Dienstag, 27. September 2022

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Neu im Kino
Journalisten-Thriller, Sportfilm und energiegeladener Jugendfilm

Christoph Hochhäusler, als Mitbegründer der Berliner Schule abonniert auf intellektuelles, kühles Arthouse-Kino, hat mit "Die Lügen der Sieger" einen saftigen Reporter-Genrefilm gedreht. Außerdem diese Woche neu im Kino: "City of McFarland", ein Sportfilm mit Kevin Costner, und "Trash", gedreht von "Billy Elliot"-Regisseur Stephan Daldry.

Von Hartwig Tegeler | 17.06.2015

    Florian David Fitz in "Die Lügen der Sieger"
    Florian David Fitz als Journalist Fabian Groys in "Die Lügen der Sieger". (picture alliance / dpa / Foto: Heimatfilm GmbH&Co.KG /NFP)
    Die Welt in Niki Caros Film "City of McFarland" ist einfach strukturiert: Die meisten kommen in dieser Stadt im kalifornischen Central Valley aus Mexiko oder Lateinamerika, und sie schuften auf den Feldern. Ein Schüler von Jim White bringt´s auf den Punkt:
    "Niemand bleibt in McFarland, wenn er nicht muss. Diese Stadt hat nichts vom amerikanischen Traum."
    Und doch wird Jim White alias Kevin Costner eben genau davon etwas wiederbeleben, vom amerikanischen Traum, indem der Sportlehrer seine Latino-Schüler in der Tristesse von McFarland zum Geländelauf motiviert. Trotz aller Widrigkeiten bis zur Turnierreife.
    "Du bist ein bisschen fett, okay. Also, du musst ein bisschen abspecken. Also los geht´s."
    Ob in "Feld der Träume", "Tin Cup" oder "Aus Liebe zum Spiel": Kevin Costner hat immer wieder in Sportfilmen gespielt, diesem Genre, das prädestiniert ist dafür zu zeigen, wie man es von unten nach oben schafft. Du musst nur alles geben, sagen diese Filme. Und dass ein Disney-Film diese Sportvariante des "American Dream" erzählt, ist nun keine Überraschung.
    Trotzdem schafft es die neuseeländische Regisseurin Niki Caro - sie hat "Whale Rider" und das Drama "Kaltes Land" inszeniert -, Niki Caro schafft es, auch unter der Disney-Ägide die sozialen Risse zwischen dem weißen und dem Latino-Amerika zu zeigen im diesen sonnigen oder besser: in diesem Glutofen Kalifornien.
    Jim White, der Sportlehrer, den´s nach McFarland verschlagen hat, ist übrigens auch ein Gescheiterter. Insofern dürfen er und seine Latino-Schüler sich gemeinsam am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen.
    "City of McFarland" - von Niki Caro - nicht zu süß und deswegen empfehlenswert.
    "Trash"
    Die Welt oder genauer das Brasilien in Stephen Daldrys Film "Trash" hat klare soziale Grenzlinien: oben, unten. Hier die Mülldeponie mit ihren Müllsammlern, da, irgendwo jenseits der Favelas, die Reichen. Und dazwischen der amerikanische Missionar und seine Mitarbeiterin, gespielt von Martin Sheen und Rooney Mara, die mit ihren kleinen Rollen in "Trash" für die Einnahmen auch auf dem US-amerikanischen Kinomarkt sorgen sollen.
    Also: Raphael, 14 Jahre alt, und seine beiden Freunde Gardo und Rato - Müllsammler -, geraten nach dem Fund einer Geldbörse in eine lebensgefährliche Intrige, in der korrupte Politiker und Killer-Polizisten die Fäden in der Hand haben. Bis die drei Jungen ihnen das Handwerk zu legen versuchen, unter anderem mit ein wenig Mithilfe der US-Lehrerin, die ihren sozialen Job in den Favelas macht:
    "Wir brauchen dich. Wir wollen dich um einen Gefallen bitten. - Die Polizei kommt her, nimmt eine Knarre, legt ihn um. - Rata ist in Gefahr, Miss Olivia."
    "Trash" ist die Verfilmung des gleichnamigen Jugendromans von Andy Mulligan und wird in den Händen von "Billy Elliot"-Regisseur Stephan Daldry zu spannendem, energiegeladenem Kino. Natürlich erinnern diese Bilder des brasilianischen Kino-Slums mit den engen Gassen, durch die die drei Jungen toben, flüchten und den erwachsenen Bösewichtern die Nase zeigen an wenig an den "Slumdog Millionär", da in den indischen Slums. Aber die quirlige Lebensenergie der jugendlichen Helden, von der die Faszination solcher Filme ausgeht, sorgt auch dafür, dass das soziale Elend hinter der Exotik der Bilder zurückweicht und im sonnendurchfluteten Ende von "Trash" vollkommen verschwunden ist. Mag sein, dass Stephan Daldry für das jugendliche Publikum eine erträgliche Mischung aus sozialer Tristesse und Kino-Suspense gesucht hat.
    "Trash" von Stephan Daldry - ein wenig widersprüchlich, aber empfehlenswert.
    "Die Lügen der Sieger"
    "Man ist immer noch so gut wie seine letzte Geschichte!"
    Das mag ja noch richtig sein. Aber ansonsten ist die Welt in Christoph Hochhäuslers Journalisten-Thriller "Die Lügen der Sieger" nur scheinbar klar strukturiert. Starreporter Groys - charmant, schlitzohrig, einsamer Wolf, Zocker, Womanizer, Florian David Fitz - und die Volontärin des Nachrichtenmagazins sind einer Story auf der Spur:
    "Auf jeden Fall geht es da auch um Giftmüll!"
    Um Giftmüll, die chemische Industrie und die Bundeswehr geht es, die ausrangierte Soldaten in Chemiewerken unterbringt. Dann gibt es in "Die Lügen der Sieger" noch die Gegner.
    "Groys hat Material zugespielt bekommen. Ich will natürlich wissen, was die haben. Noch heute. Wie Sie das machen, das interessiert mich nicht."
    Lobbyisten in grauen Büros und Besprechungszimmern, von wo aus diese Bluthunde der Mächtigen ihre schmutzigen Jobs tun.
    "Vorschläge? - Dahin gehen, wo´s wehtut."
    Doch im Laufe dieses hinterhältigen Films verwischen dies klaren Grenzen zwischen Gut und Böse. Wer wem in die Hände spielt, welche Story wahr oder untergeschoben ist, das verschwimmt im diffusen Grau. Der journalistische Held und Welten-Aufklärer, wie er noch zurzeit der Watergate-Affäre in "Die Unbestechlichen" präsentiert wurde, Christoph Hochhäusler zitiert ihn nur noch als Genreversatz-Stück. In Wahrheit versteht auch dieser Typ am Ende nicht, wer die Macht ausübt im gesellschaftlichen Spiel. Schlimmer: Ihn interessiert es auch nicht mehr in seinem Zynismus. Die nächste Story wartet.
    "Die Lügen der Sieger" von Christoph Hochhäusler - herausragend.