Samstag, 10. Dezember 2022

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Naher Osten
Die Vorläufer des Islamismus

Die Gewaltgeschichte im Nahen Osten habe eine lange Vorgeschichte, so der Autor Kersten Knipp im DLF. Sie beginne bereits mit dem Einmarsch Napoleons 1798 in Ägypten. Die Bevölkerung dort sah sich mit einem modernen Lebensstil konfrontiert - und reagierte mit einer religiösen Neubesinnung. "Das ist die Urszene der jüngsten Konflikte."

Kersten Knipp im Gespräch mit Karin Fischer | 15.01.2017

    Die Wucht der heutigen Gewalt im Nahen Osten sei historisch begründbar, so der Journalist und Autor des Buches "Nervöser Orient. Die arabische Welt und die Moderne". Er betonte aber auch: Der Nahe Osten habe "seine eigenen Schurken" gehabt, die die Region sehr lange im Griff hatten, "die auf sie eingeschlagen haben".
    Als Beispiele nannte er den früheren Präsidenten und Premierminister des Irak, Saddam Hussein, und den syrischen Machthaber Baschar al-Assad. "Das sind die größten Schlächter der Region, die in großer Weise selbst dafür verantwortlich sind für das, was dort passiert."
    "Die Urszene der jüngsten Konflikte"
    Einen ersten Kontakt zwischen der arabischen Welt und dem Westen habe es 1798 gegeben, als Napoleon nach Ägypten einmarschiert und auf wenig Gegenwehr getroffen sei. Er habe das osmanische Heer ohne Widerstand nehmen können - was zu Selbstzweifeln der Ägypter geführt habe. "Das ist die Urszene der jüngsten Konflikte, in denen der Westen im Nahen Osten präsent ist", so Kersten Knipp.
    Das Weltbild der Ägypter wäre durch den Kontakt mit den Franzosen "schwer in Erschütterung geraten." Sie hätten gesehen, dass die Menschen aus dem Westen "merkwürdige Dinge" tun: Schweinefleisch essen, sich die Zeit mit nutzlosen Dingen wie Musik oder Spiel vertreiben, die Frauen unverhüllt auf die Straße lassen. Trotz dieser ungewohnten Lebensweise wussten sie, dass die Franzosen eine sehr hochstehende Zivilisation hatten.
    Austausch mit Paris
    Die Ägypter hätten daraufhin Delegationen junger Studenten nach Paris geschickt, um zu schauen, wie dort das Leben organisiert sei. Diese Besuche hätten sich über Jahrzehnte erstreckt und die Studenten seien in Kontakt mit den Ausläufern der Aufklärung und mit religionskritischen Schriften gekommen, deren Argumente nur schwer zu widerlegen gewesen seien.
    "Man spürt hier, man will eigentlich glauben, die Ägypter wollen ihre Weltsicht weiter aufrecht erhalten. Sie sehen aber, es ist kaum möglich angesichts dieser Argumente. Und das sind natürlich Erschütterungen, die direkt ins Weltbild einer Region zielen. Und so entstehen Stück für Stück die allerzartesten Vorläufer des Islamismus - zumindest einer religiösen Neubesinnung."

    Das vollständige Gespräch können Sie mindestens sechs Monate nach der Sendung im Audio-On-Demand-Angebot nachhören.