Freitag, 12. August 2022

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Neue Filme
Vom Schlachthof via Cambridge in den Pott

Das Kino bietet in dieser Woche nicht nur einen Film über ein indisches Mathe-Genie, das es nach Cambridge verschlägt, und die Geschichte eines Bergarbeitersohns aus dem Pott, sondern auch eine Kulturgeschichte unserer Nahrungsproduktion. "Die Poesie des Unendlichen", "Junges Licht" und die Dokumentation "Hope for all" stellt Hartwig Tegeler in unserer Rubrik "Neue Filme" heute vor.

Von Hartwig Tegeler | 11.05.2016

    Peter Lohmeyer, Nina Petri, Stephan Kampwirth und Adolf Winkelmann bei der Premiere des Kinofilms Junges Licht im Abaton Cinema Hamburg am 08.05.2016.
    Peter Lohmeyer, Nina Petri, Stephan Kampwirth und Adolf Winkelmann bei der Premiere des Kinofilms Junges Licht (imago / Future Image)
    Hope for All
    Der Ton macht die Musik. Und der Ton von Nina Messingers Dokumentation "Hope for All" ist grauenhaft - im ersten Teil der Doku. Zunächst sehen wir die engelhaft wirkende Primatologin und UN-Botschafterin Jane Goodall:
    "Meine wichtige Botschaft an Sie alle, die den Film sehen, lautet, Sie können etwas bewirken."
    Jetzt folgt Klaviergeklimper inklusive der Sonnenblume, auf der Bienen laufen, dann die Hand, die über Getreideähren streicht. Ein harter Cut, und wir sind bei der industriellen Massentierhaltung. Ein Schock. Nina Messinger zaudert nicht, wenn es um ihre Botschaft geht. Wenn sie in der ersten Hälfte von "Hope For All" in Interviews mit dem Präventivmediziner Caldwell Esselstyn, dem Biochemiker Colin Campbell oder der Physikerin Vandana Shiva von den gesundheitlichen Gefahren des Fleischkonsums berichtet, dann schreckt die Regisseurin auch nicht vor kitschigen Bildersequenzen in Werbefilmästhetik zurück. Solche mit glücklich essenden und sich gesund ernährenden Veganern im trauten Kreis der Familie. Doch die Radikalität, mit der uns die Dokumentarfilmerin dann, im zweiten Teil von "Hope for All", mit Bildern aus Schlachthäusern oder Massenzucht-Fabriken konfrontiert, das geht weit über das hinaus, was bisher im Kino zu sehen war. Und bildet doch nur die Realität eines Systems ab. Ein ehemaliger Fabrik-Schlachter:
    "Schweineschlachten an sich ist halt so schwierig auch für die Menschen. Weil die Tiere schreien. Ohne Ende. Sie schreien ohne Ende. Das hört sich an. ich habe früher immer gesagt, als wenn kleine Kinder schreien. Warum schreien kleine Kinder? Weil sie Angst haben. Bei den Tieren ist das nicht anders.
    Manchmal ist es nicht angenehm, sich Filmen, ja, auszusetzen. So, wie dieser Doku.
    "Hope for All" von Nina Messinger - ambivalent, verstörend, trotzdem sehenswert.
    Die Poesie des Unendlichen
    "Die Quadratwurzel von 58.639. Los! - 242. - 242 was? - Komma 1549090. - Ja, ein Kinderspiel."
    Wohl kaum. - "Die Poesie des Unendlichen" erzählt die Geschichte von Srinavasa Ramanuja, einem Buchhalter im indischen Madras. Eine historische Figur.
    "Es scheint zuzutreffen, dass du Zahlen mehr liebst als Menschen."
    1913. Das Mathematik-Genie Ramanuja kommt aus der Kolonie Indien nach England. An das ehrwürdige Trinity College in Cambridge. "Die Poesie des Unendlichen" erzählt von Rassismus und von Freundschaft, von Ausgrenzung und von trotzigem Selbstbewusstsein.
    "Nun, Ihre Buchhaltung möge wenigstens halb so brillant wie Ihr Ego sein."
    Matthew Browns Geschichte hinterlässt allerdings einen zwiespältigen Eindruck. Denn das Thema des Films - die hohe Mathematik -, bleibt uns fremd, da mag ein Kollege von Ramanuja noch so schwärmen.
    "Es ist irgendwie irreführend. Es könnten hypergeometrische Reihen sein. - Der große Littlewood verblüfft."
    Die Behauptung, dass das Mathematik-Genie mit seinen Gleichungen in einen Kosmos von Poesie eintritt:
    "Es ist wie Malen, denke ich. Stelle es dir in Farben vor, die du nicht sehen kannst."
    Das bleibt im Rahmen dieses konventionellen Erzählfilms, den Matthew Brown gedreht hat, eben nur Behauptung. Es gibt keine visuelle - in Anführungsstrichen - "Übersetzung" für die Mathematik. Nur ein paar Bilder von Gleichungen auf der Tafel oder auf Papier.
    Was wir dann zu sehen bekommen, das ist am Ende eine Freundschaftsgeschichte zwischen dem Genie und seinem Mentor - Dev Patel aund Jeremy Irons -, gewürzt mit Seitenhieben auf die rassistische viktorianische Gesellschaft. Aber das Thema Mathematik, es bleibt austauschbar.
    "Die Poesie des Unendlichen" von Matthew Brown - schön, anrührend und ambivalent. Trotzdem empfehlenswert.
    Junges Licht
    "Ich arbeite unter der Erde. - Das muss doch ungesund sein, oder? Und immer passiert irgendetwas. - Auffem Bau kanns'e auch vom Gerüst fallen."
    Sagt Julians Vater. - 60er Jahre. Ruhrpott. Noch ein Sehnsuchtsort für Julian. Wirtschaftswunderland, Kohle, Stahl, Arbeit unter Tage, während das Leben oben zäh dahinfließt. Vor allem für den 12Jährigen, der staunend das Geschehen um ihn herum beobachtet. "Junges Licht" ist Adolf Winkelmanns wunderbare Verbeugung vor einem vergangenen Milieu. Eine Geschichte aber auch über die Enge und die Sehnsucht auszubrechen. Die frühreife Nachbarstochter Marusha findet dafür schon einen Satz. Bis Julian das verstehen kann, dauert es noch. Aber nicht mehr lange.
    "Wenn du dich für die Freiheit entschieden hast, kann dir gar nix passieren. Nie."
    Manchmal ist dieser Film Schwarzweiß. Dann wirkt "Junges Licht" wie dokumentarisches Material aus den 60ern. Einige andere Szenen sind in Farbe. Da ist Adolf Winkelmann ganz bei der Dynamik seiner Figuren, die wie Julian einen Platz im Leben suchen. Am Ende fährt der Vater mit dem Fahrrad über eine Straße. Hinten auf dem Gepäckträger der Sohn. Dann springt er ab, um zu schieben, stößt sich das Knie, reibt dran, dann hüpft er wieder auf.
    "Junges Licht" von Adolf Winkelmann - betörend, intensive, herausragend.