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StartseiteKultur heute"Wir stehen vor einer Bedrohung der liberalen Demokratie"21.05.2019

Österreichisches Polittheater"Wir stehen vor einer Bedrohung der liberalen Demokratie"

In seinem Stück "Alles kann passieren" hat der österreichische Autor Doron Rabinovici Aussagen rechter Politiker aus ganz Europa nebeneinander gestellt. Gespielt wird es am Wiener Burgtheater. "Wenn man das nebeneinander hört, merkt man: Das ist ein gemeinsamer Ansturm", sagte Rabinovici im Dlf.

Doron Rabinovici im Gespräch mit Mascha Drost

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Der österreichische Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovic am Rednerpult im Wiener Akademietheater (picture alliance /APA / picturedesk.com / Robert Newald)
Das Stück "Alles kann passieren" des Schrifstellers Doron Rabinovici wird gerade am Burgtheater gespielt (picture alliance /APA / picturedesk.com / Robert Newald)
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Mascha Drost: Seit Beginn der schwarz-blauen Regierungskoalition haben österreichische Schriftsteller vor ihr gewarnt – zuletzt rief Daniel Kehlmann in einer Rede Bundeskanzler Kurz dazu auf, diese Regierung aufzulösen. Dass es so schnell gehen würde, hat er wohl nicht erwartet, aber in die Freude über das Ende der Koalition mischt sich Fassungslosigkeit über die Umstände, über das Verhalten und die Aussagen eines Vizekanzlers in spe. Was sagt diese Affäre aus über die politische Kultur Ihres Landes? Diese Frage ging an den Schriftsteller Doron Rabinovici:

Doron Rabinovici: Immerhin sind die Freiheitlichen Minister jetzt nicht mehr in der Regierung. Das heißt, zunächst kann man schon sagen: Der Vizekanzler musste zurücktreten, auch Gudenus musste zurücktreten, also der Clubobmann der Freiheitlichen Partei, und in der Folge ist jetzt diese Koalition einmal zerbrochen. Allerdings, zugleich muss man sagen, dass der Kanzler noch immer nicht eingesteht, welchen Fehler er beging, diese Partei in die Koalition mit hineinzunehmen. Jetzt weitet sich doch, ja, die Krise auch auf ihn aus.

Zuckerl für positive Berichterstattung

Drost: Wie hat denn die Partei auf die Kulturszene Österreichs Einfluss genommen oder versucht, Einfluss zu nehmen?

Rabinovici: Ein Punkt, der doch sehr stark bedrückte, war die Art und Weise, wie man versucht hat, auf die Medienfreiheit Einfluss zu nehmen. Es gab vom Innenministerium eine interne Weisung, kritischen Medien - dem "Standard" und auch dem "Falter" und auch dem "Kurier", Wiener Zeitungen – nicht mehr unmittelbar Informationen weiterzugeben und dafür jenen Boulevard-Blättern, die positiv über den Innenminister und diese Politik der Abschottung berichten, wie es hier hieß, Zuckerl zu geben.

Es wurde der kritische Moderator Armin Wolf direkt angegriffen, auch vom Vizekanzler als Lügner bezeichnet. Es sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht mehr über Gebühren finanziert werden. Es gab einen heftigen Angriff auf die Medienfreiheit, auf die Öffentlichkeit, und letztlich hat das sehr stark auch zurückgewirkt auf die Kulturszene, die teilweise schon auch reagiert hat.

Slogans des Rassismus und der Mafia

Drost: Meinen Sie, dieser Angriff war erfolgreich?

Rabinovici: Nun ja, zum Beispiel sicherlich nicht beim "Falter" und sicherlich nicht bei Armin Wolf. Aber ich glaube, dass weniger renommierte Kollegen und Kolleginnen von Armin Wolf teilweise vielleicht schon eine Art Selbstzensur verspürt haben oder ihr nachgegeben haben. Das ist natürlich alles Spekulation. Was man aber letztlich sagen kann ist: Was jetzt passiert ist, ist ja, dass ein Video aufgetaucht ist, und in diesem Video – das ist ja ganz offenkundig – wird ja nur gesagt und wird nur offenbar noch einmal, was die ganze Zeit schon über die Freiheitliche Partei und ihre Politik geschrieben worden ist.

Nämlich hier geht es im Video darum, dass eine Zeitung, noch dazu eine, die eigentlich der Freiheitlichen Partei durchaus freundlich gegenüberstand, dass diese Zeitung aufgekauft werden sollte, dass sie unter Kontrolle gebracht werden sollte, dass manche Journalisten rausgeworfen werden sollten. Das heißt, in diesem Video wird ganz klar von Strache gesagt, sie streben die Orbánisierung der Medien an. Das war ihr Ziel und das wurde ja auch immer von den Kritikern und Kritikerinnen dieser Regierung gesagt. Das war ja offenkundig.

Das Interessante ist, dass sich mit diesem Video die Stimmung änderte, obwohl man nur das sieht, was vorher schon klar war, nämlich dass Rechtsstaat und liberale Demokratie nicht das Anliegen waren, sondern im Gegenteil angegriffen werden sollten. Es ist eine interessante Situation. Es ist ein bisschen so, wie wenn alle wissen, dass jemand Affären hat, aber erst, wenn man das Sex-Video sieht, in dem er relativ nackt dasteht, da zeigen sich alle erschüttert. Und es macht natürlich einen großen Unterschied, ob man in diesem Sex-Video einen Bademeister sieht oder zum Beispiel den Bundestagspräsidenten.

Und wir sind jetzt in der Situation, dass die Leute finden, das geht nicht, dass am Samstag offenkundig war, der Vizekanzler wird in einer Situation gezeigt, in der er blöd ausschaut. Nur: Was man da sah, war eigentlich nichts anderes als das, wofür er auch immer gewählt worden ist. Er ist gewählt worden für den Slogan "Unser Geld für unsere Leute". Das ist der Slogan des Rassismus schlechthin, aber es ist auch der Slogan der Mafia. Es ist ja letztlich das, wo Rassismus und Korruption immer zusammenfallen. Es ist ja letztlich der Rassismus nichts anderes als Tribalismus und Korruption in einem. Darum geht’s ja.

Mobilmachung gegen die Demokratie

Drost: "Alles kann passieren" – so heißt das Stück von Ihnen, das derzeit am Wiener Burgtheater läuft. Ein fast schon prophetischer Titel, muss man sagen. In diesem Stück haben Sie Zitate von Politikern wie Matteo Salvini, Viktor Orbán, aber auch Heinz-Christian Strache oder Herbert Kickl montiert. Das schreit ja fast nach einer Aktualisierung.

Rabinovici: Ja, wobei gleichzeitig muss man sagen, das Stück ist relevanter oder diese Aufführung ist relevanter als das, was aktuell passiert, denn dieser Satz, "alles kann passieren", den haben wir nicht erfunden, sondern den sagt Viktor Orbán. Und er meint damit, dass wir uns noch wundern werden – das wiederum auch ein Satz, den Norbert Hofer, der frühere Präsidentschaftskandidat der Freiheitlichen gesagt hat und auch bis vor kurzem noch Strache, der Vizekanzler.

Insofern hat sich das Stück oder hat sich diese Aufführung noch immer nicht sehr verändert. Wir stehen noch immer vor einer Bedrohung, vor einer Krise auch der liberalen Demokratie und es gilt, genau zuzuhören, was diese verschiedenen autoritären Gestalten in den verschiedenen europäischen Ländern sagen. Denn das Interessante ist ja: Sie machen gemeinsam mobil gegen die Kunst, gegen die Medien, gegen die Demokratie und gegen den Parlamentarismus, gegen die Gewaltenteilung.

Das Interessante ist: Normalerweise hören wir ja diese Reden nicht in den verschiedenen Sprachen und verstehen sie. Wir nehmen nur die Reden der Politiker in unserem Land wahr. Aber wenn man das nebeneinander hört, wenn man hört, klar auf Deutsch, was die sagen, dann merkt man: Das ist ein gemeinsamer Ansturm, das ist ein Stimmenorkan.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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