Dienstag, 06. Dezember 2022

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Nur bedingt gefragt

Während der Ausbildung ins Ausland gehen, das klingt für viele eher abwägig. Grundsätzlich aufgeschlossener sind international orientierte Branchen wie Finanzdienstleistungen oder Hotellerie. Und auch bei Betrieben, die Zweigstellen im Ausland unterhalten, sind die Chancen auf einige Monate Ausland größer, denn viele halten es für hilfreich, wenn Azubis wissen, wie Geschäftspartner, Kunden und Zulieferer dort arbeiten.

03.03.2007

    Auslandsaufenthalt - die meisten Auszubildenden haben daran noch nicht gedacht:

    "- Weil ich nicht darüber informiert war, dass das überhaupt geht während der Ausbildung. - Ich hatte mir auch noch keine Gedanken gemacht, während der Ausbildung ins Ausland zu gehen, sondern eher privat dann nach der Ausbildung."

    Bei Azubis in international orientierten Branchen wie Finanzdienstleistungen oder Hotellerie sieht es anders aus.

    "Ich würde gern die Ausbildung im Ausland weitermachen. Sie legen's einem auch nahe, mal ins Ausland zu gehen. "

    ... sagt Marc Spiegel, Azubi im Mainzer Hilton-Hotel, über seine Ausbilder. Ein großer Teil der angehenden Hotelfachleute an der Berufsbildenden Schule für Gewerbe und Technik in Mainz will ins Ausland, zumindest die Azubis in den internationalen Hotelketten sind zuversichtlich, ein paar Wochen in einem Partnerhotel arbeiten zu können. Warum es ihnen wichtig ist:

    "- Kontakte - das ist das Hauptthema, dass man in jedem Hotel, wo man hingeht Kontakte knüpft, wenn man in einer großen Hotelkette ist, sieht man sich eigentlich immer wieder. - Dass man sieht, wie im Ausland gearbeitet wird, dass man Erfahrung sammelt und das in seinem Lebenslauf einbringen kann, dass man den Sprung ins Ausland einfacher schafft, wenn man da schon Erfahrung hat."

    An der Friedrich-List-Schule in Wiesbaden haben viele angehende Medienkaufleute Hochschul- oder Fachhochschulreife sowie gute Fremdsprachenkenntnisse. Das Paradoxe: die gute Vorbildung ist indirekt ein Hindernis für einen Auslandaufenthalt, weil sie ermöglicht, die Ausbildungszeit zu verkürzen - Isabel Klotzbach lernt bei einer Ärztefachzeitschrift und hat das vor.

    "- Wenn man verkürzt, geht die Ausbildung nur zwei Jahre und dann ist das nicht so sinnvoll wenn man dann für drei Monate weggeht,.
    - und zwei Jahre Ausbildungsdauer im Vertrag heißt anderthalb Jahre, dann steht die Abschlussprüfung bereits wieder bevor. Und in dieser kurzen Zeit ist es sicherlich sehr schwierig, ein halbes Jahr ins Ausland zu gehen."

    Ergänzt Schulleiter Wolfgang Thiel. Schwierig, aber nicht unmöglich, meint Heike Weidmann von der IHK Frankfurt am Main, Ansprechpartnerin für Auslandsaufenthalte in der Ausbildung bei den Industrie- und Handelskammern hessenweit. Wie sich ein Auslandaufenthalt in eine komprimierte Ausbildung integrieren lässt:

    Ein bestimmter inhaltlicher Block der Ausbildung muss im Ausland dann gelernt werden. Das ist auch Voraussetzung besonders bei längeren Auslandsaufenthalten. Man kann ja bis zu einem Viertel der zeit im Ausland zubringen. Da macht es Sinn, dass man sagt, ich mache einen Plan, stimme ihn mit der Berufsschule ab, stimme ihn vor allem mit der IHK ab, denn das ist für die Zulassung zur Prüfung wichtig. Und dann nur kann es funktionieren.

    Im Mittelstand haben sich die neuen Möglichkeiten für die Ausbildung noch nicht so richtig herum gesprochen, beobachtet Heike Weidmann, die auch im Arbeitskreis Auslandsaufenthalte in der Ausbildung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag sitzt. Es sei aber hilfreich, wenn Azubis wüssten, wie Geschäftspartner, Kunden und Zulieferer im Ausland arbeiteten. Moritz Priesterroth, Azubi beim Mainzer Verlag Schott Music hat seinen Ausbilder darauf angesprochen:

    "Gerade die Londoner Niederlassung ist die zweitwichtigste, da arbeiten 40 Mitarbeiter. Das ist bestimmt für den Betrieb von Vorteil, wenn der Auszubildende mal was anderes miterlebt hat, auch die Sprachkenntnisse werden ja immer wichtiger im internationalen Geschäft."

    Doch der Ausbilder vertröstete den 21jährigen auf die Zeit nach der Lehre. Die Ausbildung reiche doch kaum, um die Abteilungen im eigenen Haus zu durchlaufen. mit dem Nein zum Auslandsaufenthalt will Moritz Priesterroth sich nicht abfinden und nachhaken. Überzeugungsarbeit zu leisten, hält IHK-Bildungsexpertin Heike Weidmann für eine gute Idee.

    "Man kann auch in der Berufsschule mal nachfragen, was Berufsschullehrer meinen, was vielleicht ein Mehrwert wäre für das Unternehmen, aber eins ist klar: ein Auslandsaufenthalt im Rahmender Ausbildung funktioniert nur, wenn das Unternehmen das unterstützt. Man hat keinen Anspruch darauf."

    Auch die Großunternehmen, die seit Jahren gemeinsam mit der Mainzer Berufsbildenden Schule I in Mainz Frankreich-Aufenthalte über ein bilaterales Programm des Deutsch-Französischen-Sekretariats in Saarbrücken organisieren, schicken nicht alle Azubis ins Ausland. Simone Schweinhardt ist angehende Industriemechanikerin bei der Schott AG. Kommenden Monat fährt sie in die Provence. Eine Woche Schule, zwei Wochen Betriebspraktikum stehen auf dem Programm. Gemeinsam mit zwei weiteren wurde die 19 jährige von ihrer Firma ausgewählt,

    "weil wir relativ gute Noten haben und auch mal eine Woche in der Schule fehlen können, deswegen sind wir von Schott gefragt worden - nur die, die n bisschen was an Leistung bringen. "

    Sehr zurückhaltend sind bislang Kleinbetriebe, Handwerksmeister können oft keine Arbeitskraft entbehren, sie haben nicht genügend Personal, um die Formalitäten zu erledigen. Und dann sind da noch die Betriebe, die nicht in ihre Azubis investieren wollen. "Keine Chance auf einen Auslandsaufenthalt" sagt diese Auszubildende, die lieber anonym bleiben will.

    "Denn bei uns steht und fällt alles mit den Azubis. Man könnte Ausgelernte einstellen und die Azubis damit entlasten, aber das ist ne Geldfrage. Azubis sind einfach billiger, deswegen lässt man die nicht weg."