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StartseiteDie neue PlatteKlangwelten, die für sich sprechen23.10.2016

Neue Musik aus Mittel- und Osteuropa Klangwelten, die für sich sprechen

Vykintas Baltakas, Miroslav Srnka und Ondrej Adámek – diese drei noch jüngeren Komponisten aus Mittel- und Osteuropa haben bereits deutlich vernehmbar ihre Stimme erhoben und den Sprung ins internationale Musikleben geschafft. In der Zukunft wird von allen drei noch einiges zu erwarten sein.

Von Egbert Hiller

"South Pole" an der Bayerischen Staatsoper (picture alliance / dpa / Foto: Sven Hoppe)
Miroslav Srnkas Oper "South Pole" hatte Anfang des Jahres Premiere an der Bayerischen Staatsoper in München. (picture alliance / dpa / Foto: Sven Hoppe)

"Die Musik ist in ihrem Wesen vielleicht unendlich. Man muss sich einen großen Berg vorstellen. Auf der Spitze dieses Berges steht jemand und hat einen Stein vor sich. Es ist noch ein Stillstand, alles ist offen, man ist frei. Doch man bewegt den Stein. Der Stein rührt sich. Hier fängt er an zu leben."

Musik: Vykintas Baltakas, (co)ro(na); Tokyo Sinfonietta, Ltg.: Yasuaki Itakura

Einen Stein ins Rollen zu bringen, wie der litauische Komponist Vykintas Baltakas es ausdrückte, ist ein treffendes Bild für das Komponieren; gerade in einer Zeit, in der schöpferische Freiheit und Vielfalt grenzenlos scheinen und jeder Tonkünstler sich seine eigenen Regeln aufstellen kann und muss. Vorstellen möchte ich drei CDs mit Neuer Musik von jüngeren mittel- und osteuropäischen Komponisten, die mit jeweils höchst eigensinnigen Tonsprachen aufwarten.

Musik: Vykintas Baltakas, (co)ro(na); Tokyo Sinfonietta, Ltg.: Yasuaki Itakura

In dem 2005 komponierten Ensemblestück "corona" von Vykintas Baltakas bestechen die Brillanz der Klangfarben und deren organisches Aufblühen – was die Tokyo Sinfonietta unter Leitung von Yasuaki Itakura markant zur Geltung bringt. Als Baltakas 1993 mit 21 Jahren nach Deutschland übersiedelte und Schüler von Wolfgang Rihm wurde, hatte er bereits ein Studium in Komposition und Chorleitung an der Musikakademie seiner Geburtsstadt Vilnius absolviert. Sich von der eher traditionellen künstlerischen Ausrichtung in seiner Heimat zu lösen, war ihm ein zentrales Anliegen. Dass dieser Weg für ihn der richtige war, bezeugt die nun beim Label Kairos erschienene CD eindrucksvoll. Sie enthält acht sehr unterschiedlich besetzte Werke, die zwischen 1995 und 2013 entstanden sind und von exzellenten Interpreten eingespielt wurden. Dazu zählen unter anderen die Sopranistin Rita Balta, das Lithuanian Ensemble Network, das Baltakas selbst ins Leben rief, und das jüngst aufgelöste SWR Sinfonieorchester Baden Baden und Freiburg unter Leitung von Johannes Kalitzke.

Musik: Vykintas Baltakas, Ri; Rita Balta, Sopran

In "Ri" für Sopran und Elektronik von 2007 spürte Vykintas Baltakas der "Fantasie als einer unendlichen Stimme" nach, die sich in alle möglichen Richtungen verwandeln könne. Auch "Ri" zieht unmittelbar in den Bann. Dem Komponisten selbst ist es wichtig, zu betonen, dass für das sinnliche Erleben seiner Musik keine zusätzlichen Informationen nötig seien.

Vom Stamm bis in die kleinsten Äste

Für sich selbst sprechen auch die Klangwelten des Tschechen Miroslav Srnka. "Will die Musik eher die Sicherheit des Bodens oder die Gefahr der Höhe", fragte er sich im Zusammenhang mit seinem Streichtrio "Tree of Heaven" – eines von vier kammermusikalischen Werken, die vom französischen Pianisten Wilhem Latchoumia und Mitgliedern des Quatuor Diotima auf Tonträger gebannt wurden. Erschienen ist die CD beim Label "naive" in Koproduktion mit dem Westdeutschen Rundfunk. Inspirieren ließ sich Srnka für "Tree of Heaven" vom chinesischen Götterbaum, auch Himmelbaum oder Bitteresche genannt. Es ging ihm aber nicht um ein tönendes Abbild der Natur, sondern um den Vorgang des Kletterns auf einen hohen Baum vom Stamm bis in die kleinsten Äste. Diesen Vorgang übertrug er auf musikalische Prozesse.

Musik: Miroslav Srnka, Tree of heaven; Quatuor Diotima

Studiert hat Miroslav Srnka in seiner Geburtsstadt Prag sowie in Berlin und Paris. Neben seiner kompositorischen Arbeit engagiert er sich nachdrücklich für die tschechische Musik. Er ist an der Erstellung kritischer Editionen der Werke von Antonin Dvórak und Leos Janácek beteiligt und auch die aus historischer Perspektive unsichere Lage seines Heimatlandes im Spannungsfeld geopolitischer Verwerfungen beschäftigt ihn. Ob Srnka in "Simple Space" von 2006 unterschwellig derartige Aspekte samt der Renaissance überwunden geglaubter Bedrohungsszenarien reflektierte, sei dahingestellt. Jedenfalls wird die von hochemotionalen Regungen geprägte Cellostimme von zunächst harmlos anmutenden statischen Klavierakkorden flankiert, die jedoch immer stärkeren Einfluss ausüben, ja, die ihr wahres Gesicht erst allmählich zu erkennen geben. Zugleich kann "Simple Space" aber auch als abstrakter Klangkosmos verstanden werden, in dem die Kräfte von Anziehung und Abstoßung ihre unwiderstehliche Wirkung entfalten.

Musik: Miroslav Srnka, Simple Space; Quatuor Diotima

Ebenfalls aus Prag stammt Ondrej Adámek. Seiner Porträt-CD in der Reihe "Edition zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, publiziert vom Label Wergo, ist noch eine DVD beigefügt – und das macht unbedingt Sinn vor dem Hintergrund, dass Adámek mit Vorliebe optische und akustische Elemente miteinander kombiniert. So entwarf er für die Donaueschinger Musiktage 2014 eine irrwitzige "Air-Machine", eine von Luftströmen betriebene Apparatur mit Luftballons, Schläuchen und quiekendem Gummischweinchen, die in seiner groß angelegten Komposition "Körper und Seele" eine zentrale Rolle einnimmt. "Körper und Seele" ist auf der DVD prominent vertreten, aber auch die rein akustisch konzipierten Werke Adámeks überzeugen mit ihrer Dichte, ihrer Spannung und der Tendenz zum Verspielten und Grotesken. Das Visuelle ist in ihnen in die Sphäre der Vorstellungskraft entrückt. "Noise" für großes Ensemble etwa kann als "unsichtbares Theater" begriffen werden. Angeregt ist es vom japanischen No-Theater und dem Puppenspiel Bunraku. Die für diese streng stilisierten Kunstformen typische ausdrucksstarke Mimik und eingefrorene Gestik transformierte Adámek auf klangliche Ereignisse und Entwicklungen. "Noise" von 2009 wird interpretiert vom Ensemble Intercontemporain unter Leitung von Marco Angius.

Musik: Ondrej Adámek, Noise; Ensemble Intercontemporain; Ltg.: von Marco Angius

Soweit "Noise" von Ondrej Adámek. Er wurde 1979 geboren und ist damit noch einige Jahre jünger als Vykintas Baltakas und Miroslav Srnka. Alle drei Komponisten haben bereits deutlich vernehmbar ihre Stimme erhoben und den Sprung ins internationale Musikleben geschafft. In der Zukunft wird von ihnen noch einiges zu erwarten sein.

CD-Infos:
Vykintas Baltakas: B(ell tree); CD, 0015004KAI; LC: 10488
Miroslav Srnka: Chamber Music; CD, naive V 5433; LC: o. A.
Ondrej Adámek: Körper und Seele, CD + DVD, WER6419 2; LC: 00846

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