Donnerstag, 01. Dezember 2022

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Neue Kämpfe in der Ostukraine
Die Not der Menschen in Awdijiwka

In der Ostukraine liefern sich ukrainische Regierungstruppen und prorussische Separatisten trotz geltenden Waffenstillstands schwere Feuergefechte. Betroffen ist vor allem die Stadt Awdijiwka. Dort sind rund 20.000 Menschen ohne Wasser, Heizung und Strom - bei minus 15 Grad.

Von Florian Kellermann | 01.02.2017

    Ein zerstörter Wohnblock in Awdijiwka (Ukraine). Die Kleinstadt liegt an der Front zu den Seperatisten, der Wiederaufbau geht nur schleppend voran.
    Awdijiwka, 13 Kilometer von der Front entfernt, wird von der ukrainischen Armee gehalten. (picture alliance / dpa / Friedemann Kohler)
    Die Stadt Awdijiwka, die von der ukrainischen Armee gehalten wird, liegt nur 13 Kilometer von Donezk. Vor allem das Gewerbegebiet der Stadt ist strategisch wichtig: Von dort aus kann das ukrainische Militär eine Verbindungsstraße im Separatistengebiet kontrollieren, die Straße zwischen Donezk und der Stadt Horliwka.
    Experten nennen das als einen Grund dafür, dass gerade dort die Kämpfe in der Ostukraine in den vergangenen Tagen wieder so heftig aufgeflammt sind. Ein anderer seien wichtige Betriebe dort, sagt der Lokalpolitiker Oleksandr Kichtenko:
    "In der Stadt befindet sich ein Kokerei-Betrieb. Er stellt Koks her, der für die Stahlerzeugung im Donezbecken sehr wichtig ist. Außerdem gibt es in der Nähe eine Filteranlage für Wasser. Von dort aus wird der Teil des Donezbecken mit Frischwasser versorgt, der sich unter der Kontrolle der Ukraine befindet. Auch die Wasserversorgung der Großstadt Mariupol wäre gefährdet, wenn der Betrieb ausfiele."
    Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, das Feuer eröffnet zu haben
    Die Kämpfe dauern seit Sonntag, die ukrainische Armee hat bisher sieben gefallene Soldaten gemeldet. Die prorussischen Kämpfer gaben an, dass auf dem von ihnen kontrollierten Gebiet auch zwei Zivilisten ums Leben gekommen seien. Die beiden Seiten beschuldigen sich gegenseitig, das Feuer eröffnet zu haben. Auch die OSZE gibt beiden Seiten schuld: Hüben und drüben sei es zu Provokationen gekommen, die Kämpfe ausgelöst hätten, erklärte der stellvertretende Leiter der OSZE-Mission in der Ukraine Alexander Hug.
    Nach verschiedenen Angaben befinden sich derzeit zwischen 15.000 und 20.000 Menschen in der Stadt. Wegen der Kämpfe fiel der Strom aus und damit in den Mehrfamilienhäusern auch die Heizung. Bei Außentemperaturen von 15 Grad minus eine schwere Belastung für die Bürger. Eine Evakuation sei trotzdem bisher nicht geplant, sagt Pawel Scherbitzkij, Leiter der zuständigen Militärverwaltung:
    "Noch ist die Situation nicht katastrophal. In den Läden gibt es Lebensmittel zu kaufen. Mit der Caritas haben wir elf Zelte eingerichtet, wo sich die Menschen aufwärmen können. Die Nationalgarde liefert dorthin warmes Essen und Tee. Für den Notfall verfügen wir über genug Fahrzeuge, um sofort 4.100 Menschen aus der Stadt zu bringen."
    Die humanitäre Situation könnte sich rasch weiter verschlechtern
    In der Nacht kamen etwa 1.000 Menschen zu den Zelten, um sich dort aufzuwärmen. Evakuiert wurden indes zehn Patienten des örtlichen Krankenhauses, die sich auf der Intensivstation befanden.
    Die humanitäre Situation in der Stadt könnte sich allerdings rasch weiter verschlechtern, wenn der Kokerei-Betrieb im Industriegebiet weiter beschädigt oder sogar direkt getroffen, sagt der Generaldirektor des Betriebs Musa Magomedow:
    "Wir haben einen Plan für Notfälle, die große Gefahr ist aber, dass, bei einem direkten Einschlag, Benzol freigesetzt wird, eine giftige Substanz. Schlimm für den Betrieb wäre es auch, wenn unser Wasserreservoir getroffen wird."
    Ob die Konfliktparteien den längst beschlossenen Waffenstillstand an der Frontlinie wieder herstellen können, bleibt unklar. Gestern Abend endete eine Internet-Konferenz der sogenannten Minsk-Kontaktgruppe, zu der auch die OSZE gehört, ergebnislos.