Donnerstag, 26. Mai 2022

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Nick Hornby: "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst"
Ehe ist, wenn man trotzdem lacht

Tom und Luise haben viel zu besprechen. Seit 15 Jahren sind sie verheiratet. Aber irgendwie läuft's nicht mehr gut. Also machen beide eine Paartherapie und treffen sich vor jeder Sitzung im Pub, zehn Mal in zehn Wochen. Nick Hornby hat aus diesen Pub-Gesprächen ein Pointenbuch über die Ehe gemacht.

Von Jörg Magenau | 20.04.2020

Der Schriftsteller Nick Hornby und sein Roman "Niemand hat gesagt, dass du ausziehen sollst"
Mann und Frau, mal wieder im Streit: Hornby versucht dem alten Thema neuen Witz abzugewinnen (Buchcover Kiepenheuer & Witsch, Autorenportrait: imago images | UPI Photo)
Tom und Louise sind wahrlich kein Traumpaar. Aber vielleicht sind sie gerade deshalb exemplarisch. Sie sind schon lange verheiratet, aber sind sie überhaupt noch zusammen? Wenn Sex ein Indikator für Nähe ist, dann sind sie schon seit längerer Zeit getrennt. Louise hatte eine Affäre. Tom wollte nicht mehr mit ihr schlafen. Er kann sich also nicht wirklich über ihren Fehltritt beklagen. Jetzt ist Tom ausgezogen, aber das ist – wie alles andere in dieser Hornby-Ehe – auch bloß provisorisch.
Leidenschaft gibt's nur noch im Ehestreit
Woche für Woche mühen sich Tom und Louise in einer Paartherapiestunde ab. Also haben sie sich noch nicht ganz aufgegeben. Schließlich hört man nicht einfach auf, sich zu lieben, bloß weil man sich trennen möchte. Vor der Therapie treffen sie sich jedes Mal in einem benachbarten Pub. Und die Gespräche, die beide dort führen, machen die "zehn Sitzungen" aus, in denen Nick Hornby von dieser Ehe oder Nicht-Ehe erzählt. Außerdem geht es auch noch um den Brexit, um Kreuzworträtsel und alte Schwarzweißfilme, um Ausflugsdampfer, Schlüssel und Kugelschreiber. Für den Brexit hat Tom aber bloß deshalb gestimmt, weil er Louise damit ärgern wollte.
"Wozu ist man denn verheiratet? Wenn es keinen Sex, keine Gefühle, keine Leidenschaft, kein gar nichts gibt? Du hättest schon ein T-Shirt mit der Aufschrift ICH BIN RAUS tragen können, bevor irgendwer überhaupt an ein Referendum gedacht hat. Europa: Du bist raus. Arbeit: Du bist raus. Ehe, Leben, Freunde: Raus, raus, raus."
Tom schaut auf die Uhr.
"Wir müssen los, sagt er. Wir kommen zu spät."
Er steht auf, Louise schaut ihn an.
"Das ist alles?"
"Hm, ja", sagt er. "das ist eine stichhaltige Zusammenfassung meiner gegenwärtigen Lage."
Dieser "Ich-bin-raus-aus-allem-Tom" ist ein geradezu klassischer Nick-Hornby-Held. Seit dessen autobiographischem Debütroman "Fever Pitch" über das Leben eines Fans des FC Arsenal vor bald zwanzig Jahren und seinem zweiten, ebenfalls autobiographisch grundierten Roman "High Fidelity" über die Leidenschaft zur Popmusik hat Hornby konsequent an solchen Männergestalten festgehalten, die ewige Kinder bleiben – und denen ihre Marotten wichtiger sind als ihr Berufs-Erfolg, die das aber durch ihren Humor und ihre unbesiegbare Schlagfertigkeit ausgleichen – ganz egal, wie traurig sie im Grunde ihres Herzens auch sein mögen. Hornbys Helden trotzen der empfundenen Sinnlosigkeit des Daseins, indem sie sich einer spätpubertären Leidenschaft hingeben, von der sie sehr wohl wissen, dass auch die letztlich bloß lächerlich ist. Gemeinhin gilt der britische Bestsellerautor als Meister des pointierten Humors. Das stimmt auch. Hornby ist immer – und fast schon penetrant – witzig, doch kaschiert er damit eine hartnäckig festsitzende Lebenstraurigkeit. Clowns sind ja schließlich auch oft traurige Leute.
Hornby bringt jedes Thema auf die Pointe
Die Obsession in "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst" ist die Ehe, oder vielleicht die Liebe, die in etwa denselben Status einnimmt wie Fußball oder Pop in den früheren Hornby-Romanen. Tom ist – wie Nick Hornby selbst – Popmusik-Kritiker und von daher auf Jugendlichkeit abonniert; Louise ist Ärztin, die es auf der geriatrischen Station mit alten, Menschen zu tun hat. Die Tätigkeitsfelder der beiden könnten also kaum weiter auseinanderliegen – falls man bei Tom, der arbeitslos ist und mangels Aufträgen meistens nur herumhockt, überhaupt von Tätigkeit sprechen möchte.
Was Tom und Louise verbindet, sind ihre zwei Kinder, der Alltag, die gute Gewohnheit – und etwas, das sie nicht zu benennen wissen. Wer sich offensichtlich nicht wirklich trennen möchte, muss doch etwas haben, was ihn zusammenhält. Was also macht eine Ehe aus und was macht sie noch in der Trennung so haltbar?
Was macht eine 'gute' Ehe aus?
Um diese zentrale Frage drehen sich alle zehn Dialoge des Ehepaares, die schon deshalb so flott und szenisch ausgefallen sind, weil Hornby sie fürs Fernsehen geschrieben hat. Die kurzen Zwischentexte sind allenfalls Regieanweisungen, und so muss dieses nebenbei entstandene, unterhaltsame Büchlein auch ohne Genre-Bezeichnung auskommen.
"Er schüttelt den Kopf. 'Das Problem ist: Die Ehe ist wie ein Computer. Man kann sie auseinandernehmen, um nachzuschauen, was drinsteckt, aber dann hat man hinterher hunderttausend Einzelteile in der Hand."
Louise seufzt verzweifelt und zustimmend, doch dann rafft sie sich auf'.
'Wie klingt das', sagt sie. 'Wir stecken die größeren Teile wieder rein, schmeißen die kleinen weg, schrauben die Kiste zu und machen einfach weiter?'
'Aber dann funktioniert es nicht.'
'Es funktioniert vielleicht nicht, aber es sieht immerhin wie ein Computer aus.'
Wenn die beiden sich selbst betrachten, als wären sie Filmfiguren oder Stimmen eines Hörspiels, dann halten sie sich für wenig glaubwürdig. Im richtigen Leben, so stellen die beiden Noch-Ehepartner bei Hornby fest, wären sie wohl kaum zusammen. Das Schöne am richtigen Leben ist aber, dass sie trotzdem zusammen sind – und es, soviel darf man vorwegnehmen, wohl auch bleiben werden. Schließlich lautet die Definition der Ehe, zu der Tom und Louise letztendlich finden, dass Eheleute gemeinsam so lange in einer permanenten Krise stecken, bis sie lernen, die Krise nicht mehr als katastrophale Ausnahme, sondern als Grundzustand zu begreifen. Muss man denn unbedingt befreundet sein, bloß weil man verheiratet ist? Es gilt also, sich von der Illusion zu verabschieden, die Ehe wäre ein perpetuum mobile, dem nie die Energie ausgeht.
Der Ton dieser Ehepartner-Dialoge ist ironisch bis sarkastisch. Nichts ist so gemeint, wie es gesagt wird. Alles, was nur so dahingesagt wird, bekommt eine metaphorische Tiefenbedeutung, über die dann ausführlich zu diskutieren ist. Alles bedeutet etwas, auch wenn es nichts bedeutet. Alles, was gesprochen wird, verschweigt aber auch etwas, doch das Verschwiegene leuchtet im Gesprochenen auf. Wie sich ein Paar in seinem eigenen Sprechen, in Andeutungen und in Nebensachen verheddert, halb lustvoll, halb verzweifelt, zeichnet Hornby meisterhaft nach. Fast so, als hätte er derlei Ehegespräche tatsächlich aufgenommen oder mitstenographiert, um der BBC eine Hörspielreihe zu liefern.
Viele Witze, aber keine neuen Erkenntnisse
Mehr allerdings ist "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst" nicht. Witz und Pointen sind wie so oft bei Nick Hornby im Zweifelsfall wichtiger als Erkenntnis. Was eine Ehe jenseits des bloßen Lebensarrangements ausmachen könnte, bleibt nicht nur den beiden Protagonisten verborgen, sondern auch den Leserinnen und Lesern. Am besten wäre es darum wohl, dieses Buch als Paar gemeinsam und mit verteilten Rollen zu lesen, dann hat man einen lustigen Abend. Und wer weiß: Vielleicht hat es sogar eine kathartische Wirkung, einem Paar, das nicht miteinander auskommt, dabei zuzuhören, wie es im Streit und in der Schrägheit der Argumentation dann doch ganz gut harmoniert. Als Louise am Ende vorschlägt, die Therapiesitzung sausen zu lassen und stattdessen noch ein Glas zu trinken, kann Tom sein Glück gar nicht fassen. Aber auch das ist nur von kurzer Dauer:
"Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll."
Er steht auf und geht zur Theke, dreht sich dann aber noch einmal zu ihr um.
"Doch, ich weiß, was ich sagen soll. Ich liebe dich."
Er meint es nicht ernst. Louise verdreht die Augen und sucht auf ihrem Handy nach der Nummer der Therapeutin.
Und so sind die beiden am Ende etwa da, wo sie auch am Anfang waren: miteinander verbandelt im fortgesetzten Trennungsprozess, der beste Voraussetzungen für eine lange, glückliche Partnerschaft bietet.
Nick Hornby: "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst. Eine Ehe in zehn Sitzungen"
Aus dem Englischen von Ingo Herzke.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 158 Seiten, 18 Euro.