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StartseiteCampus & KarriereRisiken und Nebenwirkungen der generalistischen Ausbildung23.12.2019

Neues Pflegeberufe-Gesetz Risiken und Nebenwirkungen der generalistischen Ausbildung

Der allgemeine Abschluss "Pflegefachfrau/ -mann" ersetzt künftig die bislang getrennten Ausbildungen in der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege. Die neue, generalistische Ausbildung ist EU-weit anerkannt und legt Wert auf Eigenständigkeit. Kritiker fürchten, sie könne zu anspruchsvoll sein.

Von Anke Petermann

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Eine Pflegekraft misst den Blutdruck eines Patienten. Von beiden sind nur die Hände und Arme zu sehen. (Pexels / rawpixel)
"Der Mix an Fähigkeiten ist sicher in jeder Einrichtung von Vorteil“, sagt Andreas Okfen, Leiter der Pflegeschule am Barmherzige-Brüder-Krankenhaus in Trier, zur neuen Ausbildung (Pexels / rawpixel)
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Beim Tag der offenen Tür am 16. Januar informiert das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier Interessenten über die neue universelle Pflegeausbildung. Doch wie der Lehrplan zu Ausbildungsbeginn im April aussehen wird, das kann Maria Maas, Pflegeschul-Lehrerin am Krankenhaus, dann noch nicht sagen - "konkret noch nicht." Nur so viel: "Die Ausbildung beginnen" heißt die erste Einheit etwas nichtssagend.

"Und eine weitere Einheit 'Menschen in der Mobilität und in der Selbstversorgung unterstützen'", weiß die Trier Pflegepädagogin. Mehr Details aber nicht, denn Teil eins des landeseigenen Curriculums für die generalistische Pflegeausbildung in Rheinland-Pfalz will das Bildungsministerium erst Ende Januar vorlegen.

Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege in der Ausbildung zusammenzuführen, findet Andreas Okfen, Leiter der Pflegeschule am Brüder-Krankenhaus, jedenfalls sinnvoll.

"Wir haben einfach einen Mix an Klientel in der Akutpflege, sprich Krankenhaus. Da kommt der ältere Patient, häufig dementiell verändert, der einer speziellen Betreuung bedarf. Zum anderen haben wir in den Altenhilfeeinrichtungen, also in den klassischen Altenheimen, Bewohner, die Diabetes haben, offene, chronische Wunden haben. Hier haben wir eine große Schnittmenge, wo die Kompetenzen, die ich in der Generalistik erlangen kann, zum Tragen kommen. Also, dieser Mix an Fähigkeiten, der ist sicher in jeder Einrichtung von Vorteil."

Herausforderung komplizierter Einsatzpläne

Wer als Azubi seinen Ausbildungsvertrag mit dem Trierer Brüder-Krankenhaus abschließt, ist zwar überwiegend dort eingesetzt, macht daneben aber Praktika in der Alten- und Kinderkrankenpflege, in der Psychiatrie und der Ambulanz. Dafür müssen die Ausbildungsträger ein Netz von Kooperationen miteinander knüpfen.

Pflegeschulleiter Okfen fürchtet, dass neben der Kinderkrankenpflege die Ambulanz ein Nadelöhr sein könnte. Denn zu erwarten sei, "dass einfach mehr Auszubildende auf die ambulanten Pflegestationen zukommen, und ob das dann zu bewerkstelligen ist, das muss man dann in der Umsetzung sehen. Aber es wird eine Herausforderung werden auf alle Fälle."

Eine Altenpflegerin hält die Hand einer Bewohnerin. (EyeEm / Prakasit Khuansuwan) (EyeEm / Prakasit Khuansuwan)Aktionsplan für die Pflege - Der gewünschte Umbruch bleibt aus 
13.000 zusätzliche Pflegekräfte als Sofortmaßnahme, höhere Gehälter und Mindestlöhne – das sollte der Aktionsplan von Bundesgesundheitsminister Spahn bringen, den er im Frühjahr gemeinsam mit der Familienministerin und dem Arbeitsminister vorstellte. Doch es hakt an vielen Stellen.

Das sieht man auch beim Deutschen Roten Kreuz Rheinland-Pfalz so. Dessen Altenpflege-Ausbildung beginnt erst im August. Bis dahin glaubt Christiane Treffinger-Leopoldt, DRK-Berufsschulleiterin in Alzey, das nötige Kooperationsnetzwerk knüpfen zu können.

In Alzey und in Kaiserslautern, wo das Rote Kreuz einen zusätzlichen Kurs anbietet. Doch manche kleineren Einrichtungen kapitulieren vor der Herausforderung komplizierter Einsatzpläne. "Was ich jetzt auch schon an Reaktionen bekommen habe: Sozialstation sagt: Wir warten erstmal ab und wollen gar nicht ausbilden. Weil die Unsicherheit ganz groß ist."

Ziel: Menschen aller Altersstufen und Lebenslagen betreuen

Sicher ist: In der neuen generalistischen Ausbildung lernen Pflegefachkräfte, Menschen aller Altersstufen und Lebenslagen zu betreuen. Ob mit Kinderkrankheiten oder Altersschwäche, ob auf der Intensivstation oder zuhause in den eigenen vier Wänden. Das soll die Absolventen flexibler einsetzbar machen. Die Gesetzeslage sollen sie ebenso kennen wie den Stand der Wissenschaft, außerdem ihr Handeln ethisch reflektieren können. Doch mehr Theoriestunden gibt es nicht.

Daraus folgt, so die Alzeyer Schulleiterin beim Deutschen Roten Kreuz: "Die Schüler sollen zum selbstgesteuerten Lernen, zum Entdecken kommen. Das heißt, wir werden exemplarisch arbeiten, mit nachgestellten Situationen, die in Heimen passieren. Und die Schüler müssen wir dazu befähigen, dass wenn sie zum Beispiel mit einem Krankheitsbild vom Herzen – wir können keine drei, vier mehr durchnehmen -, dass die in der Lage sind, das weiterzudenken."

"Die zukünftigen Pflegefachmänner und -Frauen sind breiter aufgestellt. Es geht zu Lasten der Tiefe", bestätigt die Trierer Pflegepädagogin Maria Maas.

Den Schülern mehr Eigenverantwortung für lebenslanges Lernen abzuverlangen, gehört daher mit zur Reform. Andreas Okfen, Pflegeschulleiter beim Trierer Brüder-Krankenhaus, hat Zweifel: "Das ist die Frage, ob die Latte etwas hochliegt für viele Absolventen."

Hohe Ansprüche, EU-weite Einaatzmöglichkeiten

Wer die anspruchsvolle generalistische Ausbildung bis zur staatlichen Abschlussprüfung nach drei Jahren durchzieht, kann sich dann aber die besten Jobs in Krankenhäusern oder Seniorenheimen, im Pflegedienst oder der Psychiatrie aussuchen – EU-weit.

Wem die Generalistik nach zwei Jahren zu schwierig erscheint, dem hat der Gesetzgeber zwei Auswege geöffnet: Für das letzte Jahr darf man doch noch einen spezialisierten Abschluss als Altenpfleger oder Kinderkrankenpfleger wählen. Gerhard Lenzen vom DRK Rheinland-Pfalz findet die Wahlmöglichkeit gut.

Doch die Abkehr von der generalistischen Ausbildung im dritten Jahr birgt ein Risiko, glaubt der Trierer Pflegeschulleiter Andreas Okfen: "Es gibt keine EU-Anerkennung für diese beiden Berufsabschlüsse. Man riskiert einfach, dass man eine schlechtere Auswahl hat bezüglich der Arbeitsstellen hat und vielleicht auch unter Umständen schlechter bezahlt wird."

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