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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenNeue Wege für die Kunst- und Kulturvermittlung06.06.2013

Neue Wege für die Kunst- und Kulturvermittlung

Museen in der Zuwanderungssgesellschaft

Im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2013 fand in Berlin die Veranstaltung "Das Fremde und ich" statt. Dabei wurde auch diskutiert, wie ein neues Verständnis von "wir" entstehen und was Museen zu einer funktionierenden Zuwanderungsgesellschaft beitragen könnten.

Von Bettina Mittelstrass

Eine Vorstellung von "Wir" gemeinsam, das scheint eine Lösung zu sein, gegenüber der Trennung von "die da" und "ich".  (AP)
Eine Vorstellung von "Wir" gemeinsam, das scheint eine Lösung zu sein, gegenüber der Trennung von "die da" und "ich". (AP)

"Wenn Sie sich die Museen in Berlin ansehen, die sich mit europäischer Kunst, Kunstgeschichte, mit europäischer Technikgeschichte beschäftigen, so ist das - und das ist eine ganz übliche Erscheinung in allen europäischen Metropolen - eine Reihe von hoch differenzierten Museen, die sich mit jeweils einzelnen Aspekten unserer Gesellschaft beschäftigen. Während: Für Afrika reichte das Völkerkundemuseum."

In Völkerkundemuseen trug man eine Vielzahl unterschiedlicher Kunst- und Gesellschaftsformen zusammen, sagt Peter Junge:

"Und hat das alles unter dem Deckmantel, das ist eh dieses zurückgebliebene primitive Afrika, zusammengekehrt."

Peter Junge ist Kurator der Afrika-Abteilung am Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin.

"An dieser Konstruktion hat sich bis heute eigentlich nichts geändert. Es gibt immer noch Völkerkundemuseen und es gibt die differenzierten Museen für die europäische Kunst und Geschichte."

Dort das allgemeine Fremde und hier das wir. Peter Junge will Völkerkundemuseen nicht abschaffen. Aber in einer Gesellschaft, die sich bewusst wird, dass Migration und Zuwanderung selbstverständlich war, ist und sein wird, sieht er für ethnologische Museen neue Aufgaben. Sie müssen zum Beispiel ihre eigene Konstruktionsgeschichte verständlich machen. Am Beispiel Afrika hilft der Blick in die Kolonialzeit.

"Man hat in der Kolonialzeit Afrika als einen Kontinent betrachtet, der rückständig war, der keine Geschichte hatte, der eine ursprüngliche oder primitive Kunst hervorgebracht hat. Und alles das entspricht natürlich gar nicht der Realität, die in Europa in Teilen auch schon seit Jahrhunderten bekannt war. Man hatte ganz andere Beziehungen zu Afrika. Aber die Selbstkonstruktion Europas in der Kolonialzeit als einem Kontinent, der die Spitze der politischen wirtschaftlichen Entwicklung darstellte, das führte dazu, dass alles das, was man in Europa nicht mehr haben wollte: Ursprünglichkeit, magisches Denken, starke Religiosität. Das hat man auf Afrika projiziert. Insoweit ist diese Konstruktion des Fremden auch eine Selbstkonstruktion. Und diesen Prozess, denke ich, das ist eine wichtige Aufgabe für kulturgeschichtliche Museen, den aufzuzeigen. Dass es nicht darum geht: Da ist jemand fremd, weil er aus Afrika kommt, sondern: Da ist jemand fremd, weil er ein Bild übergestülpt bekommt von uns, was mit uns viel mehr zu tun hat als mit ihnen."

Die Eröffnung des Humboldtforums in Berlin könnte helfen, die Trennung zwischen dem, was fremd und dem was angeblich "eigen" ist aufzubrechen, hofft Peter Junge. Dann nämlich, wenn die ethnologische Sammlung und andere Berliner Museen dort einziehen und zum Beispiel zeitgemäß eine gemeinsame Geschichte Afrikas und Europas präsentieren – an denen sich nach der Vorstellung von Peter Junge auch Galerien und Künstlern beteiligen könnten. Wichtig wäre ihm, dass die Besucher dann Denkanstöße erleben, die hartnäckig langlebige Bilder und Kategorien über das Fremde zumindest irritieren. Eine neue Vorstellung von "Wir" gemeinsam, das scheint eine Lösung zu sein, gegenüber der Trennung von "die da" und "ich".

"Das Positive ist in jedem Fall, dass sich an dem Wunsch, zu einem neuen Wir zu kommen, meines Erachtens ein Problembewusstsein artikuliert. Nämlich das Problembewusstsein, dass bestimmte Wir-Konstruktionen, die vielleicht insbesondere in Deutschland gegolten haben, nicht mehr angemessen sind."

Und auch nie angemessen waren. Paul Mecheril, er ist Professor für Interkulturelle Bildung und Direktor des Center for Migration, Education and Cultural Studies an der Universität Oldenburg sagt aber auch, die Idee von einem neuen "wir" ist eine Illusion.

"Was ich wichtig finde, ist, dass wir uns immer wieder vergegenwärtigen, dass diese 'Wirs' - also das wir, das in Deutschland gelten soll -, 'Wirs' sind, die wir sinnlich nicht begreifen können. Also es ist schlicht nicht möglich, einen Kontext, in dem 80 Millionen Menschen leben, mit einem nur drei Buchstaben auch noch umfassenden Kurzwort zu markieren. Der Sinn dieses 'Wirs' ist tatsächlich illusionär. Da wird eine Großillusion aufgebaut, die auch disziplinierende und auch vereinheitlichende Funktionen erfüllt. Das würde jedes Wir tun, gleich ob es ein nationales Wir, ob es ein republikanisches Wir - welches Wir auch immer."

Der Erziehungswissenschaftler bestreitet nicht, dass Konstruktionen von "Wir" wichtig sind, solange es Nationalstaaten - und Fußballmannschaften - gäbe. Aber viel wichtiger für eine Gesellschaft, in der Wanderungsbewegungen von Menschen selbstverständlich zugelassen sind, ist seiner Ansicht nach ein grundlegendes Vermögen, das zumindest in Deutschland noch erlernt werden will.

"Vielleicht können wir von so etwas sprechen wie dem Vermögen, in Pluralität so zu handeln, dass man die Andern Andere sein lässt. Also die Freiheit des Anderen. Und auch die Dignität der anderen, die Würde ihrer Lebensform, ihrer Sprachen, ihres Humors, ihrer Art sich zu kleiden usw., ihrer Religiosität. Das zu erlernen ist sicher eine zentrale Aufgabe von Bildungssystemen in pluralen Gesellschaften. Wobei ich anmerken will, dass die Pluralität nicht nur damit zusammenhängt, dass wir in einem Land leben, in dem auch viele Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund leben! Also die Gleichsetzung von kultureller Pluralität mit migrationsgesellschaftlicher Differenz ist eine Gleichsetzung, über die man noch mal genauer nachdenken sollte."

Es geht im Kern, sagt auch der Kurator Peter Junge, um die Anerkennung auch von jedem "seltsamen" Nachbarn.

"Auch zu lernen, mit so einer Verunsicherung umzugehen. Und nicht so eine Forderung an sich selbst zu stellen, immer mit ganz klaren geschlossenen Weltbildern rumzulaufen. Und diese Verunsicherung als was ganz Positives zu begreifen und damit auch anderen Menschen, die genauso wenig in diese Schachteln hineinpassen, einfach als Mitmenschen akzeptieren zu können. Und das bezieht sich nicht nur auf Immigranten oder Menschen mit Migrationshintergrund, sondern das bezieht sich auf ganz durchschnittliche Nachbarn, die sie ja dann im Zweifelsfall eh alle sind."

Pluralitätsvermögen lernen nennt es Paul Mecheril - im Museum und vor allen Dingen in der Schule.

"Das wäre tatsächlich, ich sag es ein bisschen getragen, eine vornehme Aufgabe für eine Schule der Zukunft, für eine Schule der Migrationsgesellschaft beispielsweise."

Wenn "wir", die Zu- und Einwanderungsgesellschaft in Deutschland, es mit dem Zulassen von Pluralität ernst meinen, sagt der Oldenburger Wissenschaftler, dann könne es nicht darum gehen, dass die anderen werden wie ein antiquiertes "Wir". Dann dürften die Anderen nicht modelliert werden, damit sie in Schablonen passen, an denen wir nichts ändern. Mit Deutschunterricht im Kindergarten ist es daher schlicht nicht getan.

"Die Schule als solche muss sich verändern, muss eine Freundlichkeit entwickeln für die vielen sprachlichen Dispositionen, die die Schülerinnen und Schüler einbringen. In der Schule müssen Lehrerinnen und Lehrer arbeiten, die alle, also auch der Physiklehrer und auch die Sportlehrerin und auch usw., alle profunden Kenntnisse in Deutsch als Zweit- und Drittsprache haben, also wissen, wie Spracherwerbsprozesse ... in der deutschen Sprache aussehen bei denjenigen, deren erste Sprache nicht Deutsch ist! All das ist notwendig. Und das ist tatsächlich ein paradigmatischer Wandel, weil da beginnt die Schule zu realisieren, dass sie nicht mehr eine Schule ist, die im Modell funktionieren kann: 'An unsere Schule kommen deutsche NormalschülerInnen.' Sondern wir haben ein plurales, heterogenes Feld, heterogene Schülerinnenschaft. Und deshalb muss sich die Institution wandeln, und nicht in erster Linie die Schüler und Schülerinnen."

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