Neue EKD-VorsitzendeWer ist Annette Kurschus?

Annette Kurschus ist neue Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie repräsentiert die rund 20 Millionen Protestanten in Deutschland und ist damit die wichtigste öffentliche Stimme der evangelischen Kirche. Kurschus ist nach Margot Käßmann die zweite Frau in dem Amt.

11.11.2021

Annette Kurschus, neu gewählte Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
Annette Kurschus gilt als ausgezeichnete Rednerin, aber auch als authentisch und bodenständig (dpa-Bildfunk / Sina Schuldt)
Die Synode der EKD hat die 58 Jahre alte Annette Kurschus auf ihrer digitalen Tagung neuen EKD-Ratsvorsitzenden gewählt. Sie tritt die Nachfolge des scheidenden Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm an. Ihre Stellvertreterin ist die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs.
Annette Kurschus wurde als Tochter eines evangelischen Pfarrers* 1963 in Rotenburg an der Fulda geboren. Nach dem Studium der evangelischen Theologie wurde sie Pfarrerin, dann Superintendentin und schließlich Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, ein Amt, das dem einer Bischöfin entspricht. Bundesweit bekannt wurde Kurschus im Jahr 2015 durch ihre Ansprache im Kölner Dom bei einer Trauerfeier nach dem Absturz einer Germanwings-Maschine.

Was zeichnet Annette Kurschus aus?

Annette Kurschus gilt als ausgezeichnete Rednerin, als charismatisch, als eine Geistliche, die in schwierigen Situationen die passenden Worte findet. Sie ist authentisch, bodenständig und strahlt Optimismus aus. Ein wichtiger Punkt ist auch ihr starkes theologisches Fundament. Wenn sie sich in öffentliche Debatten einmischt, bindet sie das an die christliche Botschaft. Kürzlich wurde sie mit einem ökumenischen Predigtpreis für ihr Lebenswerk geehrt. Dabei wurde besonders die Predigt hervorgehoben, die sie bei der Trauerfeier für die Toten des Germanwings-Absturzes gehalten hat.
Ebenso wie ihr Vorgänger Heinrich Bedford-Strohm mischt sich Kurschus politisch ein. Evangelisch sein heißt für sie, auch politisch zu sein. Sie betont allerdings, dass sie Politikerinnen und Politikern nicht sagen möchte, wo es langgeht. Zu ihren wichtigsten politischen Anliegen zählt der Klimaschutz.
22.06.2019, Nordrhein-Westfalen, Dortmund: Annette Kurschus, Präses der evangelischen Kirche in Westfalen, nimmt am 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag teil. 
Kurschus (EKD): "Menschen setzen sich gegenseitig herab"
Der Diskurs in Deutschland schwinde, beklagte Annette Kurschus 2019 im Deutschlandfunk. Es gebe keine Toleranz mehr, dass es auch andere Meinungen geben könnte - niemand dürfe aber andere verunglimpfen.

Was sind die wichtigsten Aufgaben für die neue EKD-Vorsitzende?

Ihre wichtigste Aufgabe ist die Aufarbeitung der Missbrauchsskandale in der Evangelischen Kirche. Das will sie zur Chefinnensache machen - es unterscheidet sie von ihrem Vorgänger. Bisher hat sich die Evangelische Kirche dem Thema noch nicht ehrlich gestellt. Betroffene sprachen bei der Synode davon, dass bisher Wesentliches versäumt worden sei. Es bleibt abzuwarten, ob die Forderung der Betroffenen, an der Aufarbeitung beteiligt zu werden, institutionell umgesetzt werden kann.
EKD-Schriftzug
Zwischenbilanz - Missbrauchsskandal in der EKD
Experten, die sich seit Jahrzehnten mit dem Thema sexualisierte Gewalt in Institutionen beschäftigen, äußern ihre ganz persönliche Sicht auf Erfahrungen mit der Institution Kirche.
Kurschuss tritt das Amt zudem in Zeiten sinkender Mitgliederzahlen in der Evangelischen Kirche an. Es gibt eine Prognose, dass sich die Mitgliedszahlen bis 2060 halbieren werden. Die Evangelische Kirche muss sich daher fragen, worauf sie sich in Zukunft fokussieren will; ob sie den Akzent auf die Gemeindearbeit setzt und wie sie junge Leute stärker für sich gewinnen will. Kurschuss hat dem Reformkurs schon einen Leitsatz gegeben: "Wir müssen dahin, wo die Menschen sind."
Eine Frau vor einer Holzwand hat ihre Hand zu einer Stopp-Geste ausgestreckt, und verdeckt so ihr Gesicht.
Sexualisierte Gewalt - Betroffene kämpfen um Sichtbarkeit
Katharina Kracht engagiert sich im Betroffenenbeirat der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie hat ihre Geschichte öffentlich gemacht, zunächst im Schutz eine Pseudonyms, dann unter ihrem richtigen Namen.

Welche Reaktionen gab es auf die Wahl Kurschus'?

Zu ihrer Wahl gratulierten Annette Kurschus die Bischofskonferenz, der Zentralrat der Juden, der Bundespräsident. Aber auch innerhalb der Evangelischen Kirche haben sich einige Stimmen zu Wort gemeldet. So hat sich ihr Vorgänger im Amt, Heinrich Bedford-Strohm, sehr wohlwollend geäußert. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass ihre Wahl innerhalb der Evangelischen Kirche sehr gut aufgenommen wurde.
Auch die neue Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Anna Nicole Heinrich, sicherte Kurschus ihre Unterstützung und die der anderen Ratsmitglieder zu. "Wir wuppen das zusammen." Daran sieht man, dass es jetzt auf Teamarbeit hinauslaufen wird. Heinrich ist 25 Jahre alt, erst seit einem halben Jahr im Amt und hatte bei dieser Synode ihren ersten großen Auftritt.
Quellen: Christiane Florin, Sandra Stalinski, dpa

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