Maximytschew: Schönen guten Morgen!
Remme: Ich habe die Äußerungen erwähnt. Sie klingen wahrlich bedeutsam. Ist diese neue Ära in den Beziehungen bereits angebrochen oder ist das noch Wunschdenken?
Maximytschew: Es scheint, dass im Verhältnis Russlands und des Westens wirklich unmittelbar ein Durchbruch bevorsteht. Es ist im Moment aber schwer zu sagen, ob das Wirklichkeit wird. Es scheint, dass der Deutschland-Besuch Präsident Putins, seine Rede vor dem Bundestag, seine ausgestreckte Hand zum gemeinsamen Kampf gegen den internationalen Terrorismus nicht ohne Wirkung blieben. Die Tatsache, dass der Westen und Russland heute einen gemeinsamen Feind haben, ist ausschlaggebend für das neue Bündnis.
Remme: Das heißt, Herr Maximytschew, diese Entwicklung wäre ohne den 11. September nicht denkbar gewesen?
Maximytschew: Denkbar war es schon, aber die Entwicklung der letzten Jahre hat nicht gezeigt, dass der Westen die Bedeutung Russlands voll erfasst, die internationale Stabilität und Sicherheit in der Welt. Es ist tragisch, dass es eben die Ereignisse vom 11. September waren, die den Westen zu diesem Verständnis gebracht haben. Jetzt haben wir aber eine neue Lage. Wir haben wirklich einen gemeinsamen Feind. Es wäre naiv zu glauben, dass ab morgen heiterer Sonnenschein in der Wechselbeziehung Russlands zum Westen herrschen würde, aber wir stehen vor einem Durchbruch.
Remme: Herr Maximytschew, wie kann diese Annäherung zwischen beiden Seiten konkret aussehen?
Maximytschew: Das ist schwierig zu sagen. Wissen Sie, seit Jahren fordert Russland den Westen auf, die russischen politischen, wirtschaftlichen sowie Sicherheitsinteressen zu berücksichtigen. Bis vor kurzem stießen diese Appelle auf die tauben Ohren. Auch heute wissen wir zum Beispiel nicht, ob der Westen seine Pläne der weiteren Osterweiterung der NATO ungeachtet des negativen Verhaltens Russland beibehält. Eben in solchen Fällen wird sich die Festigkeit der antiterroristischen Einheitsfront manifestieren.
Remme: Aber gestern sagte doch Präsident Putin - zumindest hatte es den Anschein -, das Russland bereit sei, die russische Skepsis in Sachen NATO-Osterweiterung zu überdenken. Halten Sie das für möglich?
Maximytschew: Der Präsident hat unterstrichen, dass dieses Überdenken möglich ist, wenn die NATO sich in Richtung der politischen Union, des politischen Bündnisses entwickelt. Er war bereit, diese Entwicklung mitzumachen und die politischen Beziehungen mit der NATO zu unterhalten, zu entwickeln, breiter zu gestalten. In Bezug auf die Osterweiterung hat er jedoch die negative Haltung Russlands bestätigt.
Remme: Russland - so wird es gemeldet - ist nicht gewillt, seinen Luftraum zum Beispiel für Flüge US-amerikanischer Militärmaschinen zur Verfügung zu stellen. Zuvor hatte wohl die amerikanische Seite um eine Genehmigung ersucht, Luftkorridore nutzen zu dürfen. Herr Maximytschew, werden da nicht ganz schnell die Grenzen des gegenseitigen Vertrauens sichtbar?
Maximytschew: Nur die Praxis, nur die Zusammenarbeit, nur das Zusammenwirken kann dieses Vertrauen schaffen. Wir hatten die Möglichkeit, eine neue Welt zu schaffen, eine Wende zu dieser Welt nach 1990. Seitdem sind zehn, ja schon elf Jahre vergangen und das neue Verhältnis zwischen dem Westen und Russland ist nicht die Realität geworden. Heute stehen wir vor einer ähnlichen Möglichkeit, diese neue Welt zu schaffen. Es wird von beiden Seiten abhängen, dass wir eben dieses Ziel erreichen.
Remme: Welchen Beitrag kann Russland denn zu den gegenwärtigen Bemühungen im Kampf gegen den Terror leisten?
Maximytschew: Diese Möglichkeiten sind beträchtlich, jedenfalls was Afghanistan anbetrifft. So unterstützt Russland und wird seine Unterstützung auch breiter gestalten die Nordallianz, also diese inneren Feinde der Taliban, die im Zuge sind, eine neue Angriffsoperation gegen die Taliban zu führen. Russland ist auch bereit, gegen den internationalen Terrorismus vorzugehen. In diesem Sinne ist schon der Austausch von Informationen der Geheimdienste vereinbart und ist schon im Flusse. Auch alle anderen Informationen können zur Verfügung gestellt werden. Ich glaube das ist nicht die Grenze der Zusammenarbeit, wenn die beiden Seiten wirklich ernst diesen Schulterschluss aufnehmen werden.
Remme: Ich habe das Interview mit dem amerikanischen Außenminister Colin Powell erwähnt. Er hat gestern auf die Frage einer russischen NATO-Mitgliedschaft gesagt, in diesen Tagen ist nichts unmöglich. Herr Maximytschew, steht das Thema auf der Tagesordnung?
Maximytschew: Jedenfalls hat Präsident Putin noch einmal bestätigt, dass dies möglich wäre. Obwohl ein formaler Antrag seitens Russlands nicht vorliegt, ist diese Möglichkeit von den Russen immer wieder ins Gespräch gebracht. Das ist aber die Frage der Zukunft. Wir haben sehr wenig Zeit zur Verfügung, wenn wir von dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus sprechen. Die Terroristen werden bald erneut zuschlagen. Wann, wie und wo weiß keiner. Deshalb erfordert das unmittelbar die Zusammenarbeit, eine effektive Zusammenarbeit aller, die gegen den Terrorismus sind, also der ganzen zivilisierten Welt. Deshalb kann man diese theoretischen Fragen im Moment noch nicht konkret anfassen. Das ist das Problem der Zukunft.
Remme: Igor Maximytschew war das, der Politologe aus Moskau. Er arbeitet am Europainstitut der russischen Akademie der Wissenschaften. Herr Maximytschew, ich bedanke mich für das Gespräch!
Link: Interview als RealAudio
Remme: Ich habe die Äußerungen erwähnt. Sie klingen wahrlich bedeutsam. Ist diese neue Ära in den Beziehungen bereits angebrochen oder ist das noch Wunschdenken?
Maximytschew: Es scheint, dass im Verhältnis Russlands und des Westens wirklich unmittelbar ein Durchbruch bevorsteht. Es ist im Moment aber schwer zu sagen, ob das Wirklichkeit wird. Es scheint, dass der Deutschland-Besuch Präsident Putins, seine Rede vor dem Bundestag, seine ausgestreckte Hand zum gemeinsamen Kampf gegen den internationalen Terrorismus nicht ohne Wirkung blieben. Die Tatsache, dass der Westen und Russland heute einen gemeinsamen Feind haben, ist ausschlaggebend für das neue Bündnis.
Remme: Das heißt, Herr Maximytschew, diese Entwicklung wäre ohne den 11. September nicht denkbar gewesen?
Maximytschew: Denkbar war es schon, aber die Entwicklung der letzten Jahre hat nicht gezeigt, dass der Westen die Bedeutung Russlands voll erfasst, die internationale Stabilität und Sicherheit in der Welt. Es ist tragisch, dass es eben die Ereignisse vom 11. September waren, die den Westen zu diesem Verständnis gebracht haben. Jetzt haben wir aber eine neue Lage. Wir haben wirklich einen gemeinsamen Feind. Es wäre naiv zu glauben, dass ab morgen heiterer Sonnenschein in der Wechselbeziehung Russlands zum Westen herrschen würde, aber wir stehen vor einem Durchbruch.
Remme: Herr Maximytschew, wie kann diese Annäherung zwischen beiden Seiten konkret aussehen?
Maximytschew: Das ist schwierig zu sagen. Wissen Sie, seit Jahren fordert Russland den Westen auf, die russischen politischen, wirtschaftlichen sowie Sicherheitsinteressen zu berücksichtigen. Bis vor kurzem stießen diese Appelle auf die tauben Ohren. Auch heute wissen wir zum Beispiel nicht, ob der Westen seine Pläne der weiteren Osterweiterung der NATO ungeachtet des negativen Verhaltens Russland beibehält. Eben in solchen Fällen wird sich die Festigkeit der antiterroristischen Einheitsfront manifestieren.
Remme: Aber gestern sagte doch Präsident Putin - zumindest hatte es den Anschein -, das Russland bereit sei, die russische Skepsis in Sachen NATO-Osterweiterung zu überdenken. Halten Sie das für möglich?
Maximytschew: Der Präsident hat unterstrichen, dass dieses Überdenken möglich ist, wenn die NATO sich in Richtung der politischen Union, des politischen Bündnisses entwickelt. Er war bereit, diese Entwicklung mitzumachen und die politischen Beziehungen mit der NATO zu unterhalten, zu entwickeln, breiter zu gestalten. In Bezug auf die Osterweiterung hat er jedoch die negative Haltung Russlands bestätigt.
Remme: Russland - so wird es gemeldet - ist nicht gewillt, seinen Luftraum zum Beispiel für Flüge US-amerikanischer Militärmaschinen zur Verfügung zu stellen. Zuvor hatte wohl die amerikanische Seite um eine Genehmigung ersucht, Luftkorridore nutzen zu dürfen. Herr Maximytschew, werden da nicht ganz schnell die Grenzen des gegenseitigen Vertrauens sichtbar?
Maximytschew: Nur die Praxis, nur die Zusammenarbeit, nur das Zusammenwirken kann dieses Vertrauen schaffen. Wir hatten die Möglichkeit, eine neue Welt zu schaffen, eine Wende zu dieser Welt nach 1990. Seitdem sind zehn, ja schon elf Jahre vergangen und das neue Verhältnis zwischen dem Westen und Russland ist nicht die Realität geworden. Heute stehen wir vor einer ähnlichen Möglichkeit, diese neue Welt zu schaffen. Es wird von beiden Seiten abhängen, dass wir eben dieses Ziel erreichen.
Remme: Welchen Beitrag kann Russland denn zu den gegenwärtigen Bemühungen im Kampf gegen den Terror leisten?
Maximytschew: Diese Möglichkeiten sind beträchtlich, jedenfalls was Afghanistan anbetrifft. So unterstützt Russland und wird seine Unterstützung auch breiter gestalten die Nordallianz, also diese inneren Feinde der Taliban, die im Zuge sind, eine neue Angriffsoperation gegen die Taliban zu führen. Russland ist auch bereit, gegen den internationalen Terrorismus vorzugehen. In diesem Sinne ist schon der Austausch von Informationen der Geheimdienste vereinbart und ist schon im Flusse. Auch alle anderen Informationen können zur Verfügung gestellt werden. Ich glaube das ist nicht die Grenze der Zusammenarbeit, wenn die beiden Seiten wirklich ernst diesen Schulterschluss aufnehmen werden.
Remme: Ich habe das Interview mit dem amerikanischen Außenminister Colin Powell erwähnt. Er hat gestern auf die Frage einer russischen NATO-Mitgliedschaft gesagt, in diesen Tagen ist nichts unmöglich. Herr Maximytschew, steht das Thema auf der Tagesordnung?
Maximytschew: Jedenfalls hat Präsident Putin noch einmal bestätigt, dass dies möglich wäre. Obwohl ein formaler Antrag seitens Russlands nicht vorliegt, ist diese Möglichkeit von den Russen immer wieder ins Gespräch gebracht. Das ist aber die Frage der Zukunft. Wir haben sehr wenig Zeit zur Verfügung, wenn wir von dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus sprechen. Die Terroristen werden bald erneut zuschlagen. Wann, wie und wo weiß keiner. Deshalb erfordert das unmittelbar die Zusammenarbeit, eine effektive Zusammenarbeit aller, die gegen den Terrorismus sind, also der ganzen zivilisierten Welt. Deshalb kann man diese theoretischen Fragen im Moment noch nicht konkret anfassen. Das ist das Problem der Zukunft.
Remme: Igor Maximytschew war das, der Politologe aus Moskau. Er arbeitet am Europainstitut der russischen Akademie der Wissenschaften. Herr Maximytschew, ich bedanke mich für das Gespräch!
Link: Interview als RealAudio
