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StartseiteRock et ceteraMusik aus der Motorenstadt 07.03.2021

Neues Album von Alice CooperMusik aus der Motorenstadt

Alice Cooper kehrt mit seinem 28. Album zurück zu seinen Anfängen – nicht nur musikalisch, auch geographisch: "Detroit Stories" entstand in der gleichnamigen Stadt, wo der Hardrock-Sänger geboren wurde und Anfang der 70er auch seine ersten Erfolge feierte.

Von Fabian Elsäßer

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Konzert der Alice Cooper Band im Juli 2015 in  Wisconsin, USA (Imago / Zuma Press)
Manchmal trägt er auch bunt: Alice Cooper bei einem Konzert in Wisconsin 2015 (Imago / Zuma Press)
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Ein Konzeptalbum ist das nicht. Aber es gibt ein Konzept dahinter. Deswegen heißt es Detroit Stories.

Die übersehene Hardrock-Hauptstadt 

Alice Cooper: "Ich wurde in Detroit geboren. Und Detroit ist die Hardrock-Hauptstadt der USA. Los Angeles hatte die Doors mit ihrem sexy Rock n Roll, San Francisco hatte die Grateful Dead, New York die Young Rascalls. Detroit aber hatte die Studios, die MC Five, Alice Cooper, Bob Seger, Ted Nugent. Wir waren alle gitarrenlastige Rockbands. Interessanterweise war es am selben Ort wie Motown, damit hatten wir zwei Musikbewegungen zur selben Zeit."

Dass Detroit die Hardrock-Hauptstadt der USA ist oder zumindest war, ist Europäern nicht unbedingt geläufig: hier verbindet man die ehemalige Metropole der US-Autoindustrie doch zuerst mit dem Soul und Funk des Motown-Labels. Doch genau an diesen Hauptstadtstatus will Alice Cooper, bürgerlich Vincent Damon Furnier, mit seinem inzwischen auch schon 28. Album erinnern. Obwohl er in Arizona aufgewachsen ist und seine Karriere in Kalifornien begonnen hat, hat er sich nach eigenen Worten immer als Detroiter gefühlt. Erst dort wurde die nach ihm benannte Band Anfang der 70er erfolgreich, an der Westküste erregte der mitsingtaugliche Hardrock trotz bizarrer Auftritte in Frauenkleidern und schwerer Schminke wenig Aufmerksamkeit.

Nostalgie in Sound und Songauswahl

Alice Cooper: "Record there, write the album there, only use Detroit Players and make it pure Detroit!"

Um das volle Detroit-Aroma zu erhalten, wollte Cooper dort aufnehmen und schreiben und ausschließlich örtliche Musiker einsetzen. Das muss man großzügig sehen: auf der umfangreichen Personalliste stehen auch jüngere Mitarbeiter, die nachweislich nicht aus Michigan stammen, aber eben auch drei Mitstreiter der alten Alice Cooper-Band und MC Five-Gitarrist Wayne Kramer. Nostalgie, die man deutlich hört, unterstrichen noch durch die Songauswahl.

Musik "Rock & Roll"

Das Album, das noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie aufgenommen wurde, beginnt mit der Velvet Underground-Nummer "Rock & Roll". Was die Band aus diesem reichlich müden, holprigen Song macht, ist beeindruckend: durch die Halbierung des Tempos in den Strophen entsteht Dynamik, und Cooper bringt mit kraftvollem und tonsicheren Gesang – kaum zu glauben, bei seinem Alter – die Schönheit der Melodie zum Vorschein, die Lou Reed immer vernölt und vernuschelt hat. Auch am Ende steht ein Cover, wieder mit deutlichem Detroit-Bezug: "East Side Story" ist ein ganz früher Song von Bob Seger aus dem Jahr 1966.

Musik "East Side Story"

Karneval und Füllmaterial 

Dazwischen stehen 13 Songs, die fast alle auch in der Frühphase von Alice Cooper hätten entstehen können. Das ist kein Heavy Metal, wie er ihn um die Jahrtausend-Wende herum gespielt hat, sondern Hardrock mit einer Prise Vaudeville und Karneval. Nur in "Wonderful World" winken kurz und grell die 90er-Jahre.

Musik "Wonderful World"

Bei 15 Titeln muss man mit Füllmaterial rechnen, und das wird verlässlich geliefert. Manche Songs sind so dünnwandig, dass sie kaum von selbst stehen können. Aber selbst die klingen ausgezeichnet: Nichts zerrt, nichts matscht, nichts verhallt, alles ist trocken und transparent. Das ist ganz klar die Handschrift von Produzent Bob Ezrin.

Der Rick Rubin der Seniorenrocker

Der Kanadier ist zwar nicht ganz so groß, wie er sich gerne erscheinen lässt, denn bei Pink Floyds "The Wall" war er nur Co-Produzent. Doch seine Kundenkartei war schon in den 70ern ansehnlich, und in den vergangenen zehn Jahren hat er sich zu einer Art Rick Rubin für Seniorenrockbands entwickelt. Mit Alice Cooper ist er seit dessen Anfängen verbunden, seit 1971.

Alice Cooper: "Als wir Bob Ezrin trafen und er unser George Martin wurde, hat er uns organisiert. Er nahm unsere rohe Energie und das rohe Talent und gab uns den Signature-Sound, den wir vorher nicht hatten. Wir schulden ihm unendlich viel Dank für das, was Alice Cooper ist. Und 50 Jahre später arbeite ich immer noch mit ihm zusammen."  

Ezrin komponiert auch munter mit und dürfte für überraschende melodische Glanzpunkte verantwortlich sein, mit Instrumentalpassagen wie dieser hier. Dass solche überraschenden Wendungen typisch für ihn sind, wissen wir aus der Film-Dokumentation über die Studioarbeit zum 2017er-Album "Infinite" von Deep Purple.

Musik "Social Debris"

Der Star und die Stadt

Auch mit "Detroit Stories" gelingt Ezrin das, was seine späten Arbeiten – er ist ja auch schon Anfang 70 – auszeichnet: alte Künstler nicht alt aussehen zu lassen. Alice Cooper singt auf diesem Album weniger von seiner Heimatstadt als von sich, von seinen Höhen und Tiefen, von dem Exzess der jungen Jahre und dem tiefen Fall. Man darf ja nicht vergessen: an manche Alben, die er früher in seinen Suchtjahren aufnahm, kann er sich nach eigener Aussage gar nicht mehr erinnern. Er hat es überlebt, irgendwie, mit Golf und Gottesfurcht. Von Detroit, der einst stolzen Arbeiter- und Motoren-Metropole ist nach Jahrzehnten der Arbeitslosigkeit und Abwanderung hingegen wenig übriggeblieben. Eine harte Stadt eben:

Alice Cooper "It’s a tough city!"

Alice Cooper, einer ihrer großen Söhne, und das ist die erfreulichste Erkenntnis nach dem Hören seines 28. Albums, hat sich wesentlich besser gehalten.  

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