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StartseiteMarkt und MedienMehr Bewegung in Richtung Profit17.10.2015

Neue "Euronews"-ZentraleMehr Bewegung in Richtung Profit

Naguib Sawiris, Milliardär aus Kairo, hat Anfang des Jahres für 35 Millionen Euro 53 Prozent der Anteile an dem paneuropäischen Nachrichtensender "Euronews" erworben. Zur Einweihung der neuen Zentrale in Lyon beschreibt er, was er von seinem Sender erwartet.

Von Ursula Welter

"Euronews"-Hauptzentrale in Lyon (picture alliance / dpa / Joel Philippon)
"Euronews"-Hauptzentrale in Lyon (picture alliance / dpa / Joel Philippon)
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Im Schneideraum gibt Kirsten Ripper die Anweisungen, die Deutsche ist seit 1993 mit dabei. Das flammneue Gebäude von "Euronews", das die Stararchitekten Jakob, McFarlane gebaut haben, steht auf der Landzunge am Zusammenfluss von Rhône und Saône, in einer ehemaligen Industriezone von Lyon.

"Wir machen jetzt was zur Flüchtlingskrise und Angela Merkel."

Die Nachrichtenchefin ruft in den Newsroom, elf Redakteure erscheinen mit Notizblöcken, elf Sprachen versammeln sich um die Bildschirme:

"Da schreibt jeder seine eigene Fassung, die übersetzen nicht."

Budapest und Athen werden zugeschaltet. 1600 Mitarbeiter hat Euronews weltweit, allein in Lyon 400 festangestellte, 200 freie Journalisten. Menschen aus 25 Ländern arbeiten für den mehrsprachigen Sender, der sich selbst neutral nennt.

Viele Länder sind Anteilseigner

Anteilseigner sind öffentliche TV-Stationen unter anderem aus Frankreich, Italien, Griechenland, aber auch das russische Fernsehen, das türkische, das schweizer. Deutschland ist nicht dabei, Spanien ist gerade ausgestiegen.

Und seit Kurzem gehören 53 Prozent der Anteile von "Euronews" dem ägyptischen Milliardär Naguib Sawiris. Neben Sawiris sitzt Michael Peters, der "Euronews"-Geschäftsführer hat deutsche Wurzeln, spricht aber anders als der ägyptische Geldgeber kaum deutsch.

Sawiris ist koptischer Christ, einer der reichsten Männer Ägyptens, Chef eines weltweit agierenden Telekommunikationskonzerns. Gerade ist der mehrsprachige Ägypter zum Aufsichtsratsvorsitzenden des Senders gewählt worden, hat versichert, dass er keinen Einfluss auf die journalistischen Belange nehmen will. Aber im Gespräch mit unserem Programm macht Naguib Sawiris klar, dass er genaue Vorstellungen hat:

"Was fehlt, ist wirklich so eine Vitalität, das Wichtigste ist, dass alle Reporter engagiert sind, und nicht nur Linguistik liefern. Dass wir die News geben, wie es bislang der Fall ist. Aber dass auch Meinungen dazu kommen, dass man engagiert ist."

Reichweite von 420 Millionen Haushalten

Seine Reichweite gibt der paneuropäische Sender mit 420 Millionen Haushalten weltweit an. Aber das reine Nachrichtenkonzept geht nicht auf, ja, man könne es langweilig nennen, stimmt Sawiris zu. Ein Jahresverlust von zehn Millionen Euro steht dafür. Schluss mit dem reinen Infokanal, sagt der ägyptische Investor und Geschäftsführer Peters will dazu ein Detailkonzept bis Ende des Jahres vorlegen.

Wie aber kann Sawiris von Unabhängigkeit des Senders reden, obwohl es firmengesponserte Inhalte gibt, manches Länderporträt von interessierter Seite bestellt wird und die Produktionskosten dafür vom Auftraggeber übernommen werden?

"Wenn ein Land zum Beispiel versucht, dass wir etwas zeigen, was nicht die Wahrheit ist oder nur ihr Interesse zu bewerben, dann haben wir immer das Recht, zu sagen, wir machen das nicht und dann machen wir es nicht. Aber sagen wir, jetzt kommt ein Land und sagt, wir wollen einen Bericht über Tourismus machen, was haben wir da zu verlieren? Dann zeigen wir alles, was schön ist in diesem Land und die zahlen dafür, das ist ein eigenes Geschäft."

Gefährlicher sei es, wenn in politischen Auseinandersetzungen wie im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ein Land, einer der Anteilseigner eine bestimmte Darstellung der Lage bestelle, da müsse die journalistische Professionalität davor sei.

25 Millionen jährlich von der Europäischen Union

Und wie steht es mit jenen 25 Millionen Euro jährlich, die "Euronews" aus den Töpfen der Europäischen Union erhält? Immerhin ein Drittel des Jahresbudgets des Senders. Lässt sich damit unabhängiger Journalismus realisieren? Sawiris sieht da kein Problem, er hoffe sogar, dass das Geld aus Brüssel weiter fließe:

"Unser Ziel in finanzieller Hinsicht ist aber, wenn das eines Tages stoppt, dass die Station nicht in den Eimer geht. Mein Beitrag ist, das Potenzial von "Euronews" herauszubringen, sodass es finanziell selbstständig sein kann. Dann sind wir wirklich frei, wenn die EU sagt, genug ist genug, wir machen nicht mehr. Dass wir bleiben können und nicht verschwinden."

Für die Macher im Newsroom kommt es jetzt vor allem darauf an, dass die Zukunftsmärkte gesichert werden, wie der Investor und die Geschäftsleitung es versprochen haben. Aus dem TV-Sender, der Inhalte ins Netz stellt, soll ein Sender werden, der spezielle Inhalte für die verschiedenen Plattformen und für die sozialen Netzwerke bereit stellt. Der neue Mehrheitsaktionär aus Ägypten will jedenfalls für seine 35 Millionen Euro auch Profit sehen.

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