie Politik, Frieden, Konflikt und Umweltveränderung miteinander verbunden sind."

Das Ergebnis der Unep-Studie ist alles andere als überraschend. Wer im Staubgürtel Afrikas in der Sahelzone unterwegs war, weiß was Trockenheit bedeutet und wie unwirtlich dieser Landstrich südlich der Sahara ist. Grün ist eine Farbe, die es dort kaum gibt. Aus dem Flugzeug sieht man nur auf staubiges Beige und Braun. Selbst das letzte Gestrüpp hat keine andere Farbe zu bieten. In der Sahelzone ist der Niederschlag in den vergangenen 30 Jahren um 40 Prozent zurückgegangen. Die Menschen haben in ihrer Not aus Busch- und Waldland Ackerland gemacht, weil der Boden mit immer weniger Wasser, immer weniger Ernte hergibt und immer häufiger Dürren auch die letzten Früchte auf dem ausgelaugten Boden vernichten. Kommt endlich der langersehnte Regen schwemmt der dann auch den letzten Rest des fruchtbaren Bodens weg, weil ihn keine einzige Wurzel mehr halten kann. Der Boden erodiert, das Wasser versiegt und was bleibt, ist nichts als Wüste, in Mali, im Tschad, Burkina Faso, Ghana, oder auch im Norden Ugandas. Und was hier Dürre bedeutet, führt in anderen Regionen der Welt zu Überschwemmungen oder zu Wirbelstürmen. Wetterextreme nehmen zu und sind heftiger als in den vergangenen 130 Jahren.

Während die Klimaexperten der Mitgliedstaaten der Klimarahmenkonvention seit 19 Jahren, also seit dem Erdgipfel in Rio 1992, über einen internationalen Klimaschutzvertrag verhandeln, ist für die Munich RE, die größte Rückversicherung der Welt, das Risiko durch den Klimawandel entscheidend für Ihr Versicherungsgeschäft. Sie muss Risiken richtig einschätzen, sonst ist die Existenz des Rückversicherers gefährdet. Professor Peter Höppe, der Leiter der Georisiko-Forschung macht deutlich welchen Stellenwert heute der Klimawandel bei der Risikoeinschätzung des Versicherers hat:

"Kein anderes Thema hat es zu einer solch strategischen Bedeutung gebracht. Klimawandel ist aber auch mehr, als dass es vielleicht etwas wärmer wird, dass es mehr Naturkatastrophen gibt – er ist ein Zeichen, dass die globale Entwicklung in eine Sackgasse läuft. Dass wir Ressourcen übernutzen, dass wir die Atmosphäre, von der wir abhängen, verschmutzen in einer Weise wie es in der Geschichte der Menschheit noch nie der Fall war: mit Kohlendioxid – die Werte sind nachweislich so hoch, wie sie nie in der letzten eine Million Jahre gewesen sind – und das haben wir erreicht innerhalb von 100 Jahren. Das ist wirklich kein Ruhmesblatt."

Dass der Versicherer unserer Versicherungen den Klimawandel so ernst nimmt, das hat ihm auch im vergangenen Jahr wieder eine gute Bilanz eingebracht mit einem Gewinn von 2,4 Milliarden Euro und sichert ihm auch in diesem Jahr einen Gewinn, trotz der Katastrophen die schwer auf dem Rückversicherer lasten, noch bevor das Jahr zu Ende ist. Das Geschäft mit den Risiken von morgen hat die Munich Re offensichtlich gut im Griff. Nicht zuletzt weil ihre Prognosen bestens abgesichert sind. Im Keller und auf dem Server des Münchner Hauptsitzes der Munich Re befindet sich mit 28.000 Datensätzen die weltweit umfangreichste Datenbank über Schäden durch Naturkatastrophen. NatCatSerivces nennt sich das Archiv, das Peter Höppe sicher zur folgenden Bilanz für das Jahr 2010 befähigt:

"Die hohe Anzahl von wetterbedingten Naturkatastrophen passt zu den vielen Wetterrekorden, die wir in den vergangenen Jahren – und gerade im Jahr 2010 – verzeichnet haben, aber auch mit dem zusammen, was die Klimamodelle als Folge des Klimawandels erwarten lassen. 2010 war geprägt durch viele Wetterrekorde: die Hitzewelle in Russland, die bisher beispiellos war; gefolgt von den Waldbränden und 50.000 Toten, die vor allem durch die Luftverschmutzung, die durch die Waldbrände verursacht wurde, zu Tode kamen; die höchste jemals in Asien gemessene Temperatur – in Pakistan, im Mai gemessen, 53,5 Grad Celsius; und dann das wichtigste Indiz für den Klimawandel: die höchste globale Jahresmitteltemperatur seit Beginn der Aufzeichnung vor 130 Jahren."

Die Daten des NetCatService liefert die Munich Re auch dem IPCC, dem Intergovernmental Panel on Climate Change, dem Weltklimarat, der 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen und der Weltorganisation für Meteorologie gegründet wurde, damit Wissenschafter regelmäßig über den Fortgang des Klimawandels berichten können. Es geht um die Ursachen, Risiken und Folgen, als auch darum Vermeidungs- und Anpassungsstrategien auszumachen. Die Daten der Munich Re gehören zur Datenbasis der Klimafolgenforschung, die aber auch genährt wird durch die ungeheuren Mengen an Wetterdaten die zum Beispiel auch Noaa, der Wetterdienst der USA dem IPCC zur Verfügung stellt. Dr. Alexander McDonald, von der National Oceanic & Atmospheric Administration hat als Direktor des Erdsystem Forschungsinstituts im US-Bundesstaat Colorado, eine eindrucksvolle Multimedia-Show erfunden. Auf eine riesige weiße Kugel, in der Mitte eines dunklen Raumes, projiziert er alles was die Forscher von Noaa an Erkenntnissen über das Klimageschehen in der Vergangenheit und in der Zukunft durch die Wetterdaten gewonnen haben: Wie ein Film laufen grüne, braune und sandige Landmassen durch blaues Wasser, CO2-satte Atmosphären tauchen alles ins Rot der steigenden Temperaturen, Hurrikane rasen immer häufiger auch über das Land, sprich, wie die Meeresströmungen über die große Kugel, die das Abbild der Erde ist, wie sie die Astronauten aus der Apollo-Kapsel sehen durften:

"Das da sind Meeresstürme. Wirbelstürme, sie stoßen an Afrika, laufen dann hier nach unten und hier an der Küste wieder hoch Richtung Europa. Wir nennen das 'the global thermohaline circulation', also die 'thermohaline Zirkulation', das geht hier entlang ganz Afrika und driftet in den Atlantik. Und wenn wir das hier sehen, dann verstehen wir, warum es in Europa warm ist. Der Grund ist das warme Wasser, [es] wird aus dem Pazifik um Afrika herum geleitet und dann nach Europa raufgewirbelt ...."

Diese Zirkulation muss man als globales Förderband verstehen. Erst dann begreift man wie das Klima entsteht, wie es funktioniert und darüber entscheidet, in welchen Regionen wir Menschen unter welchen Bedingungen leben können. Dieses globale Förderband, das von der Noaa, dem größten Wetterdienst der Erde und renommierten Institut für das Erdsystem, so anschaulich präsentiert wird, ist eine Kombination von Meeresströmungen, die vier der fünf Ozeane miteinander verbinden und sich dabei zu einem Kreislauf globalen Ausmaßes vereinen. Über dieses Förderband werden nicht nur warme Wassermassen aus dem äquatorialen Raum nach Norden gewälzt, sondern auch die kalten Wassermassen aus Grönland zurück in die äquatorialen Gewässer transportiert. Das schmelzende Eis der Gletscher in der Arktisregion fällt als Eiswasser schwer nach unten und drängt zurück. Was genau und wohin drängt es? Professor Hans-Joachim Schellnhuber, Physiker und Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung erinnert daran, dass durch die Schmelze der Meeresspiegel weltweit ansteigt. Neu für ihn dabei ist:

"Wenn Grönland abschmilzt, und dafür spricht im Augenblick einiges, wird seltsamer Weise das Wasser vor Grönland sinken, nicht ansteigen. Das hat damit zu tun, das die Eismassen, die sich jetzt noch in Grönland befinden, eine große Schwerkraft ausüben. Das heißt sie ziehen – man sagt 'Gravitational Pull' – sie ziehen das Wasser an. Wenn diese Eismassen schmelzen, geht auch die Gravitationswirkung verloren – das Wasser wird entlassen in die Tropen. Das bedeutet das bei einem Meeresspiegelanstieg von einem Meter gerade im Nordatlantik, Ostküste USA, Westküste Europas, der Meeresspiegel nicht steigen wird, sondern der ganze Schwall in Richtung Pazifik und äquatorialen Atlantik gehen wird. Das heißt die Pazifikinseln, die kleinen Inselstaaten werden auch in der Hinsicht die Verlierer des großen Klimaspiels sein. Das ist eine ziemlich bestürzende Einsicht."

Ob es tatsächlich zum Meeresspiegelanstieg von einem Meter oder mehr kommen wird, das hängt davon ab, ob die Klimaerwärmung ungebremst so weiter geht wie bisher oder ob die Staaten halten, was sie auf dem UN-Klimagipfel in Cancun versprochen haben. Ob sie es schaffen die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Das schaffen sie nur, wenn sie den Ausstoß an Treibhausgasen, vor allem an CO2 bis zum Jahr 2050 um 50 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990, reduzieren. Das allerdings sieht im Moment ganz und gar nicht so aus. Die Vereinbarung im mexikanischen Cancun, der sogenannte Cancun-Accord ist nicht wirksam. Er verpflichtet die Staaten nicht, sondern setzt auf die freiwilligen Zusagen, und was bisher freiwillig an Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen zugesagt wurde, reicht allenfalls, um die Erwärmung auf 3,5 Grad Celsius zu begrenzen. Und selbst diese freiwilligen Zusagen stehen bisher nur auf geduldigem Papier, beschrieben in Cancun, am Golf von Mexiko am 11. Dezember 2010. Ottmar Edenhofer, einer der Vorsitzenden des IPCC und Professor für die Ökonomie des Klimawandels an der TU-Berlin zieht eine enttäuschende Bilanz:

"Wenn man die Frage stellt, wie weit wir weltweit die Emissionen reduziert haben, dann muss man ein recht katastrophales Ergebnis berichten. Die Emissionen steigen und sie steigen mit zunehmender Wachstumsrate. Also wir sehen international in keiner Weise eine Wende!"

Der Cancun-Accord greift nicht, wird offensichtlich ignoriert. Sicher, Deutschland hat seine Emissionen um 25 Prozent reduziert und auch Großbritannien hat mit 17 Prozent minus sein Reduktionsziel von minus 12 Prozent übererfüllt. Aber Kanada, Japan und auch die USA sind wie Spanien und Italien haltlos in ihrer Steigerung des CO2 Ausstoßes. Damit nicht genug, der größte Emittent des Treibhausgases CO2 weltweit ist mittlerweile ein Schwellenland. Chinas Wirtschaftswachstum von 10 Prozent im Jahr 2010 beeindruckt nicht nur Wirtschaftswissenschaftler sondern auch diejenigen die den damit verbundenen rasant steigenden Ausstoß von Treibhausgasen im asiatischen Staat beobachten. Ottmar Edenhofer ist als Professor für die Ökonomie des Klimawandels und als Vorsitzender des IPCC oft in China und er ist überzeugt davon, dass es in den nächsten sechs Dekaden in China, in Indien, in allen Schwellen- und Entwicklungsländern keine Alternative zum Wirtschaftswachstum geben wird:

"Denken Sie an China, da sollen noch 500 Millionen Menschen in die Mittelschicht katapultieren werden und das ist eine große Aufgabe. Wenn das nicht passiert, wird China mit einem großen sozialen Sprengstoff konfrontiert sein, ähnliches gilt für Indien. Also, ich bin schon der Auffassung, dass die generelle Verabschiedung von Wirtschaftswachstum eine typisch eurozentrische Perspektive darstellt, und diese Perspektive wird nicht geteilt von vielen in Indien und in China. Und wer in China und Indien war, der weiß, dass dort gewaltige Infrastrukturentscheidungen nötig sind. Dort ist wichtig dass die Infrastrukturentscheidungen so gefällt werden, dass sie nicht einen Pfad festlegen, wo für die nächsten fünf Dekaden die Emissionen steigen werden. Das ist dort die große Herausforderung. Also, dass man eben Stromnetze, Straßen und Häuser baut, so dass man langfristig eben auch die Emissionen reduzieren kann. Das ist aus meiner Sicht für die Nachhaltigkeit des Planeten von entscheidender Bedeutung."

China steht unter Beobachtung, denn China ist das bevölkerungsreichste Land dieser Welt und wenn China seinen wachsenden Wohlstand mit eben den gleichen Technologien produzieren will, wie wir in der Vergangenheit, dann werden wir die Klimaerwärmung nicht aufhalten und die Übernutzung des Planeten nicht verhindern können. China und auch der Rest der Welt muss das Wirtschaftswachstum vom Ausstoß der Treibhausgase abkoppeln. Wie das möglich ist, darüber machen sich mittlerweile alle Ökonomen Gedanken und nicht erst seit Cancun oder Kopenhagen. Auch der Direktor des Ifo-Instituts Professor Hans Werner Sinn, lässt keinen Zweifel daran, dass die Klimaerwärmung die größte Herausforderung unserer Zeit ist und der Markt von außen geregelt werden muss:

"Man muss den Chinesen klar machen: Wir meinen das jetzt ganz ernst. Sie müssen sich beteiligen an einem weltweiten Klimaabkommen, wo sie verbindlich ihre Mengen einschränken, beziehungsweise teilhaben an einem Emissionshandelssystem, welches von der UNO weltweit realisiert wird. Wir haben ja ein solches System schon heute, das ist nicht so utopisch, wie sich das anhört.Seit 2008 gibt es das, aber es macht, wie gesagt, nur ein Teil der Länder mit. Deutschland ist dabei, die EU Länder auch, China aber nicht, Amerika nicht, viele wichtige Länder nicht und nur 30 Prozent der Emissionsmengen werden erfasst. Wir müssen dieses schon vorhandene System ausdehnen auf 100 Prozent und die Chinesen reinholen, dann haben wir die Gesamtausstoßmenge der Welt im Griff und können sie so steuern, dass wir klimapolitisch keine Probleme kriegen."

Was für China gilt, das gilt auch für alle anderen Staaten, auch für die USA. Denn sie sind auf Platz zwei der Emittenten von Treibhausgasen. Während China mit knapp 20 Prozent der Erdbevölkerung für 22 Prozent des CO2 Ausstoßes verantwortlich ist, müssen die USA mit nur 4,5 Prozent der Erdbevölkerung für 19 Prozent gerade stehen. Und das bedeutet, dass der Pro-Kopf-Ausstoß eines US-Bürgers viermal so hoch ist wie der eines Chinesen, im Durchschnitt versteht sich. Angesichts des hohen Ausstoßes der USA könnte man fairer Weise schlussfolgern, dass China noch eine Menge gut hat. Aber diese Rechnung verbietet die Klimaerwärmung, denn wenn die Weltgemeinschaft ihre Vereinbarung einhalten und die Klimaerwärmung auf zwei Grad Celsius begrenzen will, dann darf bis zum Jahr 2050 jeder Erdenbürger nur noch 1,5 Tonnen CO2 pro Jahr in die Luft pusten. Mit 4,6 Tonnen pro Kopf liegen die Chinesen heute schon weit über dem Maximalwert, den die Atmosphäre unserer Erde noch verträgt. Auch sie müssen sich auf eine Reduktion ihres CO2 Ausstoßes verpflichten, wenn es fair auf dieser Erde zugehen soll. Auch Deutschland wird mit seinen zehn Tonnen pro Kopf noch einiges reduzieren müssen um zu erreichen was beschlossen ist. Professor Hans-Joachim Schellnhuber, als Physiker und Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung auch Mitglied im IPCC, dem Weltklimarat, macht deutlich was passieren würde, wenn die Klimaerwärmung ungebremst so weiter geht und verweist auf:

"Arbeiten, die auch hier im Hause stattgefunden haben zum erwartenden Anstieg des Meeresspiegel. Der gehandelt wird im Augenblick unter den meisten Szenarien mit etwa einem Meter, noch in diesem Jahrhundert – deutlich mehr wenn man über 2100 hinaus denkt. Das andere sind die Projektionen für die globale Erwärmung auch über 2100 hinaus – wenn wir mal zugrunde legen, was die einzelnen Staaten quasi nach dem freiwilligen Prinzip an Klimaschutzmaßnahmen zugemeldet haben, dann werden wir in den Bereich drei bis vier Grad Erwärmung global noch in diesem Jahrhundert kommen, gegenüber vorindustrieller Zeit. Aber dann weitergedacht bis 2300, das sind jetzt neue Rechnungen auch zum Teil hier am Institut durchgeführt, dann würden wir in den Bereich sechs bis acht Grad vorstoßen. Das wäre eine völlig andere Welt, das wäre natürlich nicht das Ende der Menschheit, aber das wäre das Ende der Zivilisation, so wie wir sie kennen."

Weil all die erwähnten extremen Wetterlagen mit ihren Folgen, die Bevölkerung zu großen Veränderungen in ihrer Lebensweise, ja auch zum Verlassen ihrer Heimat zwingen wird. Das führt zu Flüchtlingsströmen, die nicht nur regional begrenzt sein werden. Nicht nur untergehende Inselstaaten wie Tuvalu müssen neuen Lebensraum für ihre Bevölkerung finden, sondern Staaten müssen die Klimaflüchtlinge auch aufnehmen. Die internationale Gemeinschaft wird nicht nur Umsiedlungen finanziell unterstützen, Anpassungen an die veränderten Klimabedingungen möglich machen, sondern auch kriegerische Auseinandersetzungen um fruchtbares Land oder sauberes Trinkwasser schlichten und militärisch beenden müssen. Professor Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik macht am Beispiel Afrikas deutlich, was auf die internationale Gemeinschaft, und das heißt auf uns, zukommt:

"Das südliche Afrika wird betroffen sein von der Trinkwasserproblematik, es wird betroffen sein von der Ernährungsproblematik, es wird betroffen sein von der Migrationsproblematik und diese Region hat schon heute in all diesen drei Bereichen enorme Schwierigkeiten und jetzt packen sie das ganze Päckchen noch mal mit drauf, dann könnten wir es mit zerfallenden Regionen zu tun haben. Das wird sich übersetzen mit Herausforderungen an das internationale System die sich gewaschen haben."

Nicht nur in Afrika, auch in Asien und in Südamerika gibt es Regionen, deren Zukunft auf dem Spiel stehen. Der Bedrohung sind sich diese Länder auch bewusst, und es sind vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer, die sich auf große Veränderungen vorbereiten müssen. Sie liegen vor allem in den Tropen und gerade dort werden nach einer Modellstudie der Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) bis 2100 auf 39 Prozent der globalen Landflächen völlig neuartiger Klimate entstehen. Mit den massiven Veränderungen in den Polargebieten könnten auf 48 Prozent der Landflächen die bisherigen Klimate verschwinden und durch andere ersetzt werden. Landwirtschaftliche Nutzflächen werden abnehmen und das bei wachsender Weltbevölkerung. Das bedeutet, es geht um intelligentes Management in der Land- und Wasserwirtschaft, in der Entwicklung von Infrastruktur und das heißt auch in der Entwicklung der Energieversorgung. Wir müssen mit unseren Ressourcen haushalten, aus weniger mehr machen, das heißt wir müssen nachhaltig damit umgehen. Nur so ist wirtschaftliche Entwicklung, Wirtschaftswachstum möglich, ohne dass der Ausstoß der Treibhausgase im gleichen Maße wächst. Professor Dirk Messner, der Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für globale Umweltfragen. Wie man diese Transformation zu Stande bringt, das ist nicht leicht, aber möglich, sagt er:

"Ja ich glaube da muss man dicke Bretter bohren und auf Langfristigkeit setzen. Wir haben es hier mit Ländern zu tun die sehr anspruchsvoll sind, in denen wir es auch mit sehr qualifizierten Wissenschaftlern zu tun haben, Politikern zu tun haben, die die internationalen Zusammenhänge kennen. Wir müssen uns hier auch als kooperationsfähig erweisen und Angebote machen im technologischen Bereich, im Bereich der regenerativen Energien, im Bereich der Weiterentwicklung von Umweltpolitiken, die überzeugend sind und Lösungen für chinesische Probleme liefern können und zugleich positive Wirkung auf globale Entwicklungen haben."

Das bedeutet, dass nicht nur die Entwicklungs- und Schwellenländer nachhaltiger mit Ressourcen umgehen und ihr wirtschaftliches Wachstum vom Ausstoß des Treibhausgases abkoppeln, sondern vor allem die Industrieländer mit gutem Beispiel vorangehen müssen. Das wiederum heißt, dass die Technologien von morgen vor allem der Energieproduktion hier bei uns eingesetzt werden müssen. Gerade die Energiewende ist der Kern, wenn es um die Abkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ausstoß der Treibhausgase geht. Deutschland hat sich die Energiewende auf die Fahne geschrieben. Der Anstoß war zwar der Ausstieg aus der Atomenergie, aber eigentlich geht es um eine große Wende. Es geht um mehr Effizienz, mehr Nachhaltigkeit, mehr Verantwortungsbewusstsein den kommenden Generationen gegenüber. Einfach ist das nicht, sagt Ottmar Edenhofer, der Chefökonom des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung:

"Wenn wir darüber nachdenken, ob Deutschland den Atomausstieg sinnvoll bewältigt, dann war mein Vorschlag, wir bräuchten eine Rat für nachhaltige Klima- und Energiepolitik, der die Ziele aufnimmt aber dann eben regelmäßig berichtet an die Exekutive, an das Parlament, an die Öffentlichkeit, ob diese Ziele überhaupt erreicht worden sind, warum sie nicht erreicht wurden. Wir sehen sehr, sehr oft, dass ganze Pakete in der Politik formuliert worden sind und kein Mensch kümmert sich darum, ob die auch nur ansatzweise erfüllt worden sind. Selbst um ein paar andere Technologien einzusetzen, aus der Kernenergie auszusteigen, in die Energiewende einzusteigen, aus einer Kombination Erneuerbaren und Gas, das sind große große Aufgaben zu bewältigen, wir sollten das nicht kleinreden. Es ist aber so: Das kann man nur realisieren wenn man es als Lernprozess versteht."

Diesen Lernprozess, den wollen China und auch die anderen aufstrebenden Staaten abwarten. Das sei die Aufgabe der Industrieländer, die die Hauptverantwortung für die Klimaerwärmung tragen, argumentieren sie und weigern sich, Verpflichtungen bei den Verhandlungen auf UN-Klimagipfeln einzugehen. Vor allem solange die USA nicht bereit sind ihren CO2 Ausstoß verpflichtend zu reduzieren. Auch wenn Todd Stern, der oberste Klimaverhandler des US-Präsidenten Barack Obama die Einigung von Cancun mit unterschrieben hat, werden die USA sich nicht bewegen, wenn es China nicht auch tut. Das macht Todd Stern in einem Hintergrundgespräch im US-Außenministerium in Washington deutlich:

"China ist äußerst wichtig in diesen Diskussionen. Schauen wir uns die Realität an. China hat nicht nur die USA im Wirtschaftswachstum überholt, sondern ist längst auch der größte Emittent des Treibhausgases CO2. Die Tragödie ist, dass unsere Kurven der CO2 Emissionen und die aller entwickelten Staaten relativ flach bleibt, während die Chinas in Sprüngen nach oben schnellt, weil sie eine sehr erfolgreiche Wirtschaft haben. Bei allem Respekt dafür, aber wir können das Problem nicht lösen, wir können das Zwei-Grad-Ziel nicht erreichen, indem wir China so weiter machen lassen."

Während sich die USA und China in einem Patt bewegungsunfähig gegenüberstehen, scheinen zumindest die südamerikanischen Länder Mechanismen des Klimaschutzes eher als Chance denn als Blockade zu verstehen. Brasilien beispielsweise, verpflichtet sich zwar auch nicht auf eine Begrenzung des CO2 Ausstoßes, aber sie zeichnen verantwortlich für das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Erde, für den Amazonas-Regenwald im Herzen des [süd]amerikanischen Kontinents. Dieser Wald ist entscheidend für die Stabilität des Klimas weltweit. Wird er abgeholzt, wird sich das Klima grundlegend ändern. Eine ähnliche Bedeutung hat nur noch der Kongo-Regenwald im Herzen Afrikas. Dass diese Länder den Wald nutzen zur Wertschöpfung ist nachvollziehbar. Die Fragen sind nur, wie sie ihn nutzen und ob er dazu abgeholzt werden muss? Die Vereinbarung "REED plus" - "Reducing Emissions from Deforestation in Developing Countries - wurde in Cancun gefeiert, weil das Programm helfen soll, die Emissionen durch die Entwaldung in Entwicklungsländern zu reduzieren. Auf gut deutsch: Das Programm soll verhindern, dass die Wälder abgeholzt werden. Immerhin hat die Zerstörung der weltweiten Waldgebiete einen Anteil von über 15 Prozent am Treibhauseffekt. Jetzt soll Geld bekommen, wer Waldgebiete schützt. Und gute Beispiele als Vorbild gibt es, sagt Professor Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik:

"In Brasilien haben wir ein positives Beispiel. In Brasilien hat die Bundesregierung nach dem Rio-Gipfel von 1992 beschlossen, ein großes Tropenwaldschutzprogramm für Brasilien aufzulegen und gleichzeitig Angebote im Bereich der ländliche Entwicklung für die Menschen in Brasilien zu machen die bisher im Tropenwald leben und die Wälder abgeholzt haben. Und das hat erstaunlich gut funktioniert, das ist beispielhaft. Die Abholzungsrate in diesen Bereichen, wo das Programm läuft, ist deutlich zurückgegangen, was damit zusammenhängt, dass Alternativen geschaffen wurden [für die, ]die bisher von der Rodung gelebt haben; in der ländlichen Entwicklung im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion die nicht den Wald abholzt, sondern die mit dem Wald arbeitet, die versucht nachhaltige Holzwirtschaft zu betreiben, und das kann funktionieren."

REED plus hat sich dieses Prinzip auf die Fahne geschrieben, aber die Finanzierung, die versprochenen 30 Milliarden Dollar pro Jahr, ist noch immer ungesichert. Und so gehört REED plus auf den Stapel der leeren Versprechen. Unter diesem Stapel ächzt der UN-Klimagipfel in Durban noch bevor er überhaupt begonnen hat. Der illegale Einschlag in Brasilien und anderswo geht weiter. Die Tatsache, dass die Aufforstung von Rodungsflächen nicht als Ziel in REED plus verankert ist, lässt fürchten, dass sich auch an den schon bestehenden Brachflächen nicht viel ändern wird.

Während in Südamerika und Asien die Wälder abgeholzt werden, verbrennen sie in der Polarregion. Das vergangene Jahr 2010 war beispielsweise ein Jahr des Feuers nicht nur in Russland, sondern auch in Alaska. Der für die Arktis so typische Wald mit seinen Nadelbäumen kommt nicht mehr zurück. Alaska verändert sein Gesicht und das hat Folgen und zwar weltweit, betont Theresa Hallingworth. Sie ist Ökologin an der Universität Fairbanks und sie weiß sehr genau wie zerstörerisch die neuen Feuer im borealen Wald sind, weil sie seit Jahren die abgebrannten Flächen kartiert und die Veränderungen auf den Flächen dokumentiert. Diese Feuer brennen nicht nur die Bäume ab, sondern sie fressen sich am Boden auch durch die meterdicke Schicht Moos. Der Permafrostboden ist schutzlos den Temperaturen ausgesetzt, die in den vergangenen 50 Jahren um 2,5 Grad gestiegen sind - so schnell wie nirgendwo sonst auf der Welt. Die Folge: Der Permafrost taut und Milliarden Tonnen des Treibhausgases CO2 werden freigesetzt:

"Wenn diese 40 Prozent des weltweit gebundenen Treibhausgases in die Atmosphäre gehen, dann hat das weltweit riesige Auswirkungen, auch auf Menschen in Deutschland oder in Honolulu."

Knapp 23 Mio. Quadratkilometer Boden, also fast ein Viertel der Landfläche auf der Nordhalbkugel sind permanent gefroren. Bis zum Jahr 2200 werden je nach Szenario 30 bis 60 Prozent des Permafrosts auf unserem Planeten verschwunden sein. Und das bedeutet, dass 190 Milliarden Tonnen Kohlenstoff freigesetzt werden. Das meiste davon bereits in den nächsten 100 Jahren. Das ist ein Fünftel des heutigen Gesamt-CO2-Gehalts der Atmosphäre und das bedeutet, dass [wir], wenn wir einen Maximalwert der Kohlendioxid-Reduktion erreichen wollen, die Emissionen von fossilen Brennstoffen noch weiter herunterschrauben müssen als gedacht. Nur so können wir das zusätzliche CO2 aus dem Permafrost ausgleichen. Die Frage ist nur wie wir den Ausstoß der Treibhausgase reduzieren. Professor Ottmar Edenhofer, der Chefökonom des Instituts für Klimafolgenforschung:

"Das ist die große Herausforderung. Es geht nicht um die Ressourcenknappheit, wir haben eigentlich zu viele fossile Ressourcen. Wir können mit der Kohle die wir noch im Boden haben, noch sehr, sehr lange wirtschaften. Wir könnten sogar die Kohle verflüssigen und daraus Treibstoff gewinnen, wenn das Klimaproblem nicht wäre. Nicht die Ressourcen sind knapp, sondern die Deponie Atmosphäre ist knapp geworden. Und deswegen braucht es jetzt ein Preissignal an der richtigen Stelle. Und dieses Signal muss sein: CO2-Preis. Das muss signalisieren: Die Atmosphäre ist knapp geworden. Der Deponieraum, der Umweltraum, der uns noch für die nächsten 100 Jahre zur Verfügung steht, der ist knapp geworden, und dieser verbleibende Deponieraum muss jetzt gerecht auf die Weltgemeinschaft aufgeteilt werden."

2010 wurden nach Angaben der Internationalen Energieagentur 30,6 Gigatonnen CO2 ausgestoßen - so viel wie nie zuvor, 44 Prozent durch Kohle und 36 Prozent durch Öl. Um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten, dürften die Emissionen bis 2020 nicht mehr steigen, angesichts des Energiehungers und der Motorisierung etwa in China ist das nicht realistisch. Die Vereinbarungen der UN-Klimagipfel von Rio über Kyoto bis nach Cancun haben den Ausstoß des Treibhausgases nicht reduzieren können. Auch wenn die nationalen Klimaprogramme Deutschlands und Großbritanniens zeigen, dass es möglich ist, werden China und die USA sich nicht auf eine so massive Reduktion festlegen lassen. Was können dann UN-Klimagipfel noch erreichen? Der Ökonom Professor Ottmar Edenhofer setzt auf die Überprüfung der Umsetzung von vereinbarten Zielen, den Zielen der "action plans":

"Ja, ob die Action Plans nichts bringen ist durchaus eine offene Frage. Diese Pläne zeigen die Bereitschaft der Regierungen, die sie haben, aber die Regierungen haben offensichtlich große Schwierigkeiten die Pläne umzusetzen und wir müssen lernen, dass es nicht genügt Ziele zu formulieren, sondern dass diese Ziele auch umgesetzt werden müssen. Das ist zwar eine Banalität, aber offenkundig haben viele Regierungen keine Institutionen, die in der Lage sind, das auf eine kraft- und wirkungsvolle Weise umzusetzen."

Solange diese Überprüfung der nationalen Ziele nicht ernsthaft zugelassen wird, solange werden auch die Vereinten Nationen auf ihren UN-Klimagipfeln keinen wirksamen Klimaschutz beschließen können. Solange die einzelnen Nationen ihre nationalen über die globalen Interessen stellen, ist eines klar: Der politische Wille für die Wende fehlt. In diesem Sinne ist die internationale Gemeinschaft seit dem UN-Klimagipfel in Kyoto wohl noch keinen Schritt weitergekommen.

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