Das Interesse muss sich natürlich auf die C-dur-Fantasie op. 17 konzentrieren. Hört man die Aufnahme, gewinnt man erst einmal den Eindruck, dass sich Kirschnereit viel Zeit für dieses gewaltige Werk lässt. Aber das trügt. Kirschnereit benötigt für die Fantasie keineswegs länger als die meisten kompetenten Kollegen. Die Raserei Weissenbergs muss ja nicht den Maßstab abgeben. Also bleibt nur der Schluss, dass Matthias Kirschnereit womöglich ungewöhnlich sorgfältig formuliert, und das tut er in der Tat. Im Mittelsatz und im Finale ist allerdings die Art und Weise, wie hier nahezu alle Phrasen erst einmal langsam beginnen, dann fast stereotyp beschleunigt werden, um wieder in Bedachtsamkeit zu enden, einigermaßen gewöhnungsbedürftig. Da zahlt Kirschnereit zweifellos den Tribut dafür, dass bei einer Studioaufnahme eben doch der Kontakt mit dem Publikum fehlt und kaum Spontaneität möglich ist. Das Atemlose, das der Fantasie eignet, geht im Studio eben doch leicht verloren. Aber die Fülle der pianistischen Mittel, die eingesetzt werden, imponiert ungemein. Und beim Eingangssatz hält Kirschnereit auch den Schwung durch; da klingt er so, wie man ihn auch aus dem richtigen Leben kennt.
* Musikbeispiel: Robert Schumann - 1. Satz (Ausschnitt) aus der Fantasie C-dur op. 17
Soweit Matthias Kirschnereit mit dem ersten Satz aus der Fantasie C-dur op. 17 von Robert Schumann. Die CD ist, wie gesagt, bei Arte Nova erschienen.
Eine ganz andere Art von Romantik spricht den Hörer von einer CD an, die die Cellistin Anja Lechner zusammen mit dem Pianisten und Komponisten Vassilis Tsabropoulos für ECM eingespielt hat. Da geht es unter anderem um Musik des legendären Georges Ivanovitch Gurdjeff, eines Philosophen, Dichters und Gurus, dessen musikalische Inspirationen von seinem Jünger Thomas de Hartmann für die Nachwelt aufgezeichnet wurden. Keith Jarrett hat bei ECM vor Tau und Tag etliche der Gurdjeff’schen Hymnen und Gebete eingespielt. Und beim gleichen Label erschien auch kürzlich Musik von Tigran Mansurian, der wiederum von dem armenischen Sänger Komitas inspiriert ist - überall begegnet man in dieser Art von Musik den byzantinischen Wurzeln der kaukasischen christlichen Kulturen. In dieser Tradition hat auch Vassilis Tsabropoulos seine "Drei Stücke nach byzantinischen Hymnen", seinen "Tanz" und seinen "Gesang" für Cello und Klavier gesetzt, wobei allen diesen Werken ein eher verbindlicher Tonfall eigen ist. Die Übertragung der durchweg kurzen Stücke Gurdjeffs für Violoncello und Klavier befremdet zunächst ein wenig. Zu sehr scheint Gurdjeff fürs Klavier allein gedacht zu haben, für die Anmutung von Glockenton und Gong, die da zu realisieren ist. Doch Anja Lechner lässt ihr Cello immer wieder fast wie eine Gambe klingen, und plötzlich gewinnt die Musik Gurdjeffs eine überraschende archaische Energie. Und das ist es auch, was im dritten der byzantinisch gedachten Stücke von Tsabropoulos überzeugen kann.
* Musikbeispiel: Vassilis Tsabropoulos - Nr. 3 (Ausschnitt) aus: "Trois morceaux après des hymnes byzantins"
Anja Lechner und Vassilis Tsabropoulos mit dem dritten der "Trois morceaux après des hymnes byzantins" von Tsabropoulos. Die ECM-CD der beiden erschien übrigens unter dem Titel "Chants, Hymns and Dances".
Zum Schluss möchte ich Sie, wie erwähnt, mit der Cellosonate des jungen Richard Strauss in einer ungemein lebendigen und inspirierten Interpretation bekannt machen. Im vergangenen Jahr spielten der Cellist und Festivalgründer Jan Vogler und der Pianist Louis Lortie diese Sonate beim Moritzburg Festival, und Sony hat den Mitschnitt nun auf einer Strauss-CD Voglers herausgebracht. Die Sonate hat die Tücken wie den Charme vieler Jugendwerke. Hört man sie mit Vogler und Lortie, kommt einem der verwegene Gedanke: Was hätte aus diesem Komponisten werden können! Zu welch geistvoll virtuosem Spiel war doch dieser Richard Strauss in der Lage, zu welch hintersinnigem Umgang mit den Traditionen des 19. Jahrhunderts. Freilich hört man auch heraus, dass es eben Musik einer vergangenen Epoche ist, die Strauss da noch einmal komponierte. Denn die Interpretation zeigt beides: den jugendfrischen Schwung und den Manierismus einer Spätzeit. Ein Glücksfall in der Strauss-Rezeption:
* Musikbeispiel: Richard Strauss - Finale (Ausschnitt) aus der Sonate F-dur, op. 6
Das war die Neue Platte. Zum Schluss hörten Sie einen Ausschnitt aus dem Finalsatz der Cellosonate op. 6 von Richard Strauss, gespielt von Jan Vogler und dem Pianisten Louis Lortie, eine Aufnahme von letztjährigen Moritzburg Festival, die bei Sony erschienen ist.
Robert Schumann - Fantasie op. 17/Bunte Blätter op. 99
Matthias Kirschnereit, Klavier
Label: ARTE NOVA
Labelcode: LC 03480
Bestell-Nr.: 57745 2
Gurdjeff/Tsabropoulos - Chants, Hymns and Dances
Anja Lechner, Violoncello
Vassilis Tsabropoulos, Klavier
Label: ECM
Labelcode: LC 02516
Bestell-Nr.: 1888 (9819613)
Richard Strauss - Don Quixote etc..
Jan Vogler, Violoncello
Louis Lortie, Klavier
Orchester: Staatskapelle Dresden
Leitung: Fabio Luisi
Label: SONY
Labelcode: LC 6868
Bestell-Nr.: SK 93100