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Von Angst und Träumen

Bereits im Januar 2015 ist auf dem Sundance Film Festival der Horrorfilm "The Witch" vorgestellt und mit dem Regiepreis ausgezeichnet worden. Nachdem er im Anschluss auf rund einem Dutzend Festivals gezeigt wurde, startet der Streifen jetzt auch in den deutschen Kinos. Außerdem laufen in dieser Woche die französische Komödie "Nur Fliegen ist schöner" und der Dokumentarfilm "Die Prüfung" an.

Von Jörg Albrecht | 18.05.2016

Plakatmotiv zu Till Harms Dokumentarfilm "Die Prüfung"
Plakatmotiv zu Till Harms Dokumentarfilm "Die Prüfung" (Kinofreund)
"Die Prüfung" von Till Harms
Die wollen doch nur spielen! Voraussetzung: Man lässt sie auch. In der Hand haben das die Professoren und Dozenten der staatlichen Schauspielschule Hannover. Sie wählen einmal im Jahr fünf Frauen und fünf Männer aus Hunderten Bewerbern für ein Schauspielstudium aus.
"Anna-Lena Hitzfeld, hallo?"
"Ja, Titus Georgi aus Hannover von der Hochschule. Wir wollen dir sehr gerne einen Studienplatz anbieten. Du hast bestanden. Herzlichen Glückwunsch!"
"Ich hätte den gern."
"Ja, wir hätten auch gern, dass du kommst."
Auf Anna-Lena Hitzfeld und neun andere Studenten hat sich das Auswahlgremium geeinigt.
"Man fasst das ja nicht. Die sind von 687 Leuten ... das ist ja wirklich ein Lottogewinn."
Den Weg zu einem der begehrten Studienplätze an der Hochschule, der über einen mehrtägigen Prüfungsmarathon führt, hat der Filmemacher Till Harms dokumentiert. Vor allem den Prüfern und ihrer Entscheidungsfindung gilt dabei Harms' Interesse. Das aber hat er nicht in nachträglich geführten Interviews abgefragt. Sein Dokumentarfilm basiert auf dem Prinzip der Beobachtung und ist dem Direct Cinema verpflichtet.
"Ich habe sie in der Ersten gesehen. Da hat sie die Nina so entspannt ... Ich habe so noch keine Nina gesehen in den ganzen fünf Jahren ... Also für mich ist sie auch ganz oben."
"Also, sie ging mir tierisch auf die Nerven mit ihrer Hysterie. Ich fand die Nina furchtbar."
Während sie ihre teils gnadenlosen Urteile fällen, entlarvt der Film auf amüsante Weise die stets engagierten, hin und wieder auch uneinsichtigen Prüfer selbst und präsentiert ihre Egos. Diese ungeschminkten Innenansichten aus dem Hochschulbetrieb machen "Die Prüfung" zu einem genauso kurzweiligen Vergnügen - vergleichbar mit dem vor einigen Wochen gestarteten Dokumentarfilm "Dirigenten - Jede Bewegung zählt". Man kommt gar nicht umhin, als immer wieder schmunzelnd an Jürgen Vogel und die Eingangsszene aus Sönke Wortmanns "Kleine Haie" zu denken.
"Die Prüfung": herausragend
"Nur Fliegen ist schöner" von Bruno Podalydès
"Was ist das? Baust du ein Flugzeug?"
" Nein, das ist ein Kajak. Ein alter Traum von mir. Und ich bitte dich an diesen Traum zu glauben."
"Ach du Schande! Als du angefangen hast Ukulele zu spielen, hast du mich auch gebeten daran zu glauben."
Rachelle fällt es schwer, den wiederentdeckten Traum ihres Mannes Michel ernst zu nehmen. Und hätte Michel nicht zusammen mit seinen Arbeitskollegen ein paar Tage vorher Palindrome gebildet wie zum Beispiel das Wort Kajak - wer weiß, ob er je seinen alten Traum ausgegraben hätte. Jetzt aber bestimmt das Boot das Leben des 50-jährigen Grafikdesigners. Es bietet ihm die Chance aus der Alltagsroutine auszubrechen. Michels Plan: eine mehrtägige Kajaktour auf einem Fluss.
"Pass auf dich auf!"
"Du auch."
"Und falls ein böser Zufall will, dass ich nicht zurückkomme, sollst du wissen, dass ich sehr glücklich mit dir war."
"Jetzt hör schon auf! Mach nicht so ein Fass auf!"
Wie schon so viele vor ihm, die im Film eine Reise angetreten haben, um sich selbst zu finden, ist auch Michel dann mal weg. Bei ihm ist es allerdings weniger ein "auf zu neuen Ufern" als vielmehr ein "sich treiben lassen". Genau das macht auch den Charme aus von "Nur Fliegen ist schöner", den der französische Filmemacher Bruno Podalydès geschrieben und inszeniert hat und in dem er selbst die Hauptrolle spielt. Er setzt mit seiner entspannten Geschichte und ihrem leisen Humor einen Kontrapunkt zu den ausgelutschten Sinnsuchen im Kino.
"Nur Fliegen ist schöner": empfehlenswert
"The Witch" von Robert Eggers
"Im Wald ist das Böse."
Finster liegt er da. Der Wald als mythologischer Ort prägt zahllose Volksmärchen. In der Geschichte, die Robert Eggers in seinem Regiedebüt "The Witch" erzählt, wird er jedoch nicht von Fantasiewesen bevölkert. Für die englische Siedlerfamilie, die Anfang des 17. Jahrhunderts nach Neuengland kommt, ist das Wesen, das in dem Wald leben soll, der an ihre Farm grenzt, ganz real. Dieses Geschöpf verkörpert die dunkle Macht und steht im Dienste Satans. An seiner Existenz zweifeln der Bauer und seine Familie ebenso wenig wie an der Gottes. So kann es nur sie sein, die dafür verantwortlich ist, als eines Tages der älteste Sohn völlig verstört aus dem Wald zurückkehrt.
"Mutter, was ist mit ihm?"
"Thomasin, bring die Kinder nach draußen!"
"Wer macht das mit dir? Wer macht das?"
"The Witch" als Horrorfilm zu klassifizieren, weckt möglicherweise falsche Erwartungen. Denn mit dem Genrekino, das entweder auf Schockmomente oder aber auf ironische Brechungen setzt, hat der Film nichts gemeinsam. Robert Eggers entwickelt seine Geschichte über religiösen Wahn, Angst und Hysterie als psychologisches Drama vor dem Hintergrund der späteren Hexenprozesse von Salem. Dabei orientiert sich der Regisseur formal an Haneke und Bergman, an Kubrick und Polanski. Große Film-Virtuosen, von deren Könnerschaft Eggers gar nicht so weit entfernt ist.
"The Witch": empfehlenswert