Fußball
Neymar-Wechsel zu Al-Hilal befeuert "Sportswashing"-Vorwürfe gegen Saudi-Arabien

Der Wechsel des brasilianischen Fußballstürmers Neymar Santos Jr. in die Saudi Pro League befeuert die "Sportswashing"-Vorwürfe gegen das arabische Königreich.

18.08.2023
    Dieses vom Al Hilal Club Media Center zur Verfügung gestellte Foto zeigt Neymar (l) mit einem Al-Hilal-Trikot, nachdem er im Beisein von Fahad Bin Saad Bin Nafel, Vorstandsvorsitzender von Al-Hilal, einen Vertrag unterschrieben hat.
    Neymar wechselt zu Al-Hilal und stellt sein neues Trikot vor. (- / Al Hilal Club Media Center / AP / / -)
    Die brasilianische Zeitung "Folha de Sao Paulo" nannte Neymar "nur ein weiteres Beispiel für das Sportwashing-Projekt" Saudi-Arabiens. Sein Vater und Berater Neymar Santos Sr., der den Fußballer "eher als Marke denn als 'Sohn'" sehe, werde über den Deal "glücklicher sein als ein Beduine am Wasserfall". "Globoesporte" kommentierte, zu Al-Hilal zu gehen, werde ein "ewiger Fleck" in der Karriere des 31-Jähirgen sein.
    Als "Sportswashing" wird eine politische und wirtschaftliche Investitionsstrategie bezeichnet, die das Image eines Landes oder eines Unternehmens durch glamouröse Sportereignisse aufwerten soll; der Begriff ist abgeleitet von "Greenwashing", das Umweltschutzprojekte für solche Zwecke instrumentalisiert. Saudi-Arabien, das nach wie vor autoritär regiert, durch islamisch-fundamentalistische Religionsauffassung geprägt und von Menschenrechtsorganisationen massiv kritisiert wird, sieht sich dem Vorwurf schon länger ausgesetzt. Neben Neymar waren zuletzt Weltstars wie Karim Benzema, Sadio Mané, N’Golo Kanté oder Roberto Firmino in die Saudi Professionell League gewechselt. Deren Karrieren haben allerdings den Höhepunkt vermutlich überschritten.

    Den Anfang machte Ronaldo

    Den Anfang hatte der Portugiese Cristiano Ronaldo gemacht, der sich für "groteske 250 Millionen Euro" pro Jahr als "Sportwaschmachine" und als Werbebotschafter einkaufen ließ, wie der Sportinformationsdienst jüngst schrieb. Ronaldo, der seit Jahresbeginn für Al Nassr spielt, äußerte nach der Verpflichtung Sätze wie "Die Saudi-Liga ist besser als die amerikanische Major League Soccer", und "Europas Fußball hat viel Qualität verloren. Nur der Premier League geht es noch gut."   
    Der Geschäftsführer des Bundesligisten Bayer 04 Leverkusens, Fernando Carro, meinte Ende Juli, Ziel der Saudis sei es, über den Fußball mit einer attraktiven Liga, aber auch über andere Sportarten mit Großevents, ihr Image aufzupolieren. Es sei teilweise wahnsinnig und nicht rational zu verstehen. An den Erfolg der Strategie im Fußball glaubt Carro indes nicht. Egal, wie viele Spieler dahingingen, die europäischen Ligen hätten einen immensen Vorsprung in so vielen Bereichen, führte er aus. Es werde nie vergleichbar sein. In China, die schon länger eine ähnliche Strategie verfolgen, ging der Plan zumindest im Fußball bisher nicht auf - vermutlich wegen zu geringer Investitionen.

    TV-Anbieter erweitert Angebot um Saudi Pro League

    Der deutsche TV-Anbieter "Magenta Sport" beispielsweise erweiterte unterdessen nochmals sein Fußball-Angebot und umfasst ab heute, 17. August, auch die saudische Erstliga. Schätzungen zufolge wurden in Saudi-Arabien in den vergangen zwei Jahren gut sechs Milliarden Dollar in Fußball, Golf, Boxen, Tennis und Formel 1 investiert. Medienberichten zufolge beabsichtigt das Land auch, sich zusammen mit Griechenland und Ägypten um die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2030 zu bewerben.
    Seit einiger Zeit bemüht sich die Staatsführung in Riad darum, die strikten Gesetze zu lockern und das Land international zu öffnen. Der Nahost-Experte bei der Denkfabrik Council on Foreign Relations in Washington, Steven Cook, sagte nach Angaben des SRF, der Haupttreiber hinter den Investitionen sei der radikale Umbau der Wirtschaft und der Gesellschaft Saudi-Arabiens, den Kronprinz Mohammed Bin Salman in seiner Vision 2030 vorgegeben habe. Es gehe darum, das Land zu einer modernen Gesellschaft zu machen, ohne aber das absolut herrschende Königshaus zu kippen.

    "Sportswashing" ist nicht neu: Olympische Spiele 1936 in Berlin

    Cook betonte, "Sportswashing" sei nicht neu. Bereits 1936 seien die olympischen Spiele in Berlin dazu benutzt worden, ein strahlendes Bild des Dritten Reiches nach außen zu tragen. Und die Vereinigten Staaten von Amerika würden die Weltaufmerksamkeit sicherlich nicht auf Guantánamo gerichtet haben wollen, wenn die Olympischen Sommerspiele 2028 in Los Angeles stattfänden.
    Die Absicht hinter der Verpflichtung von Weltstars ist nicht immer zwangsläufig ein "Sportswashing. Viele Länder versuchen, ihre Ligen attraktiver zu machen, indem sie Starspieler anlocken. Die Major League Soccer in den USA zum Beispiel macht das schon seit Jahrzehnten. Unter anderem gingen die Fußballlegenden Pele, Franz Beckenbauer und jüngst Messi zum Ende ihrer Karrieren hin in die MLS.
    Neymar wird beim Klub Al-Hilal 320 Millionen Euro in zwei Jahren verdienen. Einst war er für die Rekordsumme von 222 Millionen Euro gewechselt, die Paris St. Germain im Jahr 2017 an den FC Barcelona zahlte. Mit sportlichen Bestmarken hatte der Torjäger zuletzt weniger Aufsehen erregt. Aus Europa hatte er keine Angebote für einen Wechsel erhalten. In Paris war ihm zuletzt keine Zukunft mehr prophezeit worden.
    Diese Nachricht wurde am 18.08.2023 im Programm Deutschlandfunk gesendet.