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Öl unter dem Eis

Geologie. Unter dem arktischen Ozean werden riesige Rohstofflagerstätten vermutet. Durch die Klimaerwärmung könnten diese bislang vom Meereis bedeckten und vollkommen unerreichbaren Reserven bald zugänglich werden. Klimaforscher gehen davon aus, dass der Arktische Ozean spätestens gegen Ende dieses Jahrhunderts im Sommer eisfrei sein könnte.

Von Monika Seynsche | 24.01.2007

Es ist der Winter, der Ingenieuren wie Andrew Palmer von der Universität von Singapur Sorgen bereitet. Denn Klimawandel hin oder her, in der kalten Jahreszeit wird die Arktis auch in 100 Jahren noch eisbedeckt sein. Dieses Eis wird sich wie ein tonnenschwerer Panzer auf alle oberirdischen Teile jeder Ölplattform legen, während die Pipelines am Meeresgrund vom treibenden Meereis in Mitleidenschaft gezogen werden könnten:

"Sobald Eis im flachen Wasser treibt, schabt es am Boden entlang. Dabei entstehen riesige Gräben: 50 Meter breit, bis zu 5 Meter tief. Und wenn da eine Pipeline im Weg ist, wirken Kräfte von mehreren tausend Tonnen auf sie ein. Das hält keine Pipeline aus. Man muss sie also tiefer vergraben, aber das ist sehr teuer."

Teuer wird es generell werden, an die Rohstoffe im hohen Norden heranzukommen, denn die herkömmlichen Techniken stoßen in der Arktis auf ihre Grenzen. Andrew Palmer erforscht seit Jahren, wie sich Ölplattformen vor dem arktischen Eis schützen lassen könnten.

"Eine Idee ist es, bewegliche Plattformen zu entwickeln. Wenn dann ein großes Stück Eis herantreibt, dem die Plattform nicht standhalten könnte, trennen Sie sie von den Pipelines und dem Verankerungssystem am Meeresboden und ziehen sie mit Schiffen aus dem Gefahrenbereich."

Spätestens wenn das Eis nur noch 20 Kilometer entfernt ist, müssten sich die Verantwortlichen auf der Plattform entscheiden, meint Andrew Palmer. Seinen Berechnungen nach bräuchte man von der Entscheidung bis zum Wegschleppen etwa einen halben Tag. Für die südlichen Bereiche des Arktischen Ozeans könnte eine solche bewegliche Plattform eine Option sein. Für die Gegend um den Nordpol herum käme sie nicht in Frage, denn dort ist das Meer stellenweise mehrere tausend Meter tief und wird auch in Zukunft im Winter von einer durchgehenden Eisschicht bedeckt sein.

Die einzige Möglichkeit, hier Öl und Gas zu fördern, böten Förderanlagen am Meeresgrund.

"Das könnte eine Art Kapsel am Meeresboden sein, die eine Energiequelle bräuchte. Die Bohrungen könnten im Zweifelsfall ferngesteuert ablaufen, aber das würde noch eine enorme Menge technischer Entwicklungen erfordern. Und dann bräuchten Sie noch Pipelines, um das Öl abzutransportieren."

Das klingt nicht nur nach Zukunftsmusik, es ist es. Noch wären die Entwicklungskosten für ein solches System enorm.

"Aber wer weiß, was in der Zukunft ist? Ich glaube, dass die Kosten für Öl und Gas dramatisch ansteigen werden und die Leute nicht doppelt so viel, sondern vielleicht zehnmal so viel werden zahlen müssen. Dann könnte sich so ein Unterwassersystem wirtschaftlich rechnen."

Die Wirtschaftlichkeit ist ein Aspekt. Für Salve Dahle ist er nicht der entscheidende. Im Auftrag der norwegischen Regierung untersucht der Biologe, welche Umweltauswirkungen die Öl- und Gasförderung in der Arktis haben könnte.

"Das schlimmste denkbare Szenario wäre eine Ölhavarie in meereisbedeckten Gebieten im Winter. Sie könnten an den Ölteppich einfach nicht herankommen, er würde lange Zeit da bleiben und Vögel, Robben, Eisbären und andere Tiere töten."

Meereis enthält unzählige Poren, in denen sich das Öl festsetzen und die Lebewesen im Eis gefährden könnte. Und anders als in südlicheren Gefilden fehlen hier oben viele der Mikroorganismen, die in der Lage sind Öl abzubauen. Trotzdem ist auch Salve Dahle nicht generell gegen die Ausbeutung der arktischen Lagerstätten, solange sie so umweltschonend wie möglich abläuft.